Archive for : August, 2025

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Auf Maos Spuren

Moin. Früh, mittags, abends schallt einem dieses kurze Moin entgegen. Oben im hohen Norden. Mal zackig, mal vernuschelt, aber stets, wenn man sich irgendwo begegnet, zwischen Föhr und Wangerooge. Wer wie wir mit dem Rad ohne Elektro-Energie übers Land strampelt, vorbei an Maisfeldern, Kuhweiden und obligatorischen Windrädern, muss rasch feststellen: Der Menschenschlag im Norden ist wie der stramme Gegenwind: Steif, sturmfest und wortkarg. Hier macht man wenig Worte. Geredet wird in dieser Welt eh zu viel.

In den letzten Augusttagen ziehen wir unsere Kreise durch Ostfriesland. Mit vollen Packtaschen, ohne Hilfsmotor. Hier gibt es keine Steigungen. Nur der Wind ist selten unser Freund, häufig bläst er hartnäckig ins Gesicht, zwingt letzte Reserven in die Pedale, während behelmte E-Bikende Rentner vorbeiziehen – auf den langen Geraden entlang der Kanäle zwischen Wiesmoor und Aurich.

 

Moin. Morgens auf der Insel Föhr an der Nordsee.

 

Der beredte Guide vom Reiseveranstalter empfahl: In Ostfriesland am besten mit dem MAO-Motto reisen: Mund, Augen, Ohren auf. So funktionierts. Besser als jede App, die sowieso regelmäßig im Funkloch versinkt. Merkwürdig nur: Menschen trifft man kaum. Entweder rasen sie über die größeren Landstraßen, sitzen in Monster-Traktoren breit wie die Chaussee oder mähen stumpfsinnig ihre Rasen. In den Dörfern sind ständig Pflegedienste und Amazon im Einsatz. So passieren wir endlose Einfamilienhaus-Einöden. Klinkergebäude, Carport, große Vorgärten, Rasenroboter.

 

Weiter Himmel. Der Geschmack vom Meer. Irgendwo hinterm Horizont.

 

Die Wohnkultur auf dem Lande? Eine Selbstdarstellung der Bundesrepublik, wie sie leibt und lebt: Buchenhecken, Buchsbaum-Orgien, Wembley-Rasen, gepflasterte Zufahrten, Kiesornamente oder vergitterte Steinwälle. Ein Land, reicher denn je, präsentiert gestalterische Monotonie und Austauschbarkeit, soweit das Auge fällt. Manchmal ist ein Mensch zu sehen. Dann heißt es: Moin. Was sonst?

 

Beliebt: Ostfriesen-Mauer. Gesehen in Emden.

Unverzichtbar: Rasenroboter.

 

Nun gut. Ostfriesland rühmt sich für Bodenständigkeit, Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Abends gibt es ein Schnäpschen auf Kosten des Hauses. Die Alten erzählen von Sturmfluten, kalten Wintern und heizbaren Stövchen, das die Damen in der Kirche unter ihre Röcke platziert haben. Die Kirchen sind wie Trutzburgen, heute stehen sie meistens leer. Manche Türme sind windschief, weil der Boden „Pudding“ ist. Wenn im Laufe der Jahrhunderte das Eichenfundament vermodert, gibt es – schwups – eine neue Touristenattraktion wie in Suurhusen bei Emden. Der Kirchturm gilt als einer der schiefsten Türme der Welt. 2 Meter 47 Überhang. Jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr. Mehr als in Pisa! Kein Gotteswille, kein Teufelswerk. Nein, schlicht der ostfriesische Untergrund. Marsch, Wasser, Moore. „Kannst nichts machen. Haste sonst noch Fragen?“

 

Der schiefe Kirchturm von Suurhusen. 2 Meter 47 Überhang. Eine Touristenattraktion in Ostfriesland.

