Archive for : Dezember, 2018

post image

„Familienabend“ 4. und letzter Teil

Folge 4:

„Ich fange so langsam an, die liebe Verwandtschaft zu hassen. Letzten zum Beispiel fing Karls Frau an, ob Paul nicht mal ihr Wohnzimmerfenster putzen könne. Sie hätte gar nicht mehr die Kraft dazu.“ Wolfgangs Mutter machte nach, wie gebrechlich ihre Schwägerin plötzlich tat. Selbst ihre Stimme piepste nur noch. „Ist das nicht eine Frechheit? Mein Mann ist selbst alt, schließlich lassen sie nur Rentner, na oder Stasi- bzw. Außenhandelsleute rüber. Da bildet die sich ein, Paul könne ihren Dienstbolzen machen. Ich habe sofort gesagt: Komm Paul, wir gehen! Was denkst Du, wie sich Dein Bruder aufgeregt hat. Wir sollen um Gottes Willen bleiben, seine Frau ist nicht mehr ganz normal. Das dürfe sie nie wieder tun usw.“

„Ich gebe Dir  nächstes Mal einen Eimer Wasser mit“, versuchte Karin zu ulken. Aber der Witz kam nicht an. „Na Scherz beiseite“, lenkte sie ein. „Wir haben im Urlaub auch mal einen kennengelernt, der eigentlich durch und durch Nazi war. Abends beim Skat, als er etliche Bier heruntergekippt hatte und er nicht mehr klar sehen konnte, fing er an Nazilieder zu singen. Und ihm gegenüber saß ein Skatbruder, der für jeden Halbblinden sichtbar sein Parteiabzeichen dran hatte. Aber der hat nichts gesagt, wollte wohl keinen Ärger machen. Worauf ich eigentlich hinaus will, ist folgendes: Dieser Mann, wie gesagt Ex-Nazi heute noch, erzählte mit leuchtenden Augen, das er singend und stolz lieber heute als morgen mit der roten Fahne in Westberlin einmarschieren würde. Dann beteuerte er zehnmal, dass dieser Tag kommt. Daran kann man sehen, wie auch dieser Mann bereits von den Westlern gedemütigt worden sein muss. Ich kenne viele, die denen drüben den Sozialismus gönnen, obwohl sie ihn selbst nicht lieben. So etwas kommt nicht von ungefähr. Wenn man es genau betrachtet, sind die Einzigen, die sich hin und wieder für uns einsetzen, die CDU/CSU-Politiker.“

Ein „Späti“ in der DDR. Alltag im Land der „kleinen Leute“. Foto: Jürgen Hohmuth

Wolfgangs Vater winkte ab, als wollte er sagen: Euch ist nicht zu helfen. Dann kramte er im Zeitungsständer, nahm sich eine „Berliner Zeitung“ heraus und ignorierte die weitere Unterhaltung. Nur hin und wieder, wenn er einen Schluck Kaffee trank, sagte er spöttisch: „Hm, Westkaffee!“

Das Drehbuch für die Gerichtsverhandlung am 14. März 1980 gegen das Ehepaar R. Minister Mielke zeichnete das Papier ab. Wilma erhielt sieben Jahre Haft. Vier Jahre und zwei Monate verbüßte sie. Ihre Texte blieben bis heute unveröffentlicht. Quelle: MfS/BSTU

Wolfgangs Mutter machte ihrem Sohn und der Schwiegertochter mit Zeichensprache verständlich, sie sollten den Opa in Ruhe lassen. Sie wollte nicht, dass er sich ärgere. Derartige Debatten führten nie zu etwas in der Familie. Allmählich merkte Jörg, dass er auch wieder zu Wort kommen durfte. Alle tranken etwas, nur er saß trocken. Seine Oma erlaubte ihm, sich eine Brause aus der Speisekammer zu holen. Ins Zimmer zurückgekehrt, erläuterte der Junge ihr die Hälfte aller Bilder seines Asterix-Heftes. Es kostete sie einige Mühe, ihm bei seiner sprudelnden Erzählung geduldig zuzuhören.

