Archive for : März, 2019

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Kafka Ahoj!


Kafka, Kundera, Vaclav Havel. Ach, und der berühmte Schwejk vom Schelmendichter Hasek! Das sind die Helden der tschechischen Literatur. War´s das? Keineswegs, versprechen die Macher von Gastland Tschechien. Sie rufen laut und fröhlich Ahoj! Dreißig Jahre nach der Samtenen Revolution von 1989 präsentiert sich unser Nachbar auf der Buchmesse in Leipzig. 55 Autorinnen und Autoren mit insgesamt siebzig Neuerscheinungen sagen, was zu sagen ist.

Die Tschechen bringen ihr ausgeprägtes Talent für Geschichten mit – dieser ganz spezielle Mix aus Tragödie und Komödie. Immer dazwischen. Meist auf der falschen Seite. Besetzt von Nationalsozialisten wie Kommunisten. Das Schicksal eines kleinen Landes im Konzert der Großen. So haben sich die Tschechen nach der Wende von der Slowakei getrennt und sind um die Hälfte geschrumpft. Statt eines  Dichter-Präsidenten mit kurzen Hosen steht mit Andrej Babis ein Altkader und Oligarchen-Premier mit dickem Portemonnaie an der Spitze des Zehn-Millionen-Volkes.

Tschechien profitiert heute wie kein anderes Land von der EU und lehnt Brüssel entschieden ab. Während die Prager Intellektuellen für Europa eintreten, werden sie von den Populisten als “Bessermenschen“ verlacht. Die Mehrheit wählt stramm national. Flüchtlinge sind unerwünscht. So viel Tragödie, Komödie und eine kräftige Prise Schwejk. Das hat die Literatur zu bieten. Gastland Tschechien. Hier einige Empfehlungen.

Allrounder Jaroslaw Rudis mit seiner Kafka-Band.

Tereza Semotamová. Im Schrank.

Eine junge Frau sucht ihren Platz in der Welt. Sie ist schüchtern und lebt zurückgezogen, hat die Nase von den Aufschneidern voll. Konsequent zieht sich in einen Kleiderschrank in ihrer Hinterhofwohnung zurück. Und fordert ihre Mitmenschen heraus. Ein starkes Roman-Debüt.

Tereza Semotamová. Wichtige Dinge spielen sich im Schrank ab.

Jarolsav Rudis. Winterbergs letzte Reise.

Der Star und Entertainer der Nachwende-Szene lässt seine beiden Helden – einen Veteranen und seinen Pfleger – von Berlin aus zum Schlachtfeld Königgrätz von 1866 ziehen. Am Ende landen sie in Sarajewo. Eine wilde Tour voller Historie, Witz und packender Reportage. Nominiert für den Buchpreis 2019.

Jaroslaw Rudis vor dem Café Liberál in Prag. Sein Lieblingsort.

Radka Denemarková. Ein Beitrag zur Geschichte der Freude.

Ein Ermittler muss einen Mord an einem Prager Geschäftsmann aufklären. Er verliebt sich in die schöne Witwe. Der Plot nimmt eine jähe Wendung, denn der Ermittler stößt auf drei ältere Damen, die weltweit gewalttätige Männer jagen. Das weibliche Simon Wiesenthal- Trio kennt kein Pardon. Schwalben spielen eine wichtige Rolle in diesem Roman der bekanntesten Gegenwartsautorin des Landes, der Schwalbe von Prag.

Vrastilav Manak. Heute scheint es, als wäre nichts geschehen.

Eine langweilige Familienfeier. Plötzlich werden Erinnerungen wachgeküsst, die Jahrzehnte zurückliegen. Geheimnisse tauchen auf. Der Aufstand der Skoda-Arbeiter in Pilsen vom Juni 1953. Opa erzählt, wovon keiner etwas wusste oder jemals wissen wollte. Vielversprechender Roman eines dreißigjährigen Talents.

Vrastilav Manak. Jahrgang 1988. Auf den Spuren der Großväter.

Martin Becker. Warten auf Kafka.

Der Angestellte Franz Kafka begeistert die Massen. Auch wenn ihn die Wenigsten lesen. Kafka ist Touristenmagnet und der tschechische Megastar. Berühmter als Karel Gott, Vaclav Havel oder die tschechische Torwartlegende Petr Cech. Was würde es für Boulevard-Blätter bedeuten, wenn herauskäme, dass Kafka verheiratet wäre? Martin Becker weiß es.

Petr Hruska. Irgendwohin nach Hause.

Hruskas Heimat ist Ostrava. Eine Malocher-Region. Hart, hässlich, schmutzig grau. Dort wird nicht viel geredet. Eigentlich ein echtes Manko für begabte Lyriker. Dichter Petr Hruska beweist das Gegenteil. Packende Poesie aus einer Bergarbeiterstadt.

Mehr eigenwillige, aufregende und absurde Geschichten aus dem Lande Schwejks auf der Leipziger Buchmesse vom 20. bis 24. März 2019.

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Jacob – Allein zu Hause

Dieses Talent sprengt alle Grenzen. Sein Name: Jacob Collier. 24 Jahre alt. Der nette Junge von nebenan. Aus dem unspektakulären Londoner Vorort Finchley. Wenn Jacob sich in sein kleines Versteck im elterlichen Reihenhaus zurückzieht, öffnet er eine faszinierende, andere Welt. Er musiziert alleine zu Hause. In seinem Zimmer. Und wie! Jacob Collier gilt als neues Wunderkind des Jazz. Manche meinen, er sei ein moderner Mozart. Ein Youtube-Maestro.