 

Was begeistert, ist die entspannte Ruhe. Der weite Blick. Die Weiden, Wiesen und Felder. Man spürt: Das Meer ist nah. Wolken wie Wattebäusche. Für Caspar David Friedrich symbolisierten Wolken stets das Göttliche. Eine Anekdote erzählt, dass seine Kinder jederzeit in sein Dresdner Atelier kommen durften, außer wenn er mit Himmelszeichnungen beschäftigt war. Maler-Ikone Friedrich war kein Ostfriese. Aber auch einer von der Küste. Von der Ostsee. Aus Pommern. Vom Menschenschlag scheinen sich Ostfriesen und Vorpommern nahe zu sein. Die gleiche Dickschädlichkeit, der gleiche trockene Humor. Nur nicht zu viel reden. Wortmüll gibt’s genug in dieser Welt. Moin, Moin! Und Tschüss.

 

Hol über! Auf der Fähre von Glückstadt.

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Die Löwin von Neukölln

Berlin-Neukölln. Rollbergviertel: Betonburgen, Tiefgaragen, Müllcontainer. Dazwischen ein bisschen Grün. Ein sogenannter sozialer Brennpunkt. Für Güner Balci Kindheit, Jugend und ein Stück Heimat: „Für uns Kinder war die Großsiedlung ein Raum, in dem jeder sein konnte, wie er war. Wir waren die Herrscher über Treppenaufgänge, Kellerräume und Garagen. Wir, das waren hunderte Kinder, deren Eltern aus unterschiedlichen Ländern eingewandert oder Deutsche ohne Migrationsgeschichte waren.“ Alle Familien hätten viele Kinder gehabt. „Man hatte sein Auskommen, sofern die Eltern arbeiten gingen. Nicht alle taten das – die ersten Anzeichen der späteren fatalen Entwicklung.“

Eine Kindheit ohne Klavierunterricht, Ballett, Helikoptereltern und Nachhilfestunden. „Der Rollbergkiez war meine Lebensschule“, schreibt die 50-jährige Autorin und Integrationsbeauftragte von Neukölln in ihrem neuen Buch „Heimatland“. „Wir kannten keine Nanny und keine durchgeplanten und betreuten Kinderfreizeiten. Wir hatten das Columbia-Bad. Aber nicht alle hatten Geld für den Eintritt. Da half alles nichts: Man musste über den mit Stacheldraht bewehrten Zaun klettern. Einmal trug mir das eine klaffende Fleischwunde am Oberschenkel ein.“

 

Neuköllner Rasselbande in den vierziger Jahren. Neukölln war schon immer – anders.

 

Die waschechte Neuköllnerin Güner Balci ist ein Gastarbeiterkind. Ihre Eltern Mahmut und Fatma waren einfache, herzenskluge Bergbauern. Aleviten aus Ost-Anatolien. Ihr Glück suchten sie in Almanya. Berlin wird ihre neue, zweite Heimat. Mutter Balci schrubbt vierzig Jahre in Krankenhäusern, damit es ihren vier Kindern einmal besser geht. Die junge Güner genießt viele Freiheiten und lernt rasch die Gesetze der Straße kennen. Abenteuer, Gemeinschaft, Langeweile, erste Liebe, Mädchenladen MaDonna, aber auch Klauen von Nike-Sportschuhen oder Gegnern „die Nase putzen“: „Nach Myriaden blauer Flecken und einigen ausgeschlagenen Zähnen lernte ich, mich wehrhafter zu zeigen. Es kann nicht immer falsch sein, dem Richtigen eins auf die Fresse zu geben.“

Anfang der achtziger Jahre, so Güner Balci, ändert sich vieles im Kiez. Arabische Familien ziehen ins Rollbergviertel. Es gibt neue Abschottungen und Kontrolle durch Sittenwächter. Die Macht der Imame zeigt Folgen: Geschlechterapartheid und Gewalt gegen „Ungläubige“. Was besonders auffällt: Mädchen verschwinden von der Straße. Sie werden zu „Schattenwesen“. Für sie heißt es plötzlich: „Freunde, Freizeit, Freiheit waren jetzt Haram, verboten.“

 

Der Himmel über Neukölln. Blick vom Szenetreff Klunkerkranich über die Dächer der Stadt. Auch hier ist Neukölln anders – als viele Klischees.

