Die Shanghai-Boys

Sonntagabend. Punkt Sieben. Sechs alte Herren nehmen Platz. Weiße Sakkos, schwarze Fliege. Die dünnen Haare gegelt, Strähnen sorgfältig über das blanke Haupt gefaltet. Die Herren geben sich gelassen und abgeklärt. Der Älteste am Saxofon ist 94 Jahre alt. Der Schlagzeuger bohrt in der Nase. Der Trompeter checkt letzte Nachrichten auf dem Smartphone. Dann aber höchste Konzentration. Denn ihr Name verpflichtet: Old Jazz Band.

Auf geht´s. Die Show beginnt im Peace Hotel. Einst erstes Haus der Kolonialzeit mitten in Shanghai. Eine vornehme Adresse. Nun wieder schick saniert. Aber auf sympathische Art leicht verstaubt, ein wenig aus der Zeit gefallen. Que sera erklingt. Ein paar Besucher wippen mit den Füßen. Eine elegante Schönheit nimmt in der ersten Reihe Platz. Die junge Dame bestellt ein Glas französischen Rotwein. Das Viertel zu dreißig Euro. Die Preise im Peace Club sind gesalzen. Der teuerste Champagner kostet 17.000 Yuan. Das sind umgerechnet fast 3.000 Euro. Natürlich kommt die Flasche aus Frankreich, genau richtig gekühlt, versteht sich.

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Jeden Abend im Peace-Hotel in Shanghai. Die Old Boys geben sich die Ehre. Mister Zhou Wan Rong in der ersten Reihe. Mitte. Er ist 94 Jahre alt.

Überhaupt. Zwischen den Stücken machen die alten Knaben lange Pausen. Es folgt ein bizarres Schweigen. Aus dem Nichts gibt der Pianist ein Zeichen. Dann geht´s weiter. Oh, when the saints go marching on. Die Shanghaier Millionärstochter nippt an ihrem Weinkelch, produziert am laufenden Band Selfies. Schaut her, bin ich nicht schön! Sie bittet den Kellner Aufnahmen von ihr mit der Band zu machen. Sie wirft sich vor der Old Jazz Band in Positur, das Weinglas in der Hand. Der Kellner kommt ins Schwitzen. Er muss ausdauernd lange knipsen, bis Madame endlich zufrieden ist. Die Band spielt stoisch weiter.

Eine chinesische Touristengruppe füllt den Saal. Junge Chinesinnen schießen Fotos, widmen sich dann gleichfalls nur noch ihren Handys. Eine Schweizerin erklärt am Nachbartisch ihrer Familie, das sei doch hier ein echtes Erlebnis. Ganz authentisch.

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Das Hotel Peace wurde 1929 eröffnet. Es überlebte Krieg, Kulturrevolution und neureichen Tiger-Kapitalismus. Der Jazz lebt.

 

Zhou Wan Rong ist der älteste Musiker. 94 Jahre alt. Er ist älter als das Hotel. Eröffnet als Carthey Hotel 1929 entwickelte es sich zum glamourösesten Ort des neureichen Shanghais. Hier verkehrte die feine Gesellschaft. Abenteurer, Reisende, Geschäftsleute, Diplomaten. „Die Elite der Welt“, heißt es. Das Hotel steht heute wieder als Zeuge für „Stil, Energie und Würde“, verspricht der Werbeflyer.

Der Saxofonist Zhou war in der Mitte des Lebens, als Mao 1956 in diesem Haus eine Friedenskonferenz abhielt. Da war er 45 Jahre – im besten Alter. Mao machte aus dem kolonialen Treffpunkt das Peace Hotel. So heißt es noch heute. In der Kulturrevolution durfte in der Hotelbar kein Jazz gespielt werden. „Dekadent, kapitalistisch, Ausdruck einer untergegangenen Epoche“.

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Das Peace-Hotel am Bund. Neuer alter Glanz in Shanghai. Glamour ist alles.

Mit der Reform der neunziger Jahre kehrte der Jazz zurück. Seitdem spielt wieder die Old Jazz Band. Über fünfhundert Jahre Erfahrung. As times goes by. Jeden Abend um sieben. Der Beifall ist dünn aber höflich. Was soll´s? Zhou Wan Rong hat viele Gäste kommen und gehen sehen. Für einen Song steht er noch einmal auf. Samba braucht Bewegung. The show must go.

Mister Zhou setzt sich wieder. Er wartet auf seinen nächsten Einsatz. Als Saxofonist braucht er einen langen Atem. Das junge Fräulein winkt mit der Kreditkarte, begleicht ihren Rotwein, verschwindet in der Nacht von Shanghai. Sie will sich offenbar woanders weiter amüsieren. Mister Zhou spielt sein nächstes Solo. Auf einem Plakat vor dem Hotel Peace steht: „Die Rückkehr der Legenden“, während Touristen-Massen achtlos vorbeiziehen.

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