Mit Stevie Wonder sein erster Erfolg im Netz. Das war 2013.

Jacob Collier stammt aus einer hochmusikalischen Familie. Die Eltern sind beide Violinisten. In der Küche oder im Wohnzimmer stimmen sie mit Jacob und seinen zwei Schwestern manchmal Bach-Choräle an. Jacob singt als Schüler bereits in Mozarts Zauberflöte mit. Mit siebzehn Jahren postet er seine ersten Multimedia-Gehversuche ins Netz. Der Junge, der sich allein zuhause ausprobiert – in der ehemaligen Kemenate des Großvaters. Auch er war ein Geiger.

Kein Cover. Der erste Erfolg aus der „eigenen Stube“. Hideaway 2016.

Jacob verfeinert mit Loops (Schleifen) und Soundcomputern seinen Stil-Mix aus Jazz, Klassik, Folk, Pop und Gospel. Über allem liegt seine fantastische Stimme, die vom Sopran bis Bass reicht. Jede einzelne Note, jeder Ton entwickelt er in Heimarbeit. 2011 der erste Erfolg: Er covert Stevie Wonders „Don´t you worry `bout a thing“. Der Alleinunterhalter  erobert im Flug die Sozialen Netzwerke. Mit seiner ersten eigenen Komposition „Hideaway“ (Versteck) gelingt der Durchbruch.

Die Klickzahlen schnellen in die Millionen-Höhe. Jacob traut sich aus seiner Reihenhaus-Höhle auf die Bühnen der Welt. Die Größen der Jazz- und Popbranche melden sich bei ihm. Quincy Jones, Herbie Hancock oder Chick Corea. Es ist wie in einem Hollywood-Märchen. Mit 21 Jahren tritt Jacob, der Solist aus dem Reihenhaus, beim Montreux Jazz Festival auf. Im gleichen Jahr veröffentlicht er seine erste CD In my room. „Dieses Album repräsentiert, wie ich bisher Musik gemacht habe, in jenem Zimmer.“

An Englishman in New York. Mit Snarky Puppy 2016.

Mittlerweile hat Jacob mit Djesse sein zweites Album auf den Markt geworfen. Der junge Brite sucht den Kontakt zu anderen Musikern. Er lernt und profitiert von  neuen Einflüssen. So entstehen Co-Produktionen mit Hamid Es Kasri, der Gnava-Legende aus Marokko und dem niederländischen Metropole Orkest. Jacob, der musikalische Tausendsassa, tourt 2019 live durch die ganze Welt.

Was macht der Erfolg mit ihm? Es sei verrückt, antwortet er. Wörtlich sagt er: „Weird“. Weird kann vieles bedeuten. Ulkig, komisch oder auch gruselig. Seine Haus-Musik mit Loops, Vokalharmonizern und echten Instrumenten ist eine Entdeckung. Bleibt nur eine Frage: wäre Jacob auch in analogen Zeiten innerhalb kurzer Zeit so bekannt geworden? Vermutlich eher nicht. Wahrscheinlich würde er weiter vor sich hinwerkeln – alleine in seinem Zimmer im Reihenhaus von Finchley.

Blackbird von den Beatles – in einer Variante von Jacob. Allein mit Publikum.

Mehr über Jacob Colliers neues Projekt Djesse hier.

Jacob Collier mit Herbie Hancock, Quincy Jones und Chick Corea. Foto: privat
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Am Ende der Welt

Das Leben – eine Momentaufnahme. Wie heißt es so schön: Gestern ist Geschichte, das Morgen ein Geheimnis, heute ist das Leben. Während in Ballungsgebieten und Szenevierteln letzte Lücken zugebaut werden und bezahlbarer Wohnraum – scheinbar naturgegeben –Mangelware wird, verlässt der Pariser Fotograf Thomas Jorion ausgetretene Wege. Seit Jahren sucht er stille, verlassene und vergessene Orte. Manchmal sind diese Nischen gleich um die Ecke. Wir gehen nur achtlos an ihnen vorbei.

Thomas Jorion. Papagallo. Italien. 2018

Jorion dokumentiert abseits der Großstädte die Kunst des Verfalls, die  creatio ex nihilio. Wo einst auf dem Lande Pracht und Luxus gefeiert wurden, hat er faszinierende Formen der Vergänglichkeit gefunden. Jorion liefert Antworten auf das laute Zeitalter der Selbstoptimierung und totalen Inszenierung. Schaut her, das ist, was bleibt! Der 43-jährige Franzose zeigt in seiner neuesten Arbeit italienische Paläste und Villen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Thomas Jorion. Pensile. Italien. 2018

Zehn Jahre recherchierte Thomas Jorion in ganz Italien, reiste von Nord nach Süd, bis ans Ende der Welt. Er hielt in den Ruinen alle Formen und Farben fest – von Wiesengrün über Himmelsblau, Erdbraun bis Ziegelrot. Offenbar kümmert sich niemand mehr um diese verlassenen Orte. Um Sommerhäuser, Palais und verwunschene Gärten. Eine Expedition in die Vergangenheit. Nichts für nervöse Menschen mit ihren funkelnden Smartphones und teuren Sneakers.

Thomas Jorion. Fondali. Italien. 2017

Les Palais oubliés. Bis 6. April 2019. Galerie Esther Woerdehoff. Paris.