Archive for : November, 2021

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„Meine ersten 100 Jahre“

Vor kurzem war ein weitgereister, älterer Herr zu Besuch in Wien, in seiner Geburtsstadt. Georg Stefan Troller. Autor, Filmemacher und Weltbürger mit amerikanischem Pass und Wohnsitz in Paris. Sein neues Buch wollte er persönlich vorstellen, das ließ er sich nicht nehmen. Titel: „Meine ersten 100 Jahre“. Natürlich wurde er sofort gefragt, wie sich denn die heutigen Zwanziger Jahre anfühlen. Troller: „Da ich die alten Zwanziger und Dreißiger erlebt habe, bin ich persönlich etwas pessimistisch”, sagte er. “Es kommt wieder eine Zeit, in der die Leute lieber glauben wollen als wissen, sich lieber einer schönen Illusion anheimgeben, als sich der miesen Realität zu stellen.”

 

Georg Stefan Troller. Geboren am 10. Dezember 1921 in Wien. Ein Jahrhundert-Leben.  Foto: Zeit-Online

 

Miese Realität und schöne Illusionen. Troller hat sich stets für beide Seiten interessiert – als Menschenfreund und Menschenfresser, wie er sich einmal nannte. Für seine Fernsehporträts hat er über 2.000 Interviews geführt, mit Herz und Hirn. Troller besuchte die Berühmten des 20. Jahrhunderts, die Stars und Sternchen, die Mächtigen und Eitlen, aber auch Außenseiter und Unangepasste wie einen kriegsversehrten Vietnam-Veteranen oder den Ost-Berliner Schriftsteller Thomas Brasch.

 

 

Troller, 1921 geboren, ist ein waschechtes Wiener Kind. Der Sohn eines Pelzhändlers wächst in einer Metropole der Melancholie auf, der Glanz der alten K.u.K.-Zeit der Habsburger ist verblichen. Jüdisch-spießig beschreibt Troller seine Kindheit. Die Eltern sind ehrgeizig, aus dem Bub soll was werden. Motto: „Tu was für deine Bildung!“ Als die Nazis 1938 Wien übernehmen, kann die Familie in letzter Sekunde nach Frankreich flüchten. Später emigriert Troller in die USA, um als amerikanischer Soldat ins zerstörte Nazi-Reich zurückzukehren. Hassgefühle hegt er nicht, allenfalls Verachtung für diejenigen, die uneinsichtig bleiben.

Das neue Fernsehen der Nachkriegsjahre wird sein Medium. Über ein halbes Jahrhundert sammelt er Geschichten ein. Unbestechlich und mit genauem Blick. Er dreht über 150 Porträtfilme, trifft Romy Schneider oder Woody Allen. Seine Begegnungen sind stets anders, immer ungewöhnlich. Wenn es sein muss, interviewt er Undergroundpoet Charles Bukowski auf dem stillen Örtchen. Oder fängt sich von Boxerlegende Muhammad Ali für sein freches Nachfragen ein paar Hiebe ein. Filmemachen sei für ihn wie eine Therapie gegen Kontaktscheu und das Gefühl, das eigene Leben sei nichts wert. Seine Arbeiten sind zeitlos sehenswert, ein Stück Fernsehgeschichte. Sein Geheimnis? Er hat die Wirklichkeit nicht glattgebügelt, sondern mit Humor und Menschenliebe einen Blick hinter die Oberfläche riskiert, auf das Absurde und das Grundsätzliche.

 

 

Was macht das Leben aus? Er sagt: Die Summe der intensiv erlebten Augenblicke. Troller hat sie eingefangen, wie kein anderer. Nun hat er seine Autobiografie veröffentlicht: „Meine ersten 100 Jahre“. Das passt. Typisch Troller.

 

Georg Stefan Troller in: Zeugen des Jahrhunderts mit Gero von Böhm.  2016

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Zauber des Anfangs

„Ich bin ein Mädchen. Ein Baum in der Sonne. Eine Blume aus dem Himmel. Ich bin eine Botschafterin aus dem Land der Hoffnung. Ein Vogel, der immer singen wird. Ich stehe auf gegen Unterdrückung.“ So heißt der Refrain in einem afghanischen Kinderlied über einen Neuanfang nach Krieg, Chaos und Zerstörung. Es wird nicht mehr gesungen. Der Kinderchor des „Afghanistan National Institute of Music“ ist seit August 2021 verstummt. Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder. So lautet ein deutsches Sprichwort. Doch wer braucht nicht etwas, was einen trägt? Es kann ein Lied sein, das uns Menschenkindern hilft, über uns selbst hinauszuwachsen. Oder eine Idee. Oder einen Moment, der einen herauszieht, aus Angst, Not oder Verzweiflung. Jeder und jede sehnt sich danach – nach einer Berührung, die unsere Seele weckt. Wir brauchen geistige Zugpferde, um zu wachsen. Wir müssen nur beginnen.

