Category : global

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„Sprechen Sie mal lauter!“

Natürlich hatte ich Herzklopfen. Was frage ich wann und wie? Womit beginne ich? Was, wenn er mir sein Missfallen im berühmt-berüchtigten Oberlehrerton kurz und knapp überbrät? Mich korrigiert, zurechtstutzt, in Einzelteile zerlegt. Der Feldwebel, der Macher, kurzum der Mann mit der gefürchteten Schmidt-Schnauze. Schon zu Lebzeiten eine Legende. Helmut Schmidt. Bundeskanzler, Welterklärer, Bach-Liebhaber und leidenschaftlicher Raucher. Als Schmidt im noblen Hotel Vierjahreszeiten an der Hamburger Binnenalster zum Interview im Rollstuhl vorgefahren wurde, zogen die feinen Hotelgäste den Hut, raunten, blieben ehrfürchtig stehen, grüßten. Einige verneigten sich wie vor einem leibhaftigen König. Das Personal hatte an jeder möglichen Ecke überdimensionale Steh-Aschenbecher postiert, obwohl im 5-Sterne-Hotel allen Sterblichen die Ausübung des Nikotinlasters

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Deja vu?

Geschichte wiederholt sich nicht. Das sagen gerne Historiker. Aber wie ist es mit Geschichten, Konflikten, Situationen? Doch, bestimmte Geschichten kommen und gehen und wiederholen sich. Entweder als Farce oder Tragödie. Oder beides zusammen. Mit großem Trommelwirbel und einem meist kleinlauten Finale. Katzenjammer inklusive. Seit diesem Sommer hält die Massenflucht aus den Notstandsgebieten dieser Erde unser Land in Atem. Zwischen praktischer Hilfe und Pegida-Gebrüll wechselt die deutsche Seelenlage. Seit Wochen werden die Töne schriller, die Stimmung gereizter. Gewalt wird wieder zu einer Option. Aus Worten werden Waffen. Es wird gepöbelt, gedroht, geschlagen. Scharf, schrill und wenn es sein muss mit Baseball-Schlägern.   Vor genau 23 Jahren war die Lage im damals

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Die Shanghai-Boys

Sonntagabend. Punkt Sieben. Sechs alte Herren nehmen Platz. Weiße Sakkos, schwarze Fliege. Die dünnen Haare gegelt, Strähnen sorgfältig über das blanke Haupt gefaltet. Die Herren geben sich gelassen und abgeklärt. Der Älteste am Saxofon ist 94 Jahre alt. Der Schlagzeuger bohrt in der Nase. Der Trompeter checkt letzte Nachrichten auf dem Smartphone. Dann aber höchste Konzentration. Denn ihr Name verpflichtet: Old Jazz Band. Auf geht´s. Die Show beginnt im Peace Hotel. Einst erstes Haus der Kolonialzeit mitten in Shanghai. Eine vornehme Adresse. Nun wieder schick saniert. Aber auf sympathische Art leicht verstaubt, ein wenig aus der Zeit gefallen. Que sera erklingt. Ein paar Besucher wippen mit den Füßen. Eine elegante

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Sehnsucht nach der arschlochfreien Zone

Berlin leuchtet. Doch nur das Landleben verspricht Erfüllung. Viele gestresste Kopfarbeiter der Großstadt suchen in Brandenburg ihr Seelenheil. Es ist die ungestillte Sehnsucht nach dem einfachen, natürlichen Leben. Nach einer arschlochfreien Zone, so Max Moor, allseits präsenter TV-Moderator und märkischer Vorzeige-Aussteiger. Leitfigur vieler Schreiber, Sänger, Tänzer, Performer, Dokumentarmacher, Diskussionsingenieure, Lecture-Virtuosen, Postdramatisten und Gender-Aktivisten. Sie wollen offline gehen im Märker-Land. Im Land mit der geringsten Internet-Dichte. Das Netz ist hier noch analog.   Die Sehnsüchtigen möchten die Freiheit des Landes genießen, aber bloß nicht zum Landei mutieren. So verwandeln Berlin-Aussteiger ihr Leben in eine Doppelexistenz. Sie eint ihr Blick für das Besondere und der Wille, sich neben dem Job in Büros

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Die an das Recht glauben

„Doch er war ein Held“, sagt Jacqueline van Maarsen nach längerem Zögern. „Ich hatte immer gedacht, meine Mutter hat uns das Leben gerettet.“ Die Niederländerin Jacqueline, heute 86-jährig, war die beste Freundin von Anne Frank. Sie überlebte, weil der zuständige NS-Rassereferent beide Augen zudrückte und ihre Familie verschonte. Seine Name: Hans Calmeyer. Ein deutscher Jurist. Ein ungewöhnlicher Mann.   Sein stilles Wirken im besetzten Holland ist weitgehend vergessen. Dabei hat der Mann mehr Menschenleben gerettet als der berühmte Oskar Schindler, dem Hollywood ein Denkmal gesetzt hat. Seine Geschichte hat Jurist Hans Calmeyer in einem Lebenslauf selbst zusammengefasst. Geschrieben in der dritten Person kurz nach Kriegsende. Sachlich, distanziert, im Stile eines

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Zweite Heimat – ein Erfolgsmodell?

