Category : global

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„Familienabend“

Folge 1: „Jörg, der für gewöhnlich bei seinen Schulaufgaben mindestens zehn Träume einschob, war flink fertig geworden. Heute Abend wollten sie zur Oma gehen, die gemeinsam mit Opa zwei Tage „drüben“ in Westberlin gewesen war. Er hatte sich ein „Asterix-Heft“ bestellt und war nun schon seit Tagen gespannt, ob sein Wunsch erfüllt würde. Gleich nachdem Karin und Wolfgang nach Hause gekommen waren, drängelte der Junge unentwegt, dass sie losgehen sollten.  Bei der Großmutter angekommen, konnte er überglücklich seinen „Asterix“ in Empfang nehmen. Er zog sich in die Küche zurück und war für niemand zu sprechen. Wolfgangs Mutter sah schlecht aus. Der Besuch musste anstrengend gewesen sein. Karin und Wolfgang fragten

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Kleine Frau, was nun?

Sie hat so gelitten und ist noch immer voller Mut und Witz. Wilma R. lebt im Osten. Eine waschechte Berlinerin. Mitte siebzig. Zweieinhalb Zimmer mit Balkon. Eine Rente, die gerade so reicht. Eine „kleine Frau“ mit Herz und Schnauze. Sie konnte nicht wegsehen, Unrecht kaum ertragen. Für ihre große Klappe holte sie sich heftige Schrammen. Denn insgeheim wollte sie lieber Schriftstellerin als „Sachbearbeiterin“ werden. Also setzte sie sich abends nach Schicht und Kinderversorgung an ihre Schreibmaschine und tippte los. Mit unfassbaren Folgen. Berlin. Hauptstadt der DDR. Ende der siebziger Jahre. Wilma erfindet ihre Familie Kraft. Mann, Frau, Sohn. Eine Durchschnittsfamilie. Wohnung zu klein, Hoffnungen auf Besserung groß. Wilma schreibt über

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Schön, allein zu sein?

Dirk kramt umständlich einen Zettel aus der Tasche seiner Jogginghose. „Das ist die Nummer von Rosalie. Mein letzter Kontakt zur Außenwelt!“ Der Mann starrt mich mit leerem Blick an. Rosalie oder Rosi war seine polnische „Perle“, seine Putzfrau. Sie ist längst nach Hause zurückgekehrt. Dirk, Mitte sechzig, ist in Berlin geblieben. Allein unter Millionen. Er atmet schwer. Hilf mir, sagen seine Augen. Nur wie? Unser Gespräch hat vor kurzem genau so stattgefunden. In einem leeren Aufenthaltsraum eines großen Berliner Krankenhauses. Dirk heißt in Wirklichkeit anders. Alles andere stimmt. Er hat keinen Menschen mehr, der ihn besucht, mit ihm redet, sich mit ihm unterhält, streitet, lacht oder weint. Einfach niemand. Als

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Schlaflos in Pjöngjang

Die Welt taumelt am Rande einer Katastrophe schreibt der Spiegel. „Jeden Augenblick könnte der Atomkrieg ausbrechen“. Die Rede ist von Nordkorea. Viele Menschen fürchten, dass am anderen Ende der Welt plötzlich einer die Nerven verliert. Diktator Kim Jong-Un und US-Präsident Donald Trump belauern, provozieren und drohen sich bis ans Messer. Droht der große Knall? Sterben für Korea? Ich will lieber vom Leben erzählen. Vor über zehn Jahren hatte ich die einmalige Gelegenheit, das geschlossene System der Kim-Dynastie eine Woche lang zu besuchen. Als Mitglied einer deutschen Delegation unter Leitung der damaligen Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach. Eine kluge und unbeugsame Frau, die vor einem Jahr verstorben ist und in diesen

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Alles nur Theater

An der blauen Donau. Die Chefin ist eine stattliche Frau. Mit strengem Dutt, einer stattlichen Tracht auf dem Leib und glühender Leidenschaft für ihr Haus. Christine Geierhofer, irgendwo in den Siebzigern, ist Hausherrin am Stadttheater Grein an der Donau. Grein? – Nie gehört! – Ein Fehler. Denn dieser kleine Ort in Österreich erzählt eine große Geschichte: Von der Bühne des Lebens. Seit 1791, seit Napoleons Zeiten, spielen sie im winzigen Donaustädtchen ums Leben gern Theater.       Christine Geierhofer erklärt, lächelt, schwärmt. Einmal die Woche führt sie Besucher aus aller Welt durch ihr Haus. Es wird zu einem echten Schlüsselloch-Blick hinter die Kulissen. Der Rundgang beginnt im Kerker. Die

