Archive for : Januar, 2020

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Frische Energie aus Estland

Das Land ist klein. Doch die Zahl der Talente groß. Estland im Baltikum zählt gerade einmal 1.3 Millionen Seelen. Da ist selbst München größer. In dem Kleinstaat an der Ostsee ist jedoch nicht Biertrinken oder Fußball Volkssport, sondern Singen. Die Ostsee-Republik hat mit Kadri Voorand einen neuen Shooting Star. Die vielseitige Sängerin experimentiert, wagt Grenzüberschreitungen und bewegt sich souverän zwischen Folk, Rock und Jazz. Ihre Performance ist jung, innovativ, frisch. I´m not in love … with you singt die 33-jährige. Ach, da heißt es: Ich liebe deine mitgebrachten Rosen. Aber dich liebe ich nicht.

 

 

Kadris Herz will erobert werden. Ihre Musik auch. Die Songs sind anspruchsvoll, aber voller Spannung. Sie fordert genaues Zuhören, belohnt jedoch mit großer Leidenschaft und Intensität. Kadri Voorand wandelt leichtfüßig auf den Spuren von Kate Bush. Live erinnert sie auch an die junge Nina Hagen. In ihrem kleinen Heimatland hat Präsident Kaljulaid die Sängerin zur „Jungen Kulturpersönlichkeit des Jahres“ ernannt. Nun geht sie auf Reisen.

Act – ihr neues Label – veröffentlicht im Februar 2020 ihr erstes Album in Deutschland. Es heißt schlicht: In Duo with Mihkel Mälgand. Mälgand ist ihr Begleiter und ein renommierter Bassist, der bereits mit Jazz-Größen wie Nils Landgren oder David Liebman gearbeitet hat. Musik ist Kadri in die Wiege gelegt worden. Ihre Mutter leitete ein Vokalensemble. So lernt die Tochter früh Singen und Geige, beginnt im zarten Alter von fünf Jahren Klavier zu „studieren“, wie das Jazz-Label Act verkündet, und „schreibt schon mit sechs erste eigene Lieder“. Früh übt sich, wer eine Meisterin werden will.

 

 

Folgerichtig studiert Kadri an der Musik- und Theaterakademie in ihrer Heimatstadt Tallinn. Die estnische Hauptstadt mit der beeindruckenden und bestens erhaltenen Altstadt. Danach entwickelt sie sich an der Musikakademie in Stockholm weiter. Ihr Talent fällt auf. Sie tritt mit dem EBU European Jazz Orchestra auf und brilliert als Solistin im Vokalensemble „Estonian Voices“ mit dem Song „Kättemaks“ in einer wunderschönen Acapella-Version.

 

 

Am 26. Februar 2020 stellt Kadri Voorand mit ihrem Bassisten Mihkel Malgand im Berliner Jazz-Club a-trane ihr neues Album vor. Mein Tipp: Ein Abend, der sich lohnt.

Ab März 2020 ist Kadri Voorand auf Europa-Tournee mit vielen Konzerten in Deutschland.

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„Ich wollte frei sein!“ (2)

Jutta Wehmann gehörte 1989 zum überschaubaren „Häuflein der Mutigen“. Sie wagte in der Kleinstadt Nordhausen (heute 42.000 Einwohner) mutig den Neuanfang. Die erblindete Musiklehrerin führte Tagebuch. Sie hielt die Umwälzungen in ihrer thüringischen Heimat vor dreißig Jahren fest. Hier der zweite Teil ihrer unveröffentlichten Notizen. Die Aufzeichnungen sind ein eindrucksvolles Dokument ihrer Hoffnungen und Ängste auf dem Weg zur deutschen Einheit.

 

 

„6.1.1990

In Nordhausen hat sich das Neue Forum (NF) und der Demokratischer Aufbruch (DA) etabliert. Dazu kam später Ende November die SDP (später dann die SPD). Von jeder Gruppierung saßen Abgeordnete am Runden Tisch in unserer Stadt auch von den geduldeten Führungskadern der ehemaligen SED, die sich noch im Dezember 89 zur PDS wandelten.

Wir bereiteten jedenfalls die Wahlen vor. Erste Gespräche in Herzberg! Zweite Einladung nach Osterhagen und für mich dann schon die persönliche Beschäftigung mit dem Einbinden der Bevölkerung im Wohnbezirk. Die Erfahrungen möchte ich nicht missen. Eigentlich fühlte ich mich diesen Aufgaben überhaupt nicht gewachsen. Ich bin eine fast blinde Frau, die sich nicht nur zur Ruhe setzen und „Däumchen drehen“ wollte.