Neunzehn Millionen Deutsche wissen nicht mehr, wie es sich mit Teilung, Mauer und Grenzkontrollen lebte. Wie es war mit zwei Hauptstädten, zwei Währungen und zwei Gesellschaftssystemen, die sich wie Feuer und Wasser verhielten. Neunzehn Millionen Deutsche wurden nach 1990 geboren, dem Jahr der Einheit. Wie hat sich das neue Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelt? Wurde die historische Chance genutzt? Vier Menschen aus diesem Land erzählen in der Doku Zweite Heimat ihre Geschichte. Ehrlich, offen und manchmal mit einem lachenden, manchmal mit einem weinenden Auge. Ist alles besser geworden?   Das sind die vier Deutschland-Erkunder: Jörg Schönbohm. Jahrgang 1937. Geboren in Neu-Golm bei Bad Saarow/Brandenburg. Die Familie flüchtete

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Solo für Mathias

Der Mann ist eine echte Entdeckung in der internationalen Jazzszene. Wie kein anderer entlockt der Norweger seiner Trompete feinste balladenhafte oder energisch explosive Töne. Mathias Eick hat das gewisse Etwas. Seine Band den Blues. Jazz vom Feinsten. Angetrieben von zwei Drummern fordert seine atmosphärische Trompete eine Violine zum Zwiegespräch heraus. Heraus kommt ein unverwechselbarer nordischer Sound als würde man federleicht in einen der Fjorde gleiten. Mathias Eick ist 36 Jahre alt. Er stammt aus der traditionsreichen norwegischen Musikerfamilie. Er begleitete nicht nur Jazzgrößen wie Chick Corea oder Pat Metheny, sondern unterstützte auch die Psychodelic-Rocker von Motorpsycho. Seine Musik ist vielseitig. Überhaupt Norwegen. Das raue Land hoch im Norden scheint ein

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Der genaue Blick

Fan Ho. Fotograf. Regisseur. Schauspieler. Genannt: Der „Große Meister“. Sein Markenzeichen: Schwarzweißaufnahmen, die in formaler Strenge Momentaufnahmen mit unerreichter Detailtreue festhalten. Der Fotokünstler Fan Ho. Geboren in Shanghai, geflüchtet nach Hongkong. Nun kehrt der 78-jährige Chinese in seine Heimatstadt zurück. Mit Bildern und unverwechselbaren Porträts aus der Neuen Welt Hongkong, dieser Megastadt zwischen Tradition und Moderne. Autodidakt Fan Ho zog mit der geschenkten Rolleireflex-Kamera seines Vaters los. Durch die Häuserschluchten und Gassen. Über Märkte und durch Bahnhöfe. Er fotografierte Alltagsszenen, Slums und vor allem Kinder. Manche war damals nur wenig jünger als das Riesentalent mit der Kamera des Vaters. Fan Ho sei ein würdiger Vertreter der Bauhaus-Generation, schreiben Kritiker. Die

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Das kurze Leben des Aylan

Man mag nicht hinschauen. Es lässt einen nicht los. Der reglose Körper des kleinen Aylan aus Kobane, Syrien. Angespült am Strand der Touristenhochburg Bodrum. Ertrunken im Alter von drei Jahren. Die Eltern wollten vor dem Krieg nach Kanada flüchten. Ohne Visum und die richtigen Papiere vertraute sich die Familie Schleppern an. Das kleine Boot kenterte nach dem Ablegen in Richtung Europa. Familie Kurdi wurde ausgelöscht. Mutter und zwei Söhne starben. Nur der Vater überlebte.   Tausend Euro pro Person nahmen die Schlepper. Schwimmwesten gab es nicht. Die sind längst ausverkauft. Kurz nach der Abfahrt gerät das überladene Boot mit 23 Flüchtlingen in starken Wellengang. Vater Abdullah Kurdi schildert die dramatische

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Das Geheimnis von Christianstadt

Die einstige Rüstungsschmiede von Christianstadt ist heute mit einem doppelten Maschendrahtzaun und NATO-Stacheldraht auf der Krone sowie Infrarot-Sensoren ausgestattet. Zutritt strengstens verboten. Gerüchteweise heißt es, dort befinde sich eine Spezialeinheit mit einem KFZ-Instandsetzungswerk. Sicher ist nur: hier war bis 1945 das Zentrum der größten Munitionsfabrik des Dritten Reiches. Das verwunschene Werksgelände liegt mitten in einem riesigen Waldgebiet, eine Autostunde von der deutsch-polnischen Grenze bei Forst entfernt. Der Ort selbst heißt heute auf Polnisch Nowogród Bobrzanski. Ein verschlafenes Provinzstädtchen mit vielleicht zweitausend Einwohnern. Das nahe gigantische Sprengstoffwerk mit dem Tarnnamen Ulme war Geheime Reichssache. Und so scheint es, ist es bis heute geblieben.   Der äußere Bereich mit zwei Kraftwerksruinen und

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