Als sie endlich wieder mit ihrem Mann allein war, nahm sie ihre Tabletten. Die Herzschmerzen setzten ihr zu.“ ENDE

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht. Wilma lebt heute zurückgezogen im Ostteil Berlins.

post image

„Familienabend“ Teil 3

Folge 3:

Das Radio dudelte gerade: „Geht es rundherum auf dieser Erde…“ „Bloß nicht für uns“, murmelte Wolfgang. Er langte nach seiner Tasse. Der Kaffee war allerdings noch zu heiß. Er stellte die Tasse wieder ab. Dann griff er noch einmal das Kreditthema auf: „Dass die drüben unserem Staat Kredite einräumen, und zwar gern, ist doch logisch.  Hier bürgt der Staat und nicht irgendeine Firma für die Rückzahlung des Geldes. Eine sicherere Anlage können die gar nicht haben.“

„Familienabend“ ist Teil der Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft aus den siebziger Jahren der DDR. Autorin Wilma R. bot sie einem West-Korrespondenten an. 1980 wurde sie zu sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ verurteilt.

„Sag mal“, wurde jetzt sein Vater gesprächiger, „Du glaubst wohl deren Gerede drüben, wie sie für mehr Menschlichkeit sind. Was denkst Du, warum die sich noch nie dafür eingesetzt haben, mit unserer Regierung Verträge abzuschließen, dass jeder DDR-Bürger auch eine bestimmte Menge unseres Geldes drüben in Westmark umtauschen kann, wenn er in das Gebiet einreist? Das werde ich Dir sagen, weil die nicht das geringste Interesse an uns haben, die quatschen lediglich. Oder denk mal daran, wie Du Dich geärgert hast, als die SPD anfing, davon zu reden, dass man auch über die Staatsbürgerschaftsfrage mit der DDR sprechen könne!

Ich sage Dir, für einen Wahlerfolg oder irgendwas Ähnliches verkaufen die Deine Staatsbürgerschaft und pfeifen auf ihr so hoch geheiligtes Grundgesetz und vor allem auf Dich. Das ist denen höchstens lieb, wenn Du dann bei einer eventuellen Reise durch Westdeutschland rausgeschmissen werden kannst, weil Du vielleicht dableiben wolltest. Ich weiß wirklich nicht, was Du an denen findest?“

Familie Kraft lebt in den siebziger Jahren in Ost-Berlin. Die Großeltern sind auf West-Reise bei den lieben Verwandten in West-Berlin.

Wolfgang sah seinen Vater an. So lange Vorträge hielt er sonst nicht. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich an denen was finde. Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich nicht genau, wen ich drüben wählen sollte, die SPD jedenfalls nicht.“

Auch Witze über den beliebten DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn werden protokolliert. Aus der Observationsakte Wilma R. Quelle: MfS/BSTU.

„Na vielleicht die anderen Fritzen von der CDU!“ fuhr ihn sein Vater an. „Diese Gauner, die nur die Interessen der Kapitalisten vertreten! Ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wie sie im Westen damals Stacheldraht an die DDR verkauft haben, um dabei zu helfen, uns hier einzuzäunen. Denen ist doch alles recht, wenn sie nur viel verdienen können. Die verkaufen ihre eigene Mutter, wenn`s sein muss.“

„Halt mal Vater, die CDU hat doch keinen Stacheldraht verkauft!“ „Ich habe auch nicht die CDU gemeint, sondern gesagt, dass die Interessen auch der Stacheldrahtverkäufer von der CDU wahrgenommen werden.“

Wilma wird observiert. Ost-Berlin. Oranienburgerstraße. 1978. Quelle: MfS/BSTU.

„Im Grunde ist es schon so“, meldet sich Wolfgangs Mutter zu Wort, „die wollen uns alle nicht, die drüben. Das fängt bei der lieben Verwandtschaft an. Die ärgern sich, wenn wir hier unsere Wohnung schön einrichten, zu allem Überfluss noch einen Garten leisten können. Dabei sind sie ohnehin der Meinung, viel mehr wert zu sein, weil sie im Westen leben. Für die existiert die Mauer nicht. Wir können zwar dreißig Tage rüber, aber dann sind wir dort völlig mittellos. Du kannst hier zig Tausende besitzen, Du darfst ja nichts mitnehmen. Und das genießen die Westler so richtig. Sie spielen den großen Gönner, wenn Du eine Nacht bei ihnen Dir das Begrüßungsgeld erschlafen darfst. Ich würde das keine zweite Nacht ertragen. Ich finde, die erreichen mit dieser Maßnahme, die bestimmt dazu gedacht war, dass die Verwandten besser in Kontakt bleiben, eher das Gegenteil.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

post image

„Familienabend“ – Teil 2

Folge 2:

