Category : global

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Mann mit Hut

Wenn er die Bühne betritt, trägt er Hut, Sonnenbrille und Nadelstreifenanzug. Er schottet sich ab, als ob der Rest der Welt eine einzige Zumutung ist. Dann erhebt er seine Stimme. Der Prophet singt. Und das Eis bricht. Seit sechs Jahrzehnten steht George Ivan Morrison im Rampenlicht. Besser bekannt ist der schrullige Ire als Van the Man. Genau genommen heißt er Sir Van Morrison. Die Queen hat den weißen Vater des RnB 2015 geadelt. Den kleinen Van warf das Schicksal 1945 in die bescheidene Hütte einer Belfaster Familie. Der Vater ist Elektriker auf einer Schiffswerft, die Mutter Stepptänzerin. Doch im Hause Morrison gibt es eine Besonderheit. Hier wird Blues und Jazz

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Prager Fenstersturz

Wirkliche Veränderungen, so heißt es bei Bismarck, sind aus Blut und Eisen geschmiedet. Anpacken, zur Tat schreiten, vollendete Tatsachen schaffen. Die Prager haben damit Erfahrung. Dreimal in ihrer Geschichte haben sie den Fenstersturz als Methode des Herrschaftswechsels praktiziert. Zuerst stürzten aufständische Hussiten 1419 die Obrigkeit aus dem Rathaus. 1618 warfen wütende Protestanten katholische Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die Herren überlebten. Aber nicht Außenminister Masaryk 1948. Er lag zerschmettert im Hof des Czernin-Palastes. Der 1618er-Fenstersturz löste einen verheerenden dreißigjährigen Glaubenskrieg in Europa aus. Der 1948er sicherte den Kommunisten eine vierzigjährige Herrschaft in der neuen CSSR. Der Eiserne Vorhang teilte fortan Europa. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. In

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Villa mit Wartezeiten

„Das nächste halbe Jahr sind wir komplett ausgebucht“, betont die junge Dame stolz. Sie führt uns durch ein Meisterwerk der Moderne. Die Villa Tugendhat in Brünn. Architekt: Mies van der Rohe. Bauhaus at its best. Die deutsche Journalistengruppe nickt zustimmend. Was für eine Villa! Leicht, luftig, elegant. Motto „Weniger ist mehr“. Flachdach. Fließende Räume, viel Beton und Glas. Die erste tragende Stahlkonstruktion in einem Privathaus. Seltene Materialien: Onyx aus Marokko, italienischer Travertin, Holzfurniere aus Südostasien. Einzigartig: eine Warmluftheizung. Elektrische Jalousien. Alles erbaut  in vierzehn Monaten. 1930 zogen Fritz und Grete Tugendhat mit ihren fünf Kindern in die neue Villa ein. Das Haus am Hang mit Blick auf die Altstadt von

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Geben Sie Gedankenfreiheit!

Er wollte kein Fürstendiener sein. Er war stolz und unbeirrbar. Der Malteser-Ritter Marquis von Posa. Keiner, der katzbuckelte, sich wendete oder anpasste. Eine Kunstfigur? Genau genommen ja. Friedrich Schiller schrieb seinen berühmten „Don Carlos“ von 1783 bis 1787. In seinem Drama ließ er den Marquis vor den spanischen König Philipp II. treten. Er klagte den Herrscher der Unterjochung Andersdenkender und Inquisition an. Er fiel auf die Knie und forderte: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!“ Zwei Jahre nach der Uraufführung von Don Carlos in Hamburg im Jahre 1787 erhoben sich die Franzosen zur Revolution. 1789 änderte sich in Europa alles. Die Despotie wurde gestürzt. Es schien, als fielen die Worte des Romantikers

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Alles ist möglich

Berlin. I love you. Nun entdeckt Hollywood die einstige Mauerstadt. In einem neuen Werk deutsch-amerikanischen Filmschaffens wird der komplette Berlin-Hype der letzten Jahre verrührt. Golden Twenties, Nazis, Kommis, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Flüchtlinge, lange Nächte. Zuvor feierte Babylon Berlin den Mythos Berlin der zwanziger Jahre. Mit Charleston, Ragtime und Swing als Parkettfeger. Dazu Männer mit dicken Zigarren, Frauen an der Stange und jede Menge Glückspieler. Ferner Cabaret, Gigolos und Ganoven.  Allesamt mit Hut oder Bubikopf. Auf alle Fälle voller Testosteron. Aus dem Zwanziger Jahre Babylon Berlin ist nun die brummende Boomtown der heutigen Zehner Jahre geworden. Ein Schlaraffenland  für Investoren, Projektentwickler, Makler, Glücksritter. Die Preise explodieren. Globalisierungsgewinner jubeln. Angestammte Ortsansässige