 

Güner Balci studiert. Sie lebt ihren Traum als junge, selbstbewusste Migrantin. Ihre erste große Liebe ist Tschabo, ein Sinto und „der weltbeste Rhythmusgitarrist“. Beim Prince-Konzert in der Deutschlandhalle erklimmt Güner die Bühne, um mit ihrem Idol zu tanzen. Sie wird Journalistin, arbeitet unter anderem für das ZDF-Magazin Frontal 21. Ihre Beiträge über Islamismus, Migrantenalltag und Parallelgesellschaften sind gründlich recherchiert, aber äußerst unbequem. Islamisten und Konservative laufen Sturm. Unermüdlich warnt Balci auch in ihren Büchern (Arabboy, ArabQueen) vor einem weit verbreiteten Kulturrelativismus. („Die sind eben anders“). Gleiche Maßstäbe für alle, egal ob Migrationshintergrund oder nicht, das ist der Kern ihrer Botschaft.

Als sie 2020 Integrationsbeauftragte von Neukölln werden soll, gilt sie für Teile der Linken und Grünen als „ungeeignet“. Güner Balci polarisiert. Bei ihrem Namen bekommen viele Bedenkenträger einen dicken Hals. Sie sei eine „Erfolgsrassistin“, heißt es. „Wallah, die spinnt!“ Doch die Shitstorms feuern die streitbare Löwin von Neukölln eher noch an. Sie betont: „Wenn bei vielen Dingen, die ich in der Öffentlichkeit sage, Neonazis, Rechtsextreme, Islamisten, türkische Faschisten und bestimmte extremistische linke Gruppen Puls kriegen, dann habe ich alles richtig gemacht.“

 

 

Ihr Buch „Heimatland“ ist eine einzige große Liebeserklärung. An ihren Kiez in Neukölln, an Berlin und – ja – an Deutschland. In der heiß diskutierten Migrationsfrage ist Balci überzeugt: „Wir hätten heute vielleicht keine AfD, wenn wir schon seit Jahrzehnten mehr Mut zur Wahrheit und Verantwortung gehabt hätten.“ Mit ihrer Sicht wird sie sicher wieder anecken. Aber Kämpfen ist Güner Balci seit Rollberg-Zeiten gewohnt. Was hat sie von ihrer alevitischen Mutter gelernt: Nie unterkriegen lassen, nie!

Güner Yasemin Balci. Heimatland. Berlin Verlag. 2025

Transparenzhinweis: In den 10er-Jahren haben Güner Balci und ich mehrfach für das Kulturmagazin aspekte zusammengearbeitet.

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Am Ende der Welt

Sommerzeit, Reisezeit. Die Autobahnen sind voll. Rechts eine endlose LKW-Karawane, häufig zweispurig blockiert. Links eine glitzernde Perlenkette von Wohnmobilen, Familienkutschen, eiligen Kleintransportern, Dränglern und Rasern. Überall Baustellen. Stillstand. Kilometerlange Staus in der Augusthitze. Wenn es dreispurig weitergeht, wird sofort auf die Tube gedrückt. Frust-Raserei, als gebe es kein Morgen. Bis zur nächsten Baustelle oder bis zur nächsten Vollsperrung. Der Grund: Massenkarambolage. Wieder Stillstand. Der Stau macht alle gleich. Vom Porschefahrer bis zum rumänischen Schwertransporter. Irgendwann kommt Bewegung in die Blechlawine. Weiter geht’s. Bis zum nächsten Halt. Für die Strecke Stuttgart – Berlin brauche ich an diesem Sommertag neun Stunden.

