Neues Deutschland

Harte Arbeit, schlecht bezahlt.  Viele Termine, keine Zeit. Ständig auf dem Sprung, völlig ausgebrannt. Wer mithalten will, muss alles geben, sich ständig optimieren. Durchhalten bis zum Umfallen. Deutschland hat sich verändert. Kaum zu glauben: Nur wenige Flecken dieser Erde sind gleichermaßen so wohlhabend wie gereizt, so strebsam wie genervt. Unter Druck heißt das neue Buch von Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Die Journalistin hat genau hingeschaut und noch genauer zugehört. Eine Tugend, die selten geworden ist. In einer Zeit, in der jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint.

Sechs Menschen dieses Landes hat Simon porträtiert. Eine Ingenieursfamilie kurz vor dem Burn-Out. Eine coole aber gestresste Influencerin, die täglich neue Selfies-Botschaften aussendet. Ein Investmentbanker, der Terminen und Erfolgen hinterherrennt. Eine Krankenschwester, die trotz harter Arbeit und Überstunden in München obdachlos zu werden droht. Ein Polizist, der zwischen alle Fronten gerät und sich alleine gelassen fühlt. Ein hochgebildeter Biedermann, der als Brandstifter unterwegs ist. Dieser neue Erfolgstyp ist der einzige Prominente: Alexander Gauland, der joviale Vordenker der Aufsteiger-Partei AfD. Ein Krisengewinnler. Ein selbsterklärter Abendland-Retter. Einer, der nicht nur unter Druck steht, sondern auch kräftig Druck macht.

Jana Simon. Foto Mike Minehan.

So unterschiedlich Lebenswege und Erfahrungen sind. Eines eint diese sechs Deutschen. Angst vor der Zukunft. Vor Verlust, Abstieg, Armut, Alter, Krankheit, den Krisen und Kriegen der Welt. Diese aufsteigende Nervosität zieht sich wie ein roter Faden durch die Episoden. Die Porträts beginnen 2013, mit Euro-Krise und Bürger-Krieg in Syrien. Es folgt der Flüchtlingssommer 2015. Alles ändert sich. Das Klima wird rau. Lautstarke Wutbürger, ratlose Eliten. Demokratieverdruss, Fremdenhass und Sehnsucht nach einer starken Hand. „Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich“, beobachtet Jana Simon.

Alle sechs Porträtierten kämpfen mit den Folgen der Globalisierung.  Der Boom schafft eine Menge Gewinner und noch mehr Verlierer. Mieter werden vertrieben, verlieren ihre Heimat. Menschen leben in einer neuen Welt, in der sie sich nicht mehr zurecht finden. Wohlstand für alle?“ Das war einmal das Erfolgsrezept der alten Bundesrepublik. Und: „Leistung lohnt sich.“ Die Frau eines Bosch-Ingenieurs aus dem Stuttgarter Speckgürtel winkt ab: „Wohlstand ist, wenn du Sicherheit hast, ein Haus besitzt, aus dem dich keiner rauswerfen kann.“ Die Familie zahlt ihr teures Reihenhaus ab – bis zur Rente. „Wenn du in dem Moment, wo du krank wirst, alles verlierst, ist das kein Wohlstand.“

Sommer 2015. Als Deutschland sich veränderte.

Ihre Kinder haben den Familien-Alltag in einer Zeichnung festgehalten. Ganz vorne in der Lokomotive sitzt der Zugführer. Er transportiert viel Geld. – Ist das der Konzern, bei dem der Vater arbeitet? – Dahinter einige Wagen, in denen Menschen mit Sektgläsern Party feiern. Hinter dem Zug rennen Menschen her, die versuchen, aufzuspringen. „Geld, Haus, Wohnung, Ferien, Auto, Rente“, ist in Denkblasen notiert. Darüber ist dreimal geschrieben: „Angst!“ mit Ausrufezeichen. Die hartarbeitenden, gutverdienenden Eltern wollten übrigens ihren richtigen Namen auf keinen Fall in diesem Buch lesen. Wie heißt es so schön beim schwäbischen Vorzeigebetrieb? „Schaffst du bei Bosch, halt dei Gosch!“

Ein wichtiges, einfühlsames und sehr aufschlussreiches Buch. Empfehlenswert. Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert hat. S. Fischer. 2019.

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