„Ich gehe gerne zur Arbeit“, murmelte Jörgs Opa. Ich kann Dich schon verstehen“, sagte Karin, „nicht nur weil Dein Vater Kommunist war, denkst Du so. Ich freue mich genauso wenig wie Du, wenn Kapitalisten auf Knochen der Arbeiter reicher und reicher werden. Aber Du siehst doch, dass es dort besser funktioniert. Natürlich müssen die Arbeiter starke Gewerkschaften haben, sonst macht man mit ihnen, was man will. In de Punkt gebe ich sogar den Klassikern des Marxismus-Leninismus recht, dass die einzige Waffe der Arbeiter ihre Organisation ist.“

„Mein Gott, wir haben doch auch etwas geschafft!“ schimpfte der Opa. „Ja auch, aber eben weniger. Obwohl wir hier nicht fauler sind als drüben die Leute. Was denkst Du den denn, warum wir nicht mal nach dem Westen Können? Ich glaube kaum, dass Dein Vater sich hätte träumen lassen“, hielt ihm Wolfgang entgegen.

„Ich koche mal `nen Kaffee – aus dem Westen – für uns alle.“ Mit diesen Worten erhob sich Wolfgangs Vater und ging in die Küche. Dieses „aus dem Westen“ hatte er recht spöttisch in die Länge gezogen. Er hatte keine Lust, tiefsinnige Diskussionen mitzumachen. „Ach, lasst uns in Ruhe“, bat Wolfgangs Mutter. „Er meint`s ehrlich. Der ist zu alt, um sich noch zu ändern. Ein bisschen sieht er seinen Irrtum schon ein – wenn wir nicht alleine sind. Mir zuliebe würde er sogar rüberziehen. Aber ich hänge eben auch zu sehr an allem hier.“

Karin wusste, was sie speziell meinte. Sie konnte dann ihre Söhne und Enkel nicht mehr so oft sehen, vor allem konnten sie dann nicht zu ihr. „Sag mal Mutter, Du siehst heute nicht gut aus, hast Du überhaupt richtig geschlafen?“ wollte Wolfgang wissen.

Immer auf Posten. Firma „Horch und Guck“ im Einsatz.

„Kaum. Die Doppelbettcoach, die Pauls Bruder im Wohnzimmer stehen hat, schafft mich jedesmal. Vor allem schnarcht Dein Vater meist entsetzlich. Hier höre ich das nicht, hier liegt jeder in seinem Zimmer. Aber dort! Was macht man nicht alles, um diese lumpigen dreißig Westmark zu bekommen. Wenigstens eine Nacht musst Du da geschlafen haben, das ist es ja. Vor allem ist es so deprimierend, erst stehst Du danach an und dann reichen sie Dir das, als wenn Du ihnen die Füße küssen müsstest. Vielleicht sind das gerade solche, die früher massenweise aus dem Osten rausgeschleppt haben! Ich weiß, wie das Karl gemacht hat. Der hat heute noch seinen Oststaubsauger. Wenn ich nicht so schon immer genug zittern würde bis wir endlich durch die Grenze sind, dann würde ich was auf die dreißig Piepen pfeifen und mir drüben unser Geld umtauschen. Aber ich kann`s einfach nicht, ich hab nicht die Nerven dazu.“

Wolfgangs Mutter stützte ihren Kopf mit der rechten Hand. Sie wirkte matt. Der Opa kam mit den Tassen ins Zimmer. Hinter ihm, total aufgeregt, stürzte Jörg auf seine `Großmutter zu. Er wollte ihr alle Bilder und Texte zeigen, die ihm besonders gut gefallen hatten. Und das waren so fast alle. Wolfgang und Karin versuchten, ihn zu beruhigen. Er war total aus dem Häuschen, dabei brauchte die Oma wirklich ihre Ruhe.