In Thüringen habe ich die Nase voll. Ich biege auf der Höhe von Schleiz ab. Die Welt wird sofort anders. Hügelig, heimelig, entspannter, geradezu beruhigend. Ich lasse mich auf schmalen, kurvigen Landstraßen ein Stück weit treiben, bis ich an einem aufgelassenen Steinbruch anhalte. Absolute Ruhe. In der Tiefe des Steinbruchs hat sich ein azurblauer Baggersee aufgestaut. Ich schließe mein Mercedes-Veteran ab und laufe einfach los. Bergauf, bergab. Am Himmel kreist ein Mäusebussard. Irgendwo tuckert ein Traktor. Hinter einem Hügel ragt ein wuchtiger Kirchturm mit Haube hervor. Das wird mein Ziel. In der abendlichen Augusthitze erreiche ich rasch eine barocke Trutzburg, umfasst von einer vierseitigen Feldsteinmauer. Am Ortsschild steht: Göschitz.

 

Kirche mit Fußballplatz. Göschitz. 200 Einwohner. Saale-Orla-Kreis Thüringen. August 2025

 

Vor der Kirche ein einsamer Fußballplatz. Durch den Torbogen gelangt man zum Eingang. Die Tür steht weit offen. Irgendwo brummt ein Rasenmäher. Im Innern ein heller, großer Kirchenraum. Schlicht, spartanisch, protestantisch. Auf der Westempore eine stattliche Orgel. Plötzlich bellt ein Hund. Sekunden später stehe ich dem Mann am Rasenmäher gegenüber. Er stellt sich als Kirchenältester vor. Ein brummiger Anfang Sechziger. Zuerst misstrauisch, kommen wir ins Gespräch. Ja, das sei eine alte Kirche im Reußenland. Viel Arbeit, wenig los. Zum Gottesdienst alle sechs bis acht Wochen kommen noch fünf oder sechs Menschen. Er sei für alles zuständig. Vom Rasenmähen über Reparaturen bis zu den Gemeindefinanzen. Die Zuständigkeit wolle ihm Erfurt jetzt wegnehmen: „Sparen. Die wissen alles besser, haben aber keine Ahnung, was auf dem Dorf los ist.“

Der Mann taut auf. Seine Kinder seien alle in der Nähe geblieben. Das mache ihn stolz. Ansonsten? Die Gemeinde! „Wenn´s so weiter geht, ist bald Schluss!“ Ich frage nach Daniel Sturm, der auf einer Gedenktafel steht. „Kennen Sie den nicht? Ein bekannter Dichter, war hier Pfarrer.“ In der St. Jodocus-Kirche von Göschitz gab es sogar beheizte Kirchenbänke. „Wegen der Winterkälte. Die Heizung ist kaputt. Der Elektriker, der sie eingebaut hat, ist tot.“ Ich frage, ob ich die Orgel spielen darf. „Ja, aber wenn Sie falsch spielen, ist Schluss“, lächelt er.

Auf der Empore angelangt, werfe ich die elektrische zwei-manualige Dorforgel an, ziehe jede Menge Register. Wow! Ein kräftiger, vielstimmiger Klang. Das Beste: im tiefsten ostthüringischen Winkel stammt die Orgel aus dem Jahre 1911 von der Firma Walcker – aus meiner Geburtsstadt Ludwigsburg. Ich darf spielen, solange ich will. Beim Abschied ruft er mir zu: „Sie können hier Urlaub machen. Wir haben einen Gasthof mit Übernachtung.

 

St. Jodocus-Kirche Göschitz. Hier ist viel Platz. Sonntags alle sechs bis acht Wochen kommen noch fünf, sechs Gottesdienstbesucher.

 

Wem die Stunde schlägt. Als ich zum Steinbruch zurückwandere, höre ich drei Glocken läuten. Die erste für jede Viertelstunde, die zweite für die volle. Die dritte setzt ein, weil es 18 Uhr wird. Das Tagewerk ist vollbracht. Das Bimmeln begleitet mich fast bis zum Baggersee. Dort am anderen Ufer vergnügt sich ein junges Pärchen, nackt wie Adam und Eva. Sie kichert fröhlich. Er wirft sein Moped an. Als ich wieder auf der Autobahn A9 Richtung Berlin bin: Aufatmen. Es ist deutlich weniger voll, keine Staus mehr. Auf einer der nächsten Autobahnbrücken taucht plötzlich ein blaues Fahnenmeer auf. Auf einem großen Transparent steht: „Scheiß ARD!“ Wenig später grüßt eine weitere AfD-Brücken-Demo. Ein Tag im Sommer 2025.

