Heiter durch schlaflose Nächte

Ein Sonntag im August. Wummernde Bässe wabern die Spree hinauf. Harte Techno-Beats begleiten unsere Suche nach einem verwunschenen Ort. Das DDR-Funkhaus für einst 3.500 Mitarbeiter. Heute eine Geisterstadt an der Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide. Das riesige Areal im Osten der Hauptstadt wirkt verkommen, vergessen, wie von der Landkarte gewischt. Hier spielt Igor Levit an diesem Sommertag Bach.

Angekündigt sind die Goldberg-Variationen. Die Krönungsmesse für jeden Pianisten. Der junge russische Pianist nimmt im Aufnahmesaal von 1955 eine neue Einspielung vor. “Der Raum ist das Kleid der Musik”, heißt es. Das Funkhaus wirkt wie ein einziger Schneewittchensarg. Genau hier soll ein neues deutsches Mekka für Tonschaffende entstehen. Wachgeküsst nach Jahrzehnten Verfall und Stillstand.

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Eine Geisterstadt – manchmal mit Tönen. Das Funkhaus Berlin in der Nalepastraße. Ein privater Investor soll das Gelände sanieren und retten. Es ist mittlerweile der dritte Versuch seit 1989.

Igor Levit eröffnet den ersten berühmten Satz in G-Dur. Sinnlich souverän steigert sich der 28-jährige Pianist, erreicht in den dreißig Variationen mal Hochleistungstempo, dann wieder verhaltene Freude am leisen Spiel. Levit agiert körperlich, kriecht in Flügel und Tasten, vermeidet jedoch das laute Atmen eines Glenn Gould bei dessen berühmter Variation der Variationen. Die “Clavierubung” mit ihren 32 Sätzen hat es in sich.

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Allein im Aufnahmesaal von 1955. Igor Levit, Jahrgang 1987, spielt Bach.

 

Der Titel Goldberg fußt auf einer schönen Anekdote. Bach habe das Werk 1741 seinem dreizehnjährigen Klavierschüler Johann Gottlieb Goldberg gewidmet. Bach-Biograf Johann Nikolaus Forkel verbreitete diese Version. „Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“

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Igor Levit spielt die Goldberg-Variationen ein.

Igor Levit präsentiert einen hellwachen, fröhlich-forschen Bach. Neunzig Minuten Hochgenuss – leidenschaftlich, intensiv, überzeugend dem Motto des Meisters folgend: “Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach“. Bleibt zu hoffen, dass der Aufnahmesaal des Funkhauses nicht nur ein Geisterhaus bleibt, in das ab und zu Leben zurückkehrt. Hoffentlich hat das Funkhaus eine sichere und wohltemperierte Zukunft. Ein Investor soll ernsthafte Pläne verfolgen, heißt es jedenfalls.

Igor Levit 2014 im Funkhaus Berlin.  Igor Levit spielt Bach

 

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