 

Jutta Wehmann bei einer Ehrung 2015. Rechts der ehem. Oberbürgermeister Klaus Zeh. Foto: Stadt Nordhausen.

 

Gedanken wie es unserer Stadt weitergehen sollte und welche Möglichkeiten uns bleiben würden, mache ich mir viele. Viel geistige Hilfe konnte ich mir von Freunden aus der Bundesrepublik angedeihen lassen. Es zeichnete sich ab, dass alles zusammenbrechen würde in der Arbeitswelt unserer „Noch-DDR“! Es mussten feste Strukturen her! Koste es was es wolle. Also weitermachen! So erklärte ich mich bereit, die Wahl in unserem Wohnbezirk vorzubereiten. Diese Vorbereitungen brachten viele Ängste mit sich, wusste ich doch mit welchen Leuten ich es zum Teil zu tun bekäme!

In unserer Stadt wurde mir öfter die Frage gestellt: „Warum werdet ihr keine Partei?“ Einige Mitglieder des NF (Anm. Neues Forum) wollten das schon! Sie gingen zur Forumpartei, später FDP. Das war in Ordnung?! Für mich galt das aber nicht. Vor 1945 hatte unser Volk zwölf Jahre lang eine Partei! Vierzig Jahre mussten ALLE mit der SED konform gehen! „Die Partei hat immer Recht!“?? Nur mit einer Partei könne man etwas bewegen … so wurde gesagt!?!? Warum brauchen dann Parteien so lange, um etwas durchzusetzen? Es geht immer um Befindlichkeiten, viel Befindlichkeit Einzelner und zu wenig Vernunft!“ (…)

 

Bürgerhaus Nordhausen. Foto: Vinent Eisfeld

 

1990 vor den Wahlen. Gespräche mit Herrn Enzian und der Jagdgesellschaft in Niedersachswerfen. Tenor dieser aggressiven Stimmung jenes Abends (meinerseits beruhigend einzuwirken) war: „Stellen Sie sich vor, diejenigen, die sie anklagen sind ihre Nachbarn. Jeden Tag gab es Erklärungs- und Klärungsversuche von Waffenträgern und Zuträgern. Wir mussten uns mit Waffenträgern, manchmal auch Zuträgern der Stasi auseinandersetzen. Was nützt es diese Leute aus der Gesellschaft zu entfernen? Daraus erwächst nur Hass. Wir wollten nicht ihre Stasi-Methoden und Gewalttaten nachahmen. Diese Leute wussten auch alle, dass die DDR am Ende war. Zum Glück sind wir nur indirekt ihre Richter. Ämter aber und Regierungsaufgaben sollten diese ehemals Regierenden und ihre Mitläufer wirklich nicht mehr übernehmen dürfen!“

Am 18. März 1990 fanden in der DDR die ersten und letzten freien geheimen Wahlen zur Volkskammer statt.

 

Jutta Wehmann liebt Bach. „Schafe können sicher weiden, wo ein guter Hirte wacht. Wo Regenten wohl regieren, kann man Ruh‘ und Friede spüren und was Länder glücklich macht.“

 

 

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„Ich wollte frei sein!“

Jutta Wehmann treffe ich in einem Hotel in Berlin-Mitte. Sie begleitet ihren Mann, einen Tierarzt zu einer Untersuchung in der Charité. Die rüstige Rentnerin sprudelt voller Ideen. Wie vor dreißig Jahren, als sie im thüringischen Nordhausen zum kleinen Kreis der Mutigen gehörte, die für einen Neuanfang standen. „Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln.“ Was sonst? Sie schaut mich an. Dabei ist Jutta Wehmann mittlerweile nahezu erblindet. Doch die einstige Musiklehrerin ist aufmerksamer als viele die sehen können und am Ende doch nur wegschauen. „Wo ist der aufrechte Gang des Volkes geblieben?“ fragt sie und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Schade- nur noch Oberflächlichkeit.“

Wehmann führte in Wendezeiten Tagebuch. Sie hielt fest, wie sich in ihrer kleinen, überschaubaren Kleinstadt in Thüringen plötzlich alles bewegte und veränderte. In einer Stadt, die überregional für ihren hochprozentigen Nordhäuser Doppelkorn und die Produktion von V2-Waffen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Was kaum bekannt ist: Wenige Tage vor Kriegsende bombten die Alliierten die Stadt in Schutt und Asche. Drei Viertel der einstigen Reichsstadt waren restlos zerstört. In der DDR blieb die Industriestadt Nordhausen eine graue Maus, am Rande des katholischen Eichsfeld. Still, zurückgezogen, weit entfernt von den großen Entwicklungen der Welt.