„Sollen wir lieber gehen?“, fragte Karin vorsichtig. „Nein, nein! Habe ich Euch zu viel vorgejammert?! Beeilte sich Wolfgangs Mutter zu sagen. Jörg bekam striktes Redeverbot. Er zog sich in eine Ecke zurück, um das Heft einmal zu lesen. Seine Ohren leuchteten rot.


Wilmas Texte wurden vom Ministerium für Staatssicherheit eingehend begutachtet und „feindlich-negativ“ eingeschätzt.

Kurz danach kam Karins Schwiegervater mit dem „Westkaffee“. „Kaffee ist drüben auch wieder teurer geworden. Es wird überhaupt dauernd  alles teurer. Aber unser sogenanntes Begrüßungsgeld bleibt in der gleichen Höhe. Die Regierung drüben hat im Prinzip auch nur fromme Worte übrig, denen ist das egal, ob wir oder Jüngere rüberkommen können. Genaugenommen sind wir denen nur lästig. Die sind zufrieden, dass es die Mauer gibt. Unsere Probleme interessieren die gar nicht. Statt auf Menschenrechtsverletzungen bei uns mit wirtschaftlichem Druck zu reagieren, da geben sie denen hier einen Kredit nach dem anderen. Damit unsere Herren hier und im Ausland genug repräsentieren können. Habt Ihr das gestern Abend im Fernsehen gesehen? Wolfgangs Mutter war über ihren Besuch im Westen gar nicht besonders froh. Nur, das bei ihren Enkelkindern zu gern einen Wunsch erfüllte.

„Da fällt mir ein, was ein Kollege neulich zu dem neuen Kredit der Bundesrepublik an uns gesagt hat.“ Karin musste lächeln, dann äffte sie eine knarrige Stimme nach. „Tja, schadet euch rar nichts, dass wir euch wieder einen Kredit gegeben haben. Nun ist der Geldsack, den ihr schleppen müsst, noch dicker und schwerer geworden, hä, hä!“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

post image

„Familienabend“

Folge 1:

„Jörg, der für gewöhnlich bei seinen Schulaufgaben mindestens zehn Träume einschob, war flink fertig geworden. Heute Abend wollten sie zur Oma gehen, die gemeinsam mit Opa zwei Tage „drüben“ in Westberlin gewesen war. Er hatte sich ein „Asterix-Heft“ bestellt und war nun schon seit Tagen gespannt, ob sein Wunsch erfüllt würde. Gleich nachdem Karin und Wolfgang nach Hause gekommen waren, drängelte der Junge unentwegt, dass sie losgehen sollten.

 Bei der Großmutter angekommen, konnte er überglücklich seinen „Asterix“ in Empfang nehmen. Er zog sich in die Küche zurück und war für niemand zu sprechen.

„Familienabend“ gehört zur Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft, die sich Ende der siebziger Jahre dem DDR-Alltag stellt. Der Autorin Wilma R. wurden ihre Geschichten zum Verhängnis. Sie erhielt 1980 sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“,

Wolfgangs Mutter sah schlecht aus. Der Besuch musste anstrengend gewesen sein. Karin und Wolfgang fragten sie, wie es ihnen gefallen habe. Wolfgangs Mutter winkte ab: „Im Grunde ist es fruchtbar. Das fängt hier schon an, wenn sie einen mit fünfzehn Westmark für die dreißig möglichen Reisetage abspeisen.“ Wolfgang warf ein: „Das sind fünfzig Pfennig pro Tag, unser Geld darfst du ja nicht mitnehmen, sehr großzügig!“

„Ja, und so fühlst Du Dich dann auch – wie ein Bettler. An der Grenze werden wir abgefertigt, das kann man kaum beschreiben“, fuhr seine Mutter fort. „Ich mach doch mal das Radio an. Es ist so hellhörig bei uns. – Einen Ton schlagen die gegenüber uns alten Leuten an, sagenhaft. Da stehen nun einige und zittern schon vor Aufregung und dann werden sie fast nochgestukt. (Berlinisch: einen kleinen Stoß/Stups versetzen)

Die Ost-Berlinerin Wilma geriet schnell ins Visier des MfS. Die federführende Abteilung II/13 überwachte West-Journalisten in der Hauptstadt der DDR. Wilma wurde als sogenannte „Anläuferin“ registiert und „bearbeitet“.

