Tower Bridge London. Manche Brücken halten.

Über 20.000 Brücken

Willkommen in Berlin. Die A100 zählt mit bis zu 230.000 Fahrzeugen am Tag zu den am stärksten befahrenen Autobahnen Deutschlands. Ausgerechnet das Dreieck Funkturm, das Nadelöhr der Stadt, ist seit einer Woche gesperrt. An diesem Knotenpunkt treffen sich die beiden Pulsadern Avus und Berliner Innenstadt-Ring. Nun ist Schluss. Für mindestens zwei Jahre. Die zentrale 240 Meter lange Brücke aus dem Jahre 1963 ist fix und fertig. Aus. Vorbei. Feierabend. Der Grund: immer größere Risse am Tragwerk. Daher Vollsperrung, der Abriss ist unvermeidbar. Auch die kurz darauf folgende 500 Meter lange Westendbrücke, gleichfalls aus Spannbeton, ist ein kompletter Sanierungsfall. Offiziell heißt das: „Tragfähigkeitsdefizite“. Ein Sprecher: „Wir waren gezwungen, aus Sicherheitsgründen zu handeln.“

 

Berlin. A100-Vollsperrung am Funkturm. Nichts geht mehr.  Foto: Funke Foto Services Reto Klar

 

Was die Klimakleber in vielen Monaten nicht geschafft haben, war jetzt in wenigen Tagen möglich. Totaler Stillstand. Der Verkehr ruht am zentralen, westlichen Knotenpunkt der Hauptstadt. Was kaum noch überrascht: Das Problem mit dem Betonkrebs ist seit langem bekannt, die marode Ringbahnbrücke seit Jahren unter Beobachtung. Passiert ist – nichts! Jetzt hat die zuständige „Autobahn GmbH“ kapituliert und die Totalsperrung verfügt. Notfallpläne? Fehlanzeige. Seitdem schiebt sich ein Blechlawinen-Tsunami durch enge Wohnstraßen im angrenzenden Charlottenburg. Fahrzeit bis zwei, drei Stunden plus. Abgaswolken, Drängeln, Fluchen, Hupen, das volle Programm. Bei vielen liegen die Nerven blank.

 

 

Mittlerweile sind „im Rahmen der Gefahrenabwehr“ auch die Schleichwege gesperrt. Dort herrschte nach dem Brückenkollaps das blanke Chaos. Hinzu kommt: Das Berliner Straßennetz ist derart betagt, dass der zuständige grüne Baustadtrat die Notbremse ziehen musste, wie er betont. Der massive LKW-Ausweichverkehr drohe die marode Strom-Wasser- und Gasleitungssysteme unter dem Asphalt der kleinen Seitenstraßen zu erschüttern. Die Vollsperrung ist ein Mobilität-GAU mit Ansage. Ein Verkehrskonzept für die nächsten Monate? Wäre zu schön, gibt es aber (noch) nicht. Ab Anfang April soll die Blechlawine zunächst provisorisch auf eine Spur der Gegenfahrbahn der A100 umgeleitet werden.

 

 

Die verschlissene Berliner Ringbahnbrücke ist eine von rund zwanzigtausend Brücken in Deutschland, die dringend saniert bzw. neu errichtet werden muss. Na, klasse! Kann das soeben verabschiedete 500 Milliarden-Infrastruktur der neuen Merz-Regierung rasche Abhilfe leisten? Das wäre ein Träumchen, Made in Germany! Geduld und starke Nerven wie bei der Deutschen Bahn sind gefragt. Daher empfiehlt es sich eher, entweder zu Hause zu bleiben. Wer muss, sollte mit dem Rad oder den Öffentlichen fahren, falls nicht wieder der Berliner Nahverkehr bestreikt wird. Wer unbedingt mit seinem Gefährt unterwegs sein muss, für den gibt es zur Erbauung ein paar Brückensongs, um im Stau entspannt zu bleiben. Vielleicht hilft’s? Über 20.000 Brücken musst du fahren …

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..