Category : global

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Helden der Straße

„Haste mal paar Groschen?!“ Arme, Bettler, Betrunkene, Junkies, Obdachlose, Illegale und Flüchtlinge werden sichtbar. Auf Bahnhöfen, in Fußgängerzonen, vor Supermärkten. Sozial Bedürftige in Konkurrenz. In den Städten und besonders in Berlin sind sie überall zu sehen. Menschen mit gescheiterten Biografien und tragischen Lebensläufen. Sie öffnen in Banken die Türen, putzen an roten Ampeln Windschutzscheiben, musizieren in Bahnen, verkaufen Straßenzeitungen, sitzen an Straßenkreuzungen. Sie knien auf schmutzigem Asphalt, flehen Vorbeiziehende an.   Ihr Arbeitsgerät: ein Pappbecher. Mal ein traurig-bittender Mitleids-Blick. Mal zerschlissene Kleidung. Manchmal ein Hund. Das steigert die Spenden-Bereitschaft. Diese Bürgersteig-Desperados sind Botschafter der Armut. Sichtbar, überall, nervend. Der Passant zieht den Kopf ein, beschleunigt den Schritt. Mit schlechtem Gewissen

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Ein Fest fürs Leben

Den Kragen hochgeschlagen, die Schritte beschleunigt. Wer ist derjenige, der mir gerade entgegenkommt? Ein Blick. Ein Zögern. Dieses Misstrauen. Wann ist es wieder verschwunden? Wo führt die Reise hin? Trotzig steckt sich ein Passant seine Zigarette an. Ein Mopedfahrer knattert die enge Straße entlang. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene. Es beginnt zu regnen. Alle, die in den letzten Tagen in Paris waren, berichten von kleinen, unmerklichen Nuancen. Von einem Gefühl der verlorenen Unschuld, obwohl der Verstand nicht müde wird, das Denken in Richtung Stolz und Unerschütterlichkeit zu lenken. Ernest Hemingway war in seinem Leben zweimal für längere Zeit in Paris. Als es keine Selbstmordattentäter, Terrorkommandos oder Drohnen gab. Er

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Wie sind die Deutschen?

„Cool sind sie“, antwortet der Noch-Londoner und Bald-Berliner Museumsmann Neil MacGregor. „Sie sind das beliebteste Volk in Europa, laut Daily Telegraph. Nicht laut, rechthaberisch sondern bescheiden. Sie helfen. Aus moralischen Gründen.“ Das Publikum im Renaissance-Theater applaudiert ungläubig. Einige murmeln. Nach den Terror-Anschlägen von Paris, mitten im aufflammenden Streit um Flüchtlinge und neue Grenzen, spendet der künftige Humboldt-Forum–Chef MacGregor unerwarteten Seelentrost. Überhaupt, die deutsche Seele. Wie stellt man diese typisch deutsche Mentalität in einem Museum aus? Der 69-jährige gebürtige Schotte hat da seine Vorstellungen. „Die Deutschen haben zwei Selbstbilder. Sie erinnern mich an das Königsdrama Hamlet. Hier der furchtlose Ritter, dort der grübelnde Melancholiker.“ Wir erinnern uns: Hamlet wusste zu viel,

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„Sprechen Sie mal lauter!“

Natürlich hatte ich Herzklopfen. Was frage ich wann und wie? Womit beginne ich? Was, wenn er mir sein Missfallen im berühmt-berüchtigten Oberlehrerton kurz und knapp überbrät? Mich korrigiert, zurechtstutzt, in Einzelteile zerlegt. Der Feldwebel, der Macher, kurzum der Mann mit der gefürchteten Schmidt-Schnauze. Schon zu Lebzeiten eine Legende. Helmut Schmidt. Bundeskanzler, Welterklärer, Bach-Liebhaber und leidenschaftlicher Raucher. Als Schmidt im noblen Hotel Vierjahreszeiten an der Hamburger Binnenalster zum Interview im Rollstuhl vorgefahren wurde, zogen die feinen Hotelgäste den Hut, raunten, blieben ehrfürchtig stehen, grüßten. Einige verneigten sich wie vor einem leibhaftigen König. Das Personal hatte an jeder möglichen Ecke überdimensionale Steh-Aschenbecher postiert, obwohl im 5-Sterne-Hotel allen Sterblichen die Ausübung des Nikotinlasters

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Deja vu?