Ich würde mich nicht wundern, wenn mal einer umkippt und stirbt. Ich bin jedenfalls fix und fertig, wenn wir durch sind. Dann kommst Du drüben an und bist den ganzen Tag ein Gefangener in der Wohnungvon Karl.“ Karl war der Schwager, also der Bruder von Jörgs Opa.

„Ich habe nichts gegen Karl und seine Frau, aber wir würden ganz gern, nachdem wir uns ein bisschen erholt haben, mal allein durch die Geschäfte gehen. Das erlauben die einfach nicht. Wisst Ihr, wenn die mitzuckeln, wird jede Mark, die Du ausgibst beobachtet und dauernd werden Gegenvorschläge unterbreitet. Also hocken wir den ganzen Tag bei denen oben. Ich meine, unser Essen bringen wir ja mit. Ich mache uns hier noch Fleisch und einiges anderes zurecht. Dass lass ich mir nicht nachsagen, dass ich mich durchfuttern komme. Meist essen die noch mit uns und erzählen mir dauernd: „Hilde, die Du das Fleisch zubereitest, das schmeckt ja wunderbar!“ Ich habe mich inzwischen mit der Menge darauf eingestellt. Dafür geben sie mir Bananenoder irgendwas anderes, was ich mit der Galle vertrage.“

Wilma wollte ihre Texte veröffentlichen. Da sie in der DDR keine Chance sah, nahm sie Kontakt zum „Feindsender“ ZDF auf. Das galt nach DDR-Recht als „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“.

Wolfgangs Vater kam ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel. „Na, Opa hat´s Dir gefallen?“, fragte ihn Karin. „Ach, na ja. Bei denen ist auch nicht alles so.“ Damit klappte ihr Schwiegervater den Mund wieder zu. Sehr gesprächig war er nie.


Wolfgangs Mutter schüttelte mit dem Kopf. „Du bist ulkig, Paul. Natürlich ist bei denen drüben nicht nur alles schön und rosig, aber sieh mal, welche Rente Dein Bruder bekommt und welche Du. Dabei hast Du Dein Leben lang schwere Arbeit getan und früher auch immer mehr verdient als er, hier bei uns haben sie Dich nur ausgenutzt. Wenn Du drüben gearbeitet hättest mit Deiner Bärenkraft, was hättest Du verdienen können! Aber Du warst Deiner inneren Einstellung treu, hast hier geschuftet. Hast Du dafür jemals einen Dank bekommen? Hat Dein Betrieb, der Dich zwar hundertmal für die Partei zu werben versucht hat, einen Finger krumm gemacht, als Du gesagt hast, Du kannst die vier Treppen nicht mehr jeden Tag laufen, Du hättest gerne eine andere Wohnung? Klar, drüben würde ein Kapitalist Dich ausnutzen, aber Du bekommst wenigsten was für Dein Geld. Hier musst Du als Rentner so hart arbeiten gehen, damit wir uns einigermaßen etwas leisten können.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

post image

Kleine Frau, was nun?


Sie hat so gelitten und ist noch immer voller Mut und Witz. Wilma R. lebt im Osten. Eine waschechte Berlinerin. Mitte siebzig. Zweieinhalb Zimmer mit Balkon. Eine Rente, die gerade so reicht. Eine „kleine Frau“ mit Herz und Schnauze. Sie konnte nicht wegsehen, Unrecht kaum ertragen. Für ihre große Klappe holte sie sich heftige Schrammen. Denn insgeheim wollte sie lieber Schriftstellerin als „Sachbearbeiterin“ werden. Also setzte sie sich abends nach Schicht und Kinderversorgung an ihre Schreibmaschine und tippte los. Mit unfassbaren Folgen.

„Tatort“ Dichterstube. Wenn Wilma die Arbeit getan hatte, fing sie abends an zu schreiben. Hier nahm ihre „Familie Kraft“ Gestalt an.
Alle Schwarzweiß-Fotos: Wilma R.

