Eine Stadt am Limit

„Berlin – eine Erfolgsgeschichte so verkündet es eine funkelnagelneue Werbebroschüre des Berliner Senats. Auf dem Titel ist das Brandenburger Tor zu sehen und im Inhalt leuchten die Superlative. Berlin ist hip, top und voller Aufschwung, heißt es. Die deutsche Hauptstadt sei „attraktiv“ und „lebenswert“. Berlin habe „alles, was man braucht“. Ein „gut vernetzter“ Treffpunkt, „für alle da“, er „biete Chancen“ und zeuge selbstredend „von Weltrang“.

Natürlich fehlt der Flughafen, auf den die Stadt seit über 1290 Tagen wartet. Keine Rede ist vom Chaos am weltweit bekannten neuen Checkpoint LaGeSo. Keine Silbe ist zu finden über Bürgerämter, die für einfachste Dinge wie einen Pass verlängern Monate brauchen. So ist das eben in einer wachsenden Boom-Stadt. Mehr als einhunderttausend Neubürger zählt Berlin in diesem Jahr. Pioniere, Hipster, Glücksucher,  Flüchtlinge, Gestrandete. Es sind Gründerzeiten. Glanz und Elend wohnen dicht an dicht. Die einen im Dachgeschoss, andere parterre links, zweiter Hinterhof. Wie vor über hundert Jahren.

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Nachdenken über Häuser, Straßen, Plätze. Genauer hinschauen auf Menschen, Moden, Macken, Trends. Karl Scheffler wagte sich mit 51 Jahren an die große Hass-Liebe Berlin.

 

Berlin sei „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein“. Dieses Bekenntnis meißelte 1910 der Architekturkritiker Karl Scheffler in den Berliner Gründerstein. Er verfluchte Berlin als ein Stadtschicksal. Der Text liest sich als wandere er noch heute durch Straßen und über Plätze, als hätten drei Systeme, zwei Kriege, Mauern und Marschparaden nie stattgefunden. Scheffler sieht in Berlin eine ewige Kolonialstadt für Abenteurer, Flüchtlinge und Glücksritter. Scheffler: „Freiwillig wählte diese Stadt nicht leicht Jemand zu dauerndem Aufenthalt, der im Mutterland sein Auskommen finden konnte.“

Und die Bewohner? Scheffler, der Beobachter notiert: „Die Berliner sind ein verwegenes Geschlecht, wie Goethe sagte, sind nüchtern, praktisch, materiell und schwer einzuschüchtern; die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, ist jung, rücksichtslos und unternehmend. Es fehlt das Pathos, das falsche, aber auch das echte, und damit fehlt die Fähigkeit, sich schön dazustellen.“

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Kudamm. Ecke Uhlandstraße. Der alte Westen leuchtet. Alles eine Frage des Lichts.

Florian Illies ist mit der Entdeckung von Karl Schefflers DNA-Analyse über Berlin wieder ein echter Wurf gelungen. Die Geschichte einer faszinierenden Zeitreise. Erzählt am Beispiel  einer wendischen Fischersiedlung, die zur mächtigen Millionenstadt emporschoss, „voller Hässlichkeit“ und Großmäuligkeit, verloren „im endlosen Ostland“ manchmal ganz deftig kleinkariert. Das Büchlein „Berlin ein Stadtschicksal“ ist knallrot umrahmt und passt unter jeden Weihnachtsbaum.

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