Do it yourself

Der Kapitalismus ist von Grund auf böse, und die armen einfachen Menschen sind ganz lieb. Bis zu 70% der Deutschen stimmen in Umfragen für eine Abschaffung des Turbo-Kapitalismus. Eine ähnliche Zustimmung erreicht nur noch der Wunsch, problemlos abzunehmen, lästert Harald Martenstein in einer seiner Kolumnen. Was ist also faul in Zeiten der Selbstoptimierung und Vermarktung?

Jeder ist seines Glückes Schmied. Und: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Die einzige Konsequenz: Ändere dein Leben und zwar sofort. Die Priester des Zeitgeists predigen seit über einem Vierteljahrhundert den allzeit bereiten erfolgshungrigen Selbstvermarkter. Verlangt werden Unterwerfungshandlungen, die niemand mehr einfordern muss, weil sie alle akzeptieren. Höher, schneller, den anderen ausbremsen.

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Sei erfolgreich. Ändere dein Leben. Erreiche deine Ziele. Die Selbstoptimierungsmaschine läuft auf Hochtouren.

 

Bestseller und Quotenkracher, kurzum der Hirschfaktor bestimmen den Alltag. Hirschfaktor? Das ist die Kennzahl für Reputation eines Wissenschaftlers. Nachgewiesen in der Zahl der Veröffentlichungen und der Höhe der Drittmitteleinwerbung. Geistige Leistung muss punktgenau messbar sein. Das Ziel: die Ökonomisierung geistiger Güter.

 

So werden weltweit jährlich 1,5 Millionen Aufsätze veröffentlicht, die kaum jemand liest. Eine ernüchternde Analyse ergab: 82% der Artikel werden nicht ein einziges Mal zitiert. Nur 10% der Leser halten bis zum Ende eines Textes durch. Millionen Forscher produzieren Wissensmüll für die Löschtaste. Der Preis: Weder gibt es nennenswerte Innovationen noch neue Lösungsansätze. Wer lässt sich in Zeiten von befristeten oder prekären Jobs auch auf kritische Untersuchungen ein?

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Alexander Humboldt. Naturforscher. Entdecker und Vermesser der Welt.

Was ist die Folge? Im Angesicht einer rasenden Gegenwart bewegt sich die Wissenschaft nur noch im Elfenbeinturm. Ein Wirklichkeitsverlust, der weh tut, findet Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen. Er vergleicht das Grundproblem mit einer Anekdote aus Vietnam. Während der französischen Kolonialherrschaft herrschte eine Rattenplage. Ein Gesetz wurde erlassen, das jedem, der eine tote Ratte ablieferte, eine Prämie versprach. Das Ergebnis: Die Menschen begannen Ratten zu züchten.

Dabei wären innovative Lösungen statt belangloser Auftragsproduktionen wichtiger denn je. Die Liste der aktuellen Menschheitsthemen ist lang: Flüchtlingselend, Krise des Kapitalismus, Klimawandel, Krise Europas, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Totalüberwachung durch Geheimdienste, Rückkehr des Kalten Krieges, Alterung und Fragmentierung der Gesellschaft.

An die Arbeit – Forscher, findet der Tübinger Wissenschaftler Pörksen. Der große Entdecker Alexander Humboldt habe auch nicht als erstes gefragt, welche Drittmittel bereitstehen. Er legte los, um die Welt zu verstehen. Wie lernt man aufrecht laufen? Ganz einfach: Von Fall zu Fall.

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