Berlin. Hauptstadt der DDR. Ende der siebziger Jahre. Wilma erfindet ihre Familie Kraft. Mann, Frau, Sohn. Eine Durchschnittsfamilie. Wohnung zu klein, Hoffnungen auf Besserung groß. Wilma schreibt über das, was sie täglich erlebt. Sie hat eine sozialistische Bilderbuch-Karriere hingelegt. Sie lernt Steinmetz, wird Kranführerin, jobbt als Stenosachbearbeiterin, studiert Ökonomie, arbeitet sich zur Abteilungsleiterin eines Großhandelsbetriebes hoch. Nur beste Referenzen. Doch sie erlebt den Alltag mit Versorgungsmängeln, Misswirtschaft und selbstgerechten Vorgesetzten. Motto: Hauptsache, der Plan wird erfüllt. Dafür ist jede Schummelei erlaubt.

Blick aus der Schreibstube. Berlin Prenzlauer-Berg. Gethsemanekirche. ca. 1978.

Als die Kurzgeschichten fertig sind, bietet sie die Texte dem ZDF-Korrespondenten an. Sie übergibt im Frühjahr 1978 dem West-Journalisten zwei Schnellhefter mit ihrem „Geschreibe“. Da steht sie bereits unter Beobachtung. In der DDR, weiß sie, haben solche Texte keine Chance. Sie hofft auf eine Veröffentlichung – im Westen. Nun nimmt das Unglück seinen Verlauf. Ihre Alltagsgeschichten mit Titeln wie „Familienabend“ oder „Golfrausch“ finden im Westen kein Interesse. Sie werden nicht veröffentlicht.

Als der Korrespondent 1979 die DDR verlässt, schlägt das Ministerium für Staatssicherheit zu. Es folgen Hausdurchsuchungen, Festnahme und monatelange Verhöre in Hohenschönhausen. Schließlich das Urteil: Sieben Jahre Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ (§ 106). Nach vier Jahren und zwei Monaten Gefängnis wird Wilma 1983 in die DDR entlassen. Sie kümmert sich um ihre kranke Mutter, arbeitet bis zur Rente bei der BVG. Ihr geschiedener Mann konnte Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Sohn in den Westen ausreisen. Die Familie blieb bis heute getrennt. Diese Mauer ist stabiler als jeder „antifaschistische Schutzwall“.

Vor gut einem Jahrzehnt lernte ich Wilma im Rahmen einer Recherche kennen. Wir veröffentlichten ihre vergessene Geschichte in mehreren ZDF-Beiträgen und in meinem Buch „Verrat verjährt nicht“. 2018 schreibt sie:

„Die DDR war mein Land, das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Behütet, fröhlich, vom Staat gefördert. Bis ich sehen und hören gelernt hatte. Bis dieses graue, vom verwaschenen rot überzogenen Land mein Herz und meinen Verstand erreicht hatte. Mich überfiel eine unendliche Traurigkeit, wie sie es Menschen, die es doch besser hätten wissen müssen, dieses Land verkommen ließen. Sie, die vielfach in Nazi-Zuchthäusern, in KZ, im Untergrund oder im Exil gelitten hatten, regierten stümperhaft, sahen überall in jedem den Feind, der nicht alles bejubelte, was sie beschlossen. (…)

Wir kennen das Ergebnis. Natürlich sind wir heute alle schlauer, ich auch. Und es ist natürlich leichter, jetzt Vergangenes zu beurteilen als damals die Gegenwart. Ich weiß nur: Ich habe an der Entwicklung des Landes gelitten. Mir fehlte die Nische, in der ich mich hätte verstecken können. Heute leide ich wieder und immer noch – aber anders.“

Aus Wilmas Observationsakte. Aufnahmen aus dem Jahre 1978, entstanden in der Mittagspause. Copyright: MfS/BSTU.


