Category : global

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Zu viel Hitze

Es musste wohl so kommen. Das Osterfeuer fiel aus. Zu trocken, zu warm, zu hohes Risiko. Waldbrandstufe 4 im April. Die offizielle Absage. „Unvorstellbar. Das kannste einfach nicht glauben. Ist doch Wahnsinn!“ Seit Menschengedenken treffen sich die Menschen des Dorfes einmal im Jahr am Feuer. Arm und reich. Alt und jung. Einheimische und Zugereiste. Stille und Laute. Klugscheißer und Güllefahrer. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon einmal absagen mussten“, grübelt der Feuerwehrchef. Er hat Katastrophen, Herrscher und Besserwisser kommen und gehen sehen. Aber das hat er noch nie erlebt. Der Feuerwehrchef kratzt sich nachdenklich an der Stirn, senkt leicht die Stimme. Das macht er immer, wenn er etwas

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Neues Deutschland

Harte Arbeit, schlecht bezahlt.  Viele Termine, keine Zeit. Ständig auf dem Sprung, völlig ausgebrannt. Wer mithalten will, muss alles geben, sich ständig optimieren. Durchhalten bis zum Umfallen. Deutschland hat sich verändert. Kaum zu glauben: Nur wenige Flecken dieser Erde sind gleichermaßen so wohlhabend wie gereizt, so strebsam wie genervt. Unter Druck heißt das neue Buch von Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Die Journalistin hat genau hingeschaut und noch genauer zugehört. Eine Tugend, die selten geworden ist. In einer Zeit, in der jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint. Sechs Menschen dieses Landes hat Simon porträtiert. Eine Ingenieursfamilie kurz vor dem Burn-Out. Eine coole aber gestresste Influencerin,

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„Reich aber sexy?“

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See, Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg“, singt Peter Fox von Seeed. Der Traum vom idealen Heim, von Natur und Freiheit, Gemeinschaft und Geborgenheit. Der Häusle-am-See-Song ist genau elf Jahre alt. Genau solange ist ein Mann am Ruder, dessen Wirken in Berlin Aufregung, Staunen wie Unbehagen auslöst: Michael Zahn, Jahrgang 1963, Diplom-Volkswirt aus Freiburg. Der Super-Mann des Konzerns Deutsche Wohnen. In Zeiten, in denen selbst ein Wohnwagenplatz 600 Euro kostet, soll sein Unternehmen nun volkseigen werden. Mietdämpfung durch Enteignung. Das sieht ein Bürgerbegehren vor. Im Visier ein Immobilienkonzern, der zwei riesige Wohnbaugenossenschaften übernommen hat: erst die Gehag, 2013 die GSW. Mittlerweile verwaltet

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Trockenbewohner

Eine schöne Bleibe. In Berlin. Am besten mit Terrasse über den Dächern. Mit Blick auf Fernsehturm, Park und Spree. In der begrünten Straße Kneipe, Club und Späti. Dazu nette Nachbarn. Hausfeste. Immer ein Parkplatz vor der Tür. Wenn´s sein soll, Nightlife bis der Arzt kommt. Warum nicht? Alles eine Frage des Etats. Wer zahlt, kann alles haben. Wer nicht mithalten kann, hat eben Pech gehabt. Alles neu? Von wegen. Der Mann – ein Dichter, knapp bei Kasse – ist Anfang fünfzig, im besten Alter. Frau, vier Kinder. Die Familie ist „Trockenbewohner“ einer feuchten Parterrewohnung am Landwehrkanal. Der Eigentümer, ein Holzhändler, erhöht kräftig die Miete. Der arme Poet bittet um Gnade.

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Make Bach great again

Leipzig im Frühjahr. Die Helden-Stadt von 1989. Die Messe-Metropole blüht auf. Wärmende Sonne. Zuversicht. Zuzug. Tüftler, Studenten, junge Familien wagen ihr Glück. In den Straßen innerhalb des Rings herrscht geschäftiges Treiben. Doch die Stadt ändert gerade ihr Gesicht. Wieder einmal. So wie vor dreißig Jahren – nach der Wende. Die Globalisierung drückt ihren Stempel auf. Schleichend, aber unübersehbar. An der belebtesten Fußgängerzone, der Grimmaischen Straße, befand sich einst ein großer Buchladen. Heute? – Sitz von Vodafone. Smartphones statt Schiller und Ferdinand von Schirach. Ein paar Schritte weiter das Kino Capitol, einst zentraler Ort des Dokfilmfestivals. Heute? – Zalando Outlet. Eine ältere Leipzigerin schüttelt den Kopf. „Das Kino haben sie plattgemacht.

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Ein Wort zu viel

Dieses Jahr feiert Europa das dreißigste Jahr des Mauerfalls. 1989 – ein Epochenjahr. Das Ende des Eisernen Vorhangs. Anlass für eine fröhliche Party? – „Unsinn. 1989 ist das Jahr der  Trauer. Ein Ärgernis. Eine Katastrophe.“ Das sagt Gaspar Miklos Tamás, der ungarische Architekt des Systemwechsels von 1989. Der Ungar ist siebzig Jahre alt, aber im Kopf hellwach. Philosoph, Parteigründer, Abgeordneter, Vor- und Querdenker. „Die Wende hat keine Fans in Osteuropa. Im Gegenteil Freiheit ist nur noch ein Kampfbegriff. Eine leere Hülse.“ Was ist passiert? Tamás, in Ungarn nur GMT genannt, wurde 1948 in Rumänien geboren. Er wuchs als Angehöriger der ungarischen Minderheit auf. Seine Eltern waren begeisterte Anhänger des Sozialismus.

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Kafka Ahoj!

Kafka, Kundera, Vaclav Havel. Ach, und der berühmte Schwejk vom Schelmendichter Hasek! Das sind die Helden der tschechischen Literatur. War´s das? Keineswegs, versprechen die Macher von Gastland Tschechien. Sie rufen laut und fröhlich Ahoj! Dreißig Jahre nach der Samtenen Revolution von 1989 präsentiert sich unser Nachbar auf der Buchmesse in Leipzig. 55 Autorinnen und Autoren mit insgesamt siebzig Neuerscheinungen sagen, was zu sagen ist. Die Tschechen bringen ihr ausgeprägtes Talent für Geschichten mit – dieser ganz spezielle Mix aus Tragödie und Komödie. Immer dazwischen. Meist auf der falschen Seite. Besetzt von Nationalsozialisten wie Kommunisten. Das Schicksal eines kleinen Landes im Konzert der Großen. So haben sich die Tschechen nach der

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Jacob – Allein zu Hause

Dieses Talent sprengt alle Grenzen. Sein Name: Jacob Collier. 24 Jahre alt. Der nette Junge von nebenan. Aus dem unspektakulären Londoner Vorort Finchley. Wenn Jacob sich in sein kleines Versteck im elterlichen Reihenhaus zurückzieht, öffnet er eine faszinierende, andere Welt. Er musiziert alleine zu Hause. In seinem Zimmer. Und wie! Jacob Collier gilt als neues Wunderkind des Jazz. Manche meinen, er sei ein moderner Mozart. Ein Youtube-Maestro. Jacob Collier stammt aus einer hochmusikalischen Familie. Die Eltern sind beide Violinisten. In der Küche oder im Wohnzimmer stimmen sie mit Jacob und seinen zwei Schwestern manchmal Bach-Choräle an. Jacob singt als Schüler bereits in Mozarts Zauberflöte mit. Mit siebzehn Jahren postet er

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Am Ende der Welt

Das Leben – eine Momentaufnahme. Wie heißt es so schön: Gestern ist Geschichte, das Morgen ein Geheimnis, heute ist das Leben. Während in Ballungsgebieten und Szenevierteln letzte Lücken zugebaut werden und bezahlbarer Wohnraum – scheinbar naturgegeben –Mangelware wird, verlässt der Pariser Fotograf Thomas Jorion ausgetretene Wege. Seit Jahren sucht er stille, verlassene und vergessene Orte. Manchmal sind diese Nischen gleich um die Ecke. Wir gehen nur achtlos an ihnen vorbei. Jorion dokumentiert abseits der Großstädte die Kunst des Verfalls, die  creatio ex nihilio. Wo einst auf dem Lande Pracht und Luxus gefeiert wurden, hat er faszinierende Formen der Vergänglichkeit gefunden. Jorion liefert Antworten auf das laute Zeitalter der Selbstoptimierung und

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Macht. Das Gedicht. Aus. – An.

So viel Aufregung war selten. Avenidas. Ein Gedicht. Acht Zeilen. Geschrieben auf einer Wand. Knallharte Konflikte um einen alten Dichter. Eugen Gomringer (94), der „Altmeister der konkreten Poesie“.  Getilgt im Namen von Aufklärung, Sittlichkeit und Reinheit der Lehre. Der Preis für derartige politische Korrektur: 31.575,59 Euro. So viel kostete die Übermalung. Nun ist das Acht-Zeilen-Gedicht wieder aufgetaucht. Ein Comeback, ein paar Straßen weiter. Avenidas ziert nun ein Genossenschaftshaus im Berliner Bezirk Hellersdorf. So viel Wirkung war selten. Der bizarre Berliner Bilderstreit lässt eine weitere Blüte der Poesie reifen. Seit einigen Tagen heißt es wieder: „Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“ Das neue,

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