Vielleicht hilft ein Gedicht. Es kann auch gesungen werden. Den Auftakt wage ich mit den Stufen von Hermann Hesse und seiner Botschaft vom Zauber des Anfangs. Und vom Herzen, das gesunde. Gewidmet den Mädchen aus der Musikschule von Kabul.

 

 

Stufen. Hermann Hesse. 1941. Geschrieben nach langer Krankheit.

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

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Über November-Wolken

Die Zionskirche in Berlin-Mitte. Abschied von einem Unbeugsamen. Ein Bürgerrechtler der alten Schule hat diese Welt verlassen. Reinhard Schult sein Name, Mitbegründer des Neuen Forum. Es waren mutige Menschen wie er, die konsequent und unbeirrt für die Freiheit des Denkens und die Notwendigkeit der Veränderung stritten, als dieses Land noch eingemauert war. Veränderungen, die auch heute wieder gut tun würden in einer Atmosphäre des Wegschauens und der Selbstbezogenheit. Vom Band erklingen Rio Reiser und Wolf Biermann. Dazu gibt es kluge Reden und warmherzige Worte. Sätze der Anerkennung und des Dankes. Am Ende ertönt in der Kirche ein zartes Lied voller Melancholie: Über den Wolken.

 

 

Reinhard Mey setzt an, hebt ab, startet Richtung Himmel und nimmt uns mit auf eine Reise. Ein Lied, das vor fast fünfzig Jahren auf Vinyl erschien. Als drittes Stück auf der Rückseite einer Langspielplatte. Eher versteckt, fast beiläufig. Doch das Lied nahm Kurs. Bis heute. Nicht wenige summen leise mit. Der Liedermacher ist auch hier bekannt und beliebt. Der „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“-Erfinder gilt als großer Romantiker, als „Rückzugslyriker“ und singender Schwiegersohn. Mit zwölf nahm Mey Klavierunterricht, mit vierzehn kaufte er sich für vierzig Mark seine erste eigene Gitarre. Er vertonte seine Beobachtungen in Alltagsballaden. Vom Zeitgeist wurde der Berliner oft belächelt und gerne unterschätzt. Reinhard Mey will keinem weh tun, hieß es. Ein großer Irrtum. Reinhard Mey wollte, dass zugehört wird. Anfangs zog er mit Hannes Wader durch kleine Clubs und gastierte Mitte der sechziger Jahre auf Liedermacherfestivals, wie dem Folkfestival auf der Burg Waldeck.

Reinhard Mey bewunderte von Jugend an französische Chansons, nannte sich zeitweise Frédéric Mey. Seine ersten Erfolge hatte er in Frankreich. In Deutschland stand er lange unter Schlagerverdacht. Das störte ihn nicht. Mittlerweile hat er über fünfhundert Lieder geschrieben, fast dreißig Alben veröffentlicht. Seine Klassiker sind Songs wie „Ich bin Klempner von Beruf“ oder „Ankomme Freitag den Dreizehnten“.

 

 

 

Nun ist Reinhard Mey 78. Kaum zu glauben, wie frisch und zeitlos seine Lieder klingen. Natürlich könnte er heute nicht mehr mit dröhnenden Motoren bei Wind Nordost auf Startbahn Null-Drei aufsteigen. Kein Benzin dürfte mehr in den Pfützen schwimmen, „schillernd wie ein Regenbogen“.  Geht nicht, wegen der Klimabilanz. Aber dieses Lied lässt sich auch ohne donnernde Kerosinbomber singen. Die besten Entdeckungen machen wir sowieso in unserem Kopf. Wie heißt es doch? „Alle Ängste, alle Sorgen, bleiben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“.

Als einer der wenigen gelingt es Reinhard Mey bis heute, über Generationen und Schichten hinweg ein großes Publikum zu erreichen. Eine seltene Gabe im Zeitalter der Selbstoptimierung. Und so summen Bürgerbewegte und Trauergäste am Ende der Gedenkfeier fast fröhlich mit. So viel Zustimmung. Überraschung und Freude. So ist das mit Liedern, die das Zeug zur Unsterblichkeit haben. In die Welt getragen von einem Liedermacher der leisen Töne, der uns einlädt auch im tristen November abzuheben.