Wilma hofft, dass ihre Geschichten von der Familie Kraft eines Tages doch noch das Licht der Welt erblicken können. Wir machen hier einen Anfang. Von nun an soll ihre Erzählung „Familienabend“ in einer mehrteiligen Fortsetzungsgeschichte den Weg zu Leserin und Leser finden. Eine Premiere. Dreißig Jahre nach dem Abgang eines Landes, das ihre Texte nicht ertragen konnte. Wilmas „Angriffe“, hieß es in einem Stasi-Gutachten, seien „gegen die DDR, plump, durchschaubar, ohne Raffinesse“ gerichtet und zeugen „von ihrem Hass, gleichzeitig aber auch von ihrem niedrigen geistigen Niveau“.

Demnächst hier „Familienabend“.

post image

Schön, allein zu sein?

Dirk kramt umständlich einen Zettel aus der Tasche seiner Jogginghose. „Das ist die Nummer von Rosalie. Mein letzter Kontakt zur Außenwelt!“ Der Mann starrt mich mit leerem Blick an. Rosalie oder Rosi war seine polnische „Perle“, seine Putzfrau. Sie ist längst nach Hause zurückgekehrt. Dirk, Mitte sechzig, ist in Berlin geblieben. Allein unter Millionen. Er atmet schwer. Hilf mir, sagen seine Augen. Nur wie?


Unser Gespräch hat vor kurzem genau so stattgefunden. In einem leeren Aufenthaltsraum eines großen Berliner Krankenhauses. Dirk heißt in Wirklichkeit anders. Alles andere stimmt. Er hat keinen Menschen mehr, der ihn besucht, mit ihm redet, sich mit ihm unterhält, streitet, lacht oder weint. Einfach niemand. Als er jünger und „fitter“ war, hatte er „dufte Kumpels“ in seiner Stammkneipe. Aber offenbar keine echten Freunde. Verwandte und Geschwister hat er nicht mehr. Die Mutter war „vor den Russen“ aus Ostpreußen geflohen. Der Vater im Krieg geblieben.

Er ist über seinen „verfluchten Rolli“ gestürzt. Mehrere Rippen hat er sich gebrochen. Gebrochen wie sein Herz. Das ist schon viel länger krank. Kein schöner Zustand: Allein in Berlin. Dirk redet wie ein Wasserfall. Ich sitze ihm gegenüber, muss als ehrenamtlicher Betreuer nur zuhören. Mehr braucht er nicht. „Was soll ich jetzt tun?“ Er schaut mich groß an. „Zurück in meine Ein-Zimmer-Bude? Oder besser in eine betreute WG?“ Er wartet eine Antwort gar nicht ab, plappert weiter.  Das Amt vertröste ihn seit Wochen. Jetzt wolle er unbedingt aus dem Krankenhaus wieder raus. Das ist doch kein Leben mehr.

Jeder zehnte Deutsche leidet an Einsamkeit, sagen Studien.

Dirk ist einer der vielen einsamen Wölfe, die unerkannt durch unsere Städte ziehen. Sie machen sich unsichtbar. Werden übersehen. Einsamkeit ist ansteckend. Wer will sich diesen Virus schon einfangen? Einsamkeit ist so gefährlich wie 15 Zigaretten täglich, hat eine Studie festgestellt. Hirnforscher Manfred Spitzer behauptet in seinem neuen Buch sogar: „Einsamkeit ist das neue Rauchen. Saufen. Dicksein zugleich.“ Hat Spitzer Recht? Das würde am Ende doch bedeuten dass der dicke aber gesellige Trinker länger lebt?

In Berlin ist jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt. In jungen Jahren ist diese Wohnform sicher ein erstrebenswerter und freiwilliger Zustand. Im Alter sieht das Single-Leben anders aus. Hausärzte berichten, dass mittlerweile jeder zweite ältere Patient kommt, um „einfach mal wieder mit einem Menschen reden zu können“. Die neue Selbsthilfeorganisation Silbernetz versucht seit einem Jahr gegenzusteuern. Ihr Angebot: ein Notfalltelefon. Persönliche Gespräche statt Facebook oder Fernsehen. An Weihnachten wird der Bedarf wieder nach oben schnellen. Das Silbernetz-Motto: „Keine Frage zu groß. Kein Problem zu klein. Kein Grund, damit allein zu sein.“

„Einsamkeit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich.“ Das behauptet Manfred Spitzer, Uni Ulm.

Dirk ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Wie er sich entschieden hat, weiß niemand auf der Station.