 

Stunden des Aufbegehrens. Nordhausen. 7. November 1989. Größte Demo in der Geschichte der Stadt mit nahezu 40.000 Beteiligten auf dem August-Bebel-Platz.

 

Menschen wie die Deutsch- und Musik-Lehrerin Jutta Wehmann waren in Nordhausen Außenseiter. Sie stritt gegen den DDR-Wehrkundeunterricht und für ein Offenes Europa, gründete das „Neue Forum“. Im Revolutions-Herbst 1989 sprang der Funke über. Die Nordhäuser kamen aus der Deckung und demonstrierten dienstags, einen Tag nach den Montagsdemos in Leipzig. Am 7. November 1989 versammelten sich fast 40.000 Menschen. Die Stadt Nordhausen selbst hatte 1989 gerade einmal 54.000 Einwohner. Heute sind es noch knapp 42.000.

Zwei Tage später fiel die Mauer. Jutta Wehmann wurde – wie die allermeisten – eiskalt überrascht. In ihrem Tagebuch notierte sie am Tag nach der Öffnung. „10. November 1989. Von nun an ist es ein politischer Wettlauf für die Demokratie in unserem gesamten Deutschland oder die Diktatur des Geldes!“ Dreißig Jahre nach der Wende gehört die unermüdliche Streiterin für Demokratie längst wieder zu einer kleinen Minderheit. Die Sieger der letzten Wahlen in Nordhausen im Herbst 2019 heißen Die Linke und AfD. Zusammengerechnet erreichten sie fast sechzig Prozent der Stimmen. Die Nachfolger von Jutta Wehmanns mitbegründetem Neuen Forum, kamen auf exakt 4,9%. Mehr war für die heutigen Grünen in Nordhausen nicht zu holen.

 

Jutta Wehmann mit dem ehem. OB Klaus Zeh bei einer Ehrung im Jahre 2015.                                  Quelle: Stadt Nordhausen.

 

Aus den Tagebüchern der Jutta Wehmann

„Das neue Jahr 1990 hatte uns in Empfang genommen. Ich plädierte dafür, so schnell wie möglich weiter zu arbeiten, um der Entwicklung nicht ganz hinterherzulaufen. Die ehemaligen Parteimitglieder der SED versuchten krampfhaft einen neuen Stil, eine neue Partei (jetzt mit Gregor Gysi) zu gründen und eigentlich hatten sie ja immer noch die Macht, sie konnten sie nur nicht gebrauchen … Gewalt hätte sie vor der Welt entlarvt.

„Wir waren für Momente ein Volk! Alle zusammen; Ost und West!“ Draußen (außerhalb unserer Gemeinschaft im Denken für ein besseres Zusammenleben in Demokratie) waren nur wenig Gestrige und Unbelehrbare, die meisten aber waren Abwartende und Mitläufer. Aber schon bald gingen alle wieder ihre eigenen Wege. Jeder hatte seine Interessen zu vertreten. Konsens zu finden, Mehrheiten zu bilden, Demokratie zu wagen. Es ist ein dorniger Weg von kleinen Schritten. Der eingeschlagene Weg schien mir der beste z.Z. Jede Woche (montags in Leipzig, dienstags bei uns und überall in den großen Städten) brachten große Massen von Demonstranten; immer nach der Arbeitszeit ihren Willen lautstark gegen Egon Krenz u.a. zum Ausdruck mit den Rufen „Wir bleiben hier!“ – „Die D-Mark muss her oder wir gehen zu ihr“ Die Abstimmung mit den Füßen blockierte die nun schon zweite Machtriege der DDR.“ (…)

 

Altendorfer Kirche in Nordhausen. Zufluchtsort für Jutta Wehmann. Ort für neue Ideen. Ab Mitte September 1989 Fürbitt-Andachten für Inhaftierte und Ausreisewillige. „Die Stimmung war wie bei einem Vulkanausbruch.“ Foto: wikipedia

 

Mir und einigen anderen fehlte der Wille zur Macht. Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln. Was mich ja nicht von Verantwortung lossagt. Durch eine hochgradige Kurzsichtigkeit invalidisiert hieß, volle Kraft konnte ich nicht geben. Trotzdem zehn Jahre durchgehalten und geholfen. Dafür kann ich nur danken. Das ist ein Gottesgeschenk.“

 

Teil II  folgt