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Goldgiganten

Gold macht Menschen süchtig. Möglicherweise mehr als schnelle Autos, teure Reitpferde, schnittige Luxusyachten oder elegante Traumvillen am See. Gold ist seit Jahrtausenden Sinnbild für Macht, Reichtum und Überlegenheit. Gold ist fast überall auf der Welt letzte Sicherheit und eiserne Reserve. Gold kann auch als Zusatzstoff für Lebensmittel verwendet werden. Die schnöde Abkürzung klingt wenig appetitlich E175. Seit kurzem wissen wir, dass Gold auch als Veredelung für ein schickes Dinner dienen kann. Nichts für Genießer aber geeignet für Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen: Schaut mal, ich kann mir das leisten. Motto: Lieber Goldsteaks als Goldbroiler. Für alle Nachgeborenen: Goldbroiler war die DDR-Variante des Masthänchens, nur ohne Blattgold. Fußball-Millionär Franck Ribery, kurz vor

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Nach Hause

Steig herunter von deinem Thron. Jemand muss sich ändern. Du bist der Grund, warum ich so lange gewartet habe. Jemand hält den Schlüssel. Ich bin fast am Ende und habe nicht mehr viel Zeit. Ich bin betrunken und kann meinen Heimweg nicht finden. – „Herrlich!“ begeisterte sich das Kultblatt Rolling Stone im Sommer 1969, als Blind Faith ihren Song Can´t find my way home veröffentlichte. Ein zeitlos aktuelle Ballade mit dem Zeug zum Klassiker – vor genau vierzig Jahre in die Umlaufbahn gebracht. Blind Faith. Das waren Eric Clapton, Steve Winwood, Ginger Baker und Rick Grech. Ende der Sechziger gründeten sie – musikalisch gesehen – eine Eintagesfliege. Die Vier hielten

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„Familienabend“ 4. und letzter Teil

Folge 4: „Ich fange so langsam an, die liebe Verwandtschaft zu hassen. Letzten zum Beispiel fing Karls Frau an, ob Paul nicht mal ihr Wohnzimmerfenster putzen könne. Sie hätte gar nicht mehr die Kraft dazu.“ Wolfgangs Mutter machte nach, wie gebrechlich ihre Schwägerin plötzlich tat. Selbst ihre Stimme piepste nur noch. „Ist das nicht eine Frechheit? Mein Mann ist selbst alt, schließlich lassen sie nur Rentner, na oder Stasi- bzw. Außenhandelsleute rüber. Da bildet die sich ein, Paul könne ihren Dienstbolzen machen. Ich habe sofort gesagt: Komm Paul, wir gehen! Was denkst Du, wie sich Dein Bruder aufgeregt hat. Wir sollen um Gottes Willen bleiben, seine Frau ist nicht mehr

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„Familienabend“ Teil 3

Folge 3: Das Radio dudelte gerade: „Geht es rundherum auf dieser Erde…“ „Bloß nicht für uns“, murmelte Wolfgang. Er langte nach seiner Tasse. Der Kaffee war allerdings noch zu heiß. Er stellte die Tasse wieder ab. Dann griff er noch einmal das Kreditthema auf: „Dass die drüben unserem Staat Kredite einräumen, und zwar gern, ist doch logisch.  Hier bürgt der Staat und nicht irgendeine Firma für die Rückzahlung des Geldes. Eine sicherere Anlage können die gar nicht haben.“ „Sag mal“, wurde jetzt sein Vater gesprächiger, „Du glaubst wohl deren Gerede drüben, wie sie für mehr Menschlichkeit sind. Was denkst Du, warum die sich noch nie dafür eingesetzt haben, mit unserer

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„Familienabend“ – Teil 2

Folge 2: „Ich gehe gerne zur Arbeit“, murmelte Jörgs Opa. Ich kann Dich schon verstehen“, sagte Karin, „nicht nur weil Dein Vater Kommunist war, denkst Du so. Ich freue mich genauso wenig wie Du, wenn Kapitalisten auf Knochen der Arbeiter reicher und reicher werden. Aber Du siehst doch, dass es dort besser funktioniert. Natürlich müssen die Arbeiter starke Gewerkschaften haben, sonst macht man mit ihnen, was man will. In de Punkt gebe ich sogar den Klassikern des Marxismus-Leninismus recht, dass die einzige Waffe der Arbeiter ihre Organisation ist.“ „Mein Gott, wir haben doch auch etwas geschafft!“ schimpfte der Opa. „Ja auch, aber eben weniger. Obwohl wir hier nicht fauler sind

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