Category : global

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Sax und Bach

Sie steht im Mittelpunkt. Ganz in weiß. Das Ensemble der lautten compagney trägt schwarz. Das Saxofon glänzt golden, sobald Solistin Asya Fateyeva loslegt. Ein Crossover-Abend. Klassische Musik des 17. Jahrhunderts trifft auf Klassiker des 20. Jahrhunderts. Henry Purcell jammt mit den Beatles. Die Saxofonistin schenkt dem Abend Seele, Leidenschaft und Können. Das Beste: Sie spielt ihre Soli, ohne sich als Star zu inszenieren. Faszinierend. Saxofon und Klassik. Geht das? Aber klar doch, wenn Asya ihrem Messing-Gerät den nötigen Atem schenkt. Als die junge Saxofonistin mit der „Alte-Musik-Band“ den Beatles-Oldtimer „When I am 64“ anstimmt, geht ein Raunen durch das Publikum. Die Zielgruppe gluckst selig. Die Babyboomer-Generation schwelgt in Jugendzeiten. Yesterday.

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Allendes Enkelin

Geschlagen ziehen die Großeltern nach Haus. Die Enkel fechten` s besser aus. Das meint der Volksmund. Bald wird in Chile eine Enkelin den Beweis antreten müssen, ob diese Volksweisheit stimmt: Maya Fernández Allende. Die Veterinärmedizinerin soll ab März 2022 Verteidigungsministerin werden. Die 50-jährige Sozialistin hat damit künftig die Generalität zu befehligen und die müssen parieren. Ein Himmelfahrtskommando? Ein alter Obrist drohte bereits offen, ihre Ernennung sei eine „Schande“ für die Armee. „Das einzige Verdienst von Frau Fernández ist ihr Hass auf die Streitkräfte“, tönte der Mann, der 2018 wegen Ermordung von mindestens 15 Allende-Anhängern verurteilt worden war.     Vor fast genau fünfzig Jahren stürzten Obristen mit Hilfe des US-Geheimdienstes

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Wer ist Sonja?

Sie sitzt aufrecht in einem Berliner Café. Sie schaut ernst und abwartend. Fast gelangweilt. Ihre Augen schauen uns direkt an. Ihre Tischnachbarn sind nur angedeutet. Wahrscheinlich sind sie unwichtig. Obwohl, wer weiß? Die Frau im „kleinen Schwarzen“ raucht, wartet, überlegt. Hofft sie, den großen Moment zu erleben oder das kleine Glück nicht zu verpassen? Sonja. Berlin, 1928. In jenem Jahr wurde mein Vater geboren, mein Schwiegervater auch. Der Maler Christian Schad hat diesen kühlen, flirrenden Augenblick des Zeitgeistes festgehalten. Nun ist Sonja nach sechs Jahren Umbauzeit wieder zu sehen. Die Ausstellungsmacher der neueröffneten Neuen Nationalgalerie in Berlin haben Sonja in die „Neue Sachlichkeit“ einsortiert. Doch wer ist Sonja?    

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Neues Deutschland

Harte Arbeit, schlecht bezahlt.  Viele Termine, keine Zeit. Ständig auf dem Sprung, völlig ausgebrannt. Wer mithalten will, muss alles geben, sich ständig optimieren. Durchhalten bis zum Umfallen. Deutschland hat sich verändert. Kaum zu glauben: Nur wenige Flecken dieser Erde sind gleichermaßen so wohlhabend wie gereizt, so strebsam wie genervt. Unter Druck heißt das neue Buch von Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Die Journalistin hat genau hingeschaut und noch genauer zugehört. Eine Tugend, die selten geworden ist. In einer Zeit, in der jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint. Sechs Menschen dieses Landes hat Simon porträtiert. Eine Ingenieursfamilie kurz vor dem Burn-Out. Eine coole aber gestresste Influencerin,

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„Reich aber sexy?“

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See, Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg“, singt Peter Fox von Seeed. Der Traum vom idealen Heim, von Natur und Freiheit, Gemeinschaft und Geborgenheit. Der Häusle-am-See-Song ist genau elf Jahre alt. Genau solange ist ein Mann am Ruder, dessen Wirken in Berlin Aufregung, Staunen wie Unbehagen auslöst: Michael Zahn, Jahrgang 1963, Diplom-Volkswirt aus Freiburg. Der Super-Mann des Konzerns Deutsche Wohnen. In Zeiten, in denen selbst ein Wohnwagenplatz 600 Euro kostet, soll sein Unternehmen nun volkseigen werden. Mietdämpfung durch Enteignung. Das sieht ein Bürgerbegehren vor. Im Visier ein Immobilienkonzern, der zwei riesige Wohnbaugenossenschaften übernommen hat: erst die Gehag, 2013 die GSW. Mittlerweile verwaltet

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Trockenbewohner

Eine schöne Bleibe. In Berlin. Am besten mit Terrasse über den Dächern. Mit Blick auf Fernsehturm, Park und Spree. In der begrünten Straße Kneipe, Club und Späti. Dazu nette Nachbarn. Hausfeste. Immer ein Parkplatz vor der Tür. Wenn´s sein soll, Nightlife bis der Arzt kommt. Warum nicht? Alles eine Frage des Etats. Wer zahlt, kann alles haben. Wer nicht mithalten kann, hat eben Pech gehabt. Alles neu? Von wegen. Der Mann – ein Dichter, knapp bei Kasse – ist Anfang fünfzig, im besten Alter. Frau, vier Kinder. Die Familie ist „Trockenbewohner“ einer feuchten Parterrewohnung am Landwehrkanal. Der Eigentümer, ein Holzhändler, erhöht kräftig die Miete. Der arme Poet bittet um Gnade.

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Make Bach great again

Leipzig im Frühjahr. Die Helden-Stadt von 1989. Die Messe-Metropole blüht auf. Wärmende Sonne. Zuversicht. Zuzug. Tüftler, Studenten, junge Familien wagen ihr Glück. In den Straßen innerhalb des Rings herrscht geschäftiges Treiben. Doch die Stadt ändert gerade ihr Gesicht. Wieder einmal. So wie vor dreißig Jahren – nach der Wende. Die Globalisierung drückt ihren Stempel auf. Schleichend, aber unübersehbar. An der belebtesten Fußgängerzone, der Grimmaischen Straße, befand sich einst ein großer Buchladen. Heute? – Sitz von Vodafone. Smartphones statt Schiller und Ferdinand von Schirach. Ein paar Schritte weiter das Kino Capitol, einst zentraler Ort des Dokfilmfestivals. Heute? – Zalando Outlet. Eine ältere Leipzigerin schüttelt den Kopf. „Das Kino haben sie plattgemacht.

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Kafka Ahoj!

Kafka, Kundera, Vaclav Havel. Ach, und der berühmte Schwejk vom Schelmendichter Hasek! Das sind die Helden der tschechischen Literatur. War´s das? Keineswegs, versprechen die Macher von Gastland Tschechien. Sie rufen laut und fröhlich Ahoj! Dreißig Jahre nach der Samtenen Revolution von 1989 präsentiert sich unser Nachbar auf der Buchmesse in Leipzig. 55 Autorinnen und Autoren mit insgesamt siebzig Neuerscheinungen sagen, was zu sagen ist. Die Tschechen bringen ihr ausgeprägtes Talent für Geschichten mit – dieser ganz spezielle Mix aus Tragödie und Komödie. Immer dazwischen. Meist auf der falschen Seite. Besetzt von Nationalsozialisten wie Kommunisten. Das Schicksal eines kleinen Landes im Konzert der Großen. So haben sich die Tschechen nach der

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Macht. Das Gedicht. Aus. – An.

So viel Aufregung war selten. Avenidas. Ein Gedicht. Acht Zeilen. Geschrieben auf einer Wand. Knallharte Konflikte um einen alten Dichter. Eugen Gomringer (94), der „Altmeister der konkreten Poesie“.  Getilgt im Namen von Aufklärung, Sittlichkeit und Reinheit der Lehre. Der Preis für derartige politische Korrektur: 31.575,59 Euro. So viel kostete die Übermalung. Nun ist das Acht-Zeilen-Gedicht wieder aufgetaucht. Ein Comeback, ein paar Straßen weiter. Avenidas ziert nun ein Genossenschaftshaus im Berliner Bezirk Hellersdorf. So viel Wirkung war selten. Der bizarre Berliner Bilderstreit lässt eine weitere Blüte der Poesie reifen. Seit einigen Tagen heißt es wieder: „Alleen/Alleen und Blumen/ Blumen/Blumen und Frauen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“ Das neue,

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Prager Fenstersturz

Wirkliche Veränderungen, so heißt es bei Bismarck, sind aus Blut und Eisen geschmiedet. Anpacken, zur Tat schreiten, vollendete Tatsachen schaffen. Die Prager haben damit Erfahrung. Dreimal in ihrer Geschichte haben sie den Fenstersturz als Methode des Herrschaftswechsels praktiziert. Zuerst stürzten aufständische Hussiten 1419 die Obrigkeit aus dem Rathaus. 1618 warfen wütende Protestanten katholische Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die Herren überlebten. Aber nicht Außenminister Masaryk 1948. Er lag zerschmettert im Hof des Czernin-Palastes. Der 1618er-Fenstersturz löste einen verheerenden dreißigjährigen Glaubenskrieg in Europa aus. Der 1948er sicherte den Kommunisten eine vierzigjährige Herrschaft in der neuen CSSR. Der Eiserne Vorhang teilte fortan Europa. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. In

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