Geschichte wiederholt sich nicht. Das sagen gerne Historiker. Aber wie ist es mit Geschichten, Konflikten, Situationen? Doch, bestimmte Geschichten kommen und gehen und wiederholen sich. Entweder als Farce oder Tragödie. Oder beides zusammen. Mit großem Trommelwirbel und einem meist kleinlauten Finale. Katzenjammer inklusive. Seit diesem Sommer hält die Massenflucht aus den Notstandsgebieten dieser Erde unser Land in Atem. Zwischen praktischer Hilfe und Pegida-Gebrüll wechselt die deutsche Seelenlage. Seit Wochen werden die Töne schriller, die Stimmung gereizter. Gewalt wird wieder zu einer Option. Aus Worten werden Waffen. Es wird gepöbelt, gedroht, geschlagen. Scharf, schrill und wenn es sein muss mit Baseball-Schlägern.   Vor genau 23 Jahren war die Lage im damals

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Die Shanghai-Boys

Sonntagabend. Punkt Sieben. Sechs alte Herren nehmen Platz. Weiße Sakkos, schwarze Fliege. Die dünnen Haare gegelt, Strähnen sorgfältig über das blanke Haupt gefaltet. Die Herren geben sich gelassen und abgeklärt. Der Älteste am Saxofon ist 94 Jahre alt. Der Schlagzeuger bohrt in der Nase. Der Trompeter checkt letzte Nachrichten auf dem Smartphone. Dann aber höchste Konzentration. Denn ihr Name verpflichtet: Old Jazz Band. Auf geht´s. Die Show beginnt im Peace Hotel. Einst erstes Haus der Kolonialzeit mitten in Shanghai. Eine vornehme Adresse. Nun wieder schick saniert. Aber auf sympathische Art leicht verstaubt, ein wenig aus der Zeit gefallen. Que sera erklingt. Ein paar Besucher wippen mit den Füßen. Eine elegante

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Der Glücks-Vogel

Er ist der größte Vogel, den wir hierzulande haben. Er wird bis zu 1,20 Meter groß und kann eine Flügelspannweite von 2,20 Meter erreichen. Der Kranich. Er schmückt als Wappentier die Lufthansa-Flotte, fliegt jedoch selbst nie alleine, sondern stets elegant und majestätisch in Keilformationen. Seine Rufe sind „ebenso würdevoll wie anmutig“. Der Kranich gilt als Symbol für Klugheit und fasziniert als „Vogel des Glücks“. Der Kranich kann über vierzig Jahre alt werden, wobei nur wenige mehr als 25 Lebensjahre erreichen. Die Schönheit der Kraniche und ihre spektakulären Balztänze haben von Beginn an den Menschen beeindruckt. In China steht er für ein langes Leben, Weisheit, das Alter sowie die Beziehung zwischen

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Sehnsucht nach der arschlochfreien Zone

Berlin leuchtet. Doch nur das Landleben verspricht Erfüllung. Viele gestresste Kopfarbeiter der Großstadt suchen in Brandenburg ihr Seelenheil. Es ist die ungestillte Sehnsucht nach dem einfachen, natürlichen Leben. Nach einer arschlochfreien Zone, so Max Moor, allseits präsenter TV-Moderator und märkischer Vorzeige-Aussteiger. Leitfigur vieler Schreiber, Sänger, Tänzer, Performer, Dokumentarmacher, Diskussionsingenieure, Lecture-Virtuosen, Postdramatisten und Gender-Aktivisten. Sie wollen offline gehen im Märker-Land. Im Land mit der geringsten Internet-Dichte. Das Netz ist hier noch analog.   Die Sehnsüchtigen möchten die Freiheit des Landes genießen, aber bloß nicht zum Landei mutieren. So verwandeln Berlin-Aussteiger ihr Leben in eine Doppelexistenz. Sie eint ihr Blick für das Besondere und der Wille, sich neben dem Job in Büros

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Die an das Recht glauben

„Doch er war ein Held“, sagt Jacqueline van Maarsen nach längerem Zögern. „Ich hatte immer gedacht, meine Mutter hat uns das Leben gerettet.“ Die Niederländerin Jacqueline, heute 86-jährig, war die beste Freundin von Anne Frank. Sie überlebte, weil der zuständige NS-Rassereferent beide Augen zudrückte und ihre Familie verschonte. Seine Name: Hans Calmeyer. Ein deutscher Jurist. Ein ungewöhnlicher Mann.   Sein stilles Wirken im besetzten Holland ist weitgehend vergessen. Dabei hat der Mann mehr Menschenleben gerettet als der berühmte Oskar Schindler, dem Hollywood ein Denkmal gesetzt hat. Seine Geschichte hat Jurist Hans Calmeyer in einem Lebenslauf selbst zusammengefasst. Geschrieben in der dritten Person kurz nach Kriegsende. Sachlich, distanziert, im Stile eines

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Zweite Heimat – ein Erfolgsmodell?

Neunzehn Millionen Deutsche wissen nicht mehr, wie es sich mit Teilung, Mauer und Grenzkontrollen lebte. Wie es war mit zwei Hauptstädten, zwei Währungen und zwei Gesellschaftssystemen, die sich wie Feuer und Wasser verhielten. Neunzehn Millionen Deutsche wurden nach 1990 geboren, dem Jahr der Einheit. Wie hat sich das neue Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelt? Wurde die historische Chance genutzt? Vier Menschen aus diesem Land erzählen in der Doku Zweite Heimat ihre Geschichte. Ehrlich, offen und manchmal mit einem lachenden, manchmal mit einem weinenden Auge. Ist alles besser geworden?   Das sind die vier Deutschland-Erkunder: Jörg Schönbohm. Jahrgang 1937. Geboren in Neu-Golm bei Bad Saarow/Brandenburg. Die Familie flüchtete

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