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„Mein Gott“

Berlin. Die endlos lange U7 in Richtung Neukölln. Es ist 12 Uhr mittags. Ein Sonnabend im Advent. Der Zug ist gut gefüllt. Ein beleibter Straßenmusiker betritt die U-Bahn. Sofort legt er auf seiner Gitarre los. Er singt ein amerikanisches Weihnachtslied. Die Fahrgäste ertragen es teilnahmslos. Keiner schaut hin. Wie immer. Am Ende seines Liedes wünscht der Musiker mit deutlich britischem Akzent „Merry Christmas. Frohe Weihnachten. Salam Aleikum.“ Der Gitarrist zückt seinen Hut für Trinkgeld, als ein Mann mit Bart, Mitte dreißig, mit lauter Stimme ruft: „Du hast meinen Gott beleidigt.“     Für einen kurzen Moment herrscht Stille im Abteil. Ich sitze drei Reihen entfernt. Anspannung liegt in der Luft.

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Nice-Land

Junge bärtige tollkühne Männer mit achtziger Jahre-Haarschnitt stürzten selbstbewusste, überhebliche, topondulierte Profis von ihrem Ross. Eine echte Saga, Marke Island. David gegen Goliath. Tapfere Trolle gegen gigantische Gladiatoren. Sie verhalfen den Briten zum sportichen Brexit. Nun sind die Isländer gegen Frankreich ausgeschieden. Zwei Tore reichten nicht – die Franzosen netzten davon fünfe ein. Egal. Das isländische Sommermärchen ist vorbei. Einziger Wermutstropfen: Nun wird die EM ein wenig langweiliger. Island hatte nie eine Armee. Seit dem 13. Jahrhundert aber sind Isländer die besten Geschichtenerzähler. „Snorra Edda“ – ihre Blaupause für Heldengeschichten. Seit Jahren liebe ich diese kleine, große Insel am Rande der Welt mit Eis und Feuer, Gletschern und Vulkanen. Bewundere

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Ewige Jugend

Was ist, wenn der tägliche Tropfen zum Höhepunkt wird? Nicht der gute Tropfen, den man trinkt sondern der quälende den man lässt? Was, wenn man nicht mehr weiß, ob mit der großen Jugendliebe mehr als Händchenhalten war? Ach, wie hieß sie noch einmal? Zwei alte Freunde hängen ihren Erinnerungen nach. Ewige Jugend heißt ein stiller, melancholischer Film, der die letzten großen Sehnsuchts-Fragen aufwirft. Zwei alte Knaben, gespielt von Michael Caine und Harvey Keitel stecken in einem biederen Schweizer Berghotel fest. Der Zauberberg lässt grüßen. Ein goldener Käfig voller Narren und skurriler Gäste. Über Geld reden die Insassen nicht, das hat man einfach und gibt es im Luxusresort gleich wieder aus.

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Eine Stadt am Limit

„Berlin – eine Erfolgsgeschichte“ so verkündet es eine funkelnagelneue Werbebroschüre des Berliner Senats. Auf dem Titel ist das Brandenburger Tor zu sehen und im Inhalt leuchten die Superlative. Berlin ist hip, top und voller Aufschwung, heißt es. Die deutsche Hauptstadt sei „attraktiv“ und „lebenswert“. Berlin habe „alles, was man braucht“. Ein „gut vernetzter“ Treffpunkt, „für alle da“, er „biete Chancen“ und zeuge selbstredend „von Weltrang“. Natürlich fehlt der Flughafen, auf den die Stadt seit über 1290 Tagen wartet. Keine Rede ist vom Chaos am weltweit bekannten neuen Checkpoint LaGeSo. Keine Silbe ist zu finden über Bürgerämter, die für einfachste Dinge wie einen Pass verlängern Monate brauchen. So ist das eben

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Ein Brief an Freund Hitler

Die Adresse lautet. An „Herr Hitler, Berlin, Germany“. Am 23. Juli 1939, knapp sechs Wochen vor Ausbruch des II. Weltkrieges setzt sich ein Mann im fernen Indien an seine Schreibmaschine. „Lieber Freund“, beginnt er freundlich, er müsse diese Botschaft jetzt schicken, die Zeit sei reif. Ein Krieg müsse unbedingt verhindert werden. Der Absender? Mahatma Gandhi. Wörtlich schreibt der vielgepriesene gewaltlose Verfechter der indischen Unabhängigkeitsbewegung und bekennende Pazifist: „Lieber Freund. Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden. Offenbar sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg

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