Sommergäste

Es ist ein Erlebnis – dieses irre Gefühl, in der Dämmerung am Rande des Flusses zu sitzen. Einen weichen Teppich von Sand, Gras und Blättern unter den Füßen, mit dem Wind, der die Bäume und Sträucher zu einer beweglichen lebendigen Kulisse werden lässt. Mit den Stimmen der Natur, die sich scheinbar endlose Wortduelle liefern. Alles wirkt so natürlich-irdisch, zum Greifen nah. Der Fluss, die Wiesen. Das Ufer auf der anderen Seite. Die Ruhe.

Die sich leerenden Dörfer Brandenburgs rücken ins Visier der städtischen Kopfarbeiter, der Theatermacher, Literaten und Soziologen. Mit der Schrumpfung sind die Rückkehr der Wölfe und neuer Sehnsüchte verbunden. Das kleine Strodehne an der Havel hat bereits eine längere Karriere als Aussteiger- und Sehnsuchtsort hinter sich. Das kleine märkische Dorf zwischen Rathenow und Havelberg ist seit Jahrzehnten Anlaufpunkt für Künstler und Ausstiegswillige.

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Versorgungsengpass Strodehne. Ein Künstlerprojekt im Sommer 2015.

 

Ein schmucker Dorfanger. Eine Kneipe mit dem Namen Stadt Berlin, das Versprechen: „rustikale deutsche Küche“. Eine herrliche Badestelle am Fluss. Barfußkinder und nackte Mütter. Enten, Hühner, Kraniche. Eine Astrid-Lindgren-Bullerbü-Idylle. Irgendwo kläfft ein Hund. Eine Künstlerinitiative verkauft im ehemaligen Konsum selbstgebackenen Kuchen und träumt den Traum von selbstbestimmter Kunst. In der alten LPG-Kantine gibt es Mahlzeiten zu 1,50 (EVP) oder 2,50 für Auswärtige. Ach, auch der große Bernhard Heisig hat früher in Strodehne einmal gemalt.

 

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„Früher war alles besser.“ Mahlzeit in der LPG Essenküche Strodehne – mit Kulturprogramm. Das Comeback ist bereits vorbei. Vielleicht gibt es eine Wiederholung?

 

Es riecht nach Erde, Apfel und Kindheit. Hier grüßt das ungeschminkte Gesicht des einfachen Landlebens. Naive Aussteiger-Prosa? Von wegen. Provinz ist doch stets dort anzutreffen, wo man sich nicht mehr bewegen mag: gedanklich, materiell oder mit der eigenen Neugier. Wenn einen nichts mehr interessiert, alles gesagt ist. Die Provinz ist immer in den eigenen vier Wänden, im Kopf zuhause. Provinzler kann man in der größten Stadt der Welt sein. Das kleine Strodehne lädt zum großzügigen Leben und Schwärmen ein. Solange der Sommer zu Gast ist.

 

Versorgungsengpass Strodehne. Landkreis Havelland. 90 Kilometer westlich von Berlin.

 

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Auch das nahe Wassersuppe unweit von Kotzen im Havelland ist eine Reise wert.

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