Liebe in Zeiten des Hasses? Dieser Song wird in Thüringen und Sachsen gerne gehört. Roland Kaiser: „Liebe kann uns retten“. Kaisermania im AfD-Land:

 

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Wenzel, die Wärmepumpe

Wenzel – wer? Um ehrlich zu sein. Ich kannte nur seinen Namen, mehr nicht. Das war ein Fehler. Der Mann hat über 500 Lieder geschrieben. Liebes-Lieder, Balladen, bitterböse Satiren und manchmal auch derbe Sauf- und Rauflieder. „Hans-Eckardt Wenzel ist ein deutscher Liedermacher, autodidaktischer Multiinstrumentalist, Autor, Regisseur und Komponist. Auf Plakaten, Alben und Konzertankündigungen verwendet er ausschließlich seinen Nachnamen Wenzel als seinen Künstlernamen“, teilt Wikipedia mit. Nun ist Wenzel siebzig geworden. Ein Grund zum Feiern. Und eine Möglichkeit, Wenzel endlich kennenzulernen. „Glaubt nie, was ich singe“, heißt eines seiner fünfzig Alben. Ja, es lohnt sich.

 

 

Wenzel sieht sich gerne in der Rolle des Narren. Er nimmt sich auf dem Narrenschiff – unsere aktuelle Weltbühne – alle Freiheiten. Er sagt: „Wehe dem Volk, das keine Narren hat, Spott ist die Waffe der Bedrängten gegen den Hochmut der Macht.“ Und weiter: „Wehe dem Volk, das Narren nötig hat. Es taugt der Mensch als Feind nicht, wenn er lacht. Weg mit der Kunst, es siegt das Militär, der Frieden fällt den Reichen viel zu schwer.“ Trotz aller Gedankenschwere sucht er in seinen Liedern nach mozartscher Leichtigkeit. Musik ist sein Medium. Anspruchsvoll, witzig, wach, aber nicht woke. Sein Befund zur Lage der Nation: „Eine stalinistische Humorlosigkeit hat dieses Land befallen“.

Wenzel beherzigt das Motto seines großen Vorbildes Woody Guthrie: „Mein Frieden ist alles, was ich dir geben kann.“ Tochter Nora Guthrie, die den gelernten DDR-Songpoeten nach New York und Nashville auf große Bühnen geholt hat. „Wenzel ist impulsiv wie ein Kind.“ Und seine Texte scharf wie eine Rasierklinge: „Die Präsidenten lügen, als wären wir blödes Vieh. Doch wir werden uns nicht fügen – dieser Idiotie.“

 

 

Hans-Eckhardt Wenzel gilt als einer der bedeutendsten deutschen Songpoeten. Er ist ein Melancholiker und Nachtarbeiter. Ein Träumer und Textschmied. Poet und Barde. Romantiker und Frauenliebhaber. Ein überzeugter Pazifist, der in der DDR Soldatenlieder schrieb. Bach- und Brecht-Fan. Weltverbesserer und Dissident. Ein ewig junger, alter Querkopf. Ein Hingucker und Zuhörer. Ein vielfach ausgezeichneter Preisträger. Zum Star in analogen wie digitalen Welten hat es aber nie gereicht. Zu wenig angepasst.

Wenzel sagt: Fürs Nachdenken und für Neugier gibt es keine Altersgrenze. Entscheidend sei: Berührt ein Song? Oder eben nicht? Was im Leben und in Gesellschaftssystemen für ihn zählt: Anständig bleiben, sich nicht verbiegen. „Ach, wie ist das Leben ungesund. Immer einen heben, immer gibt es einen Grund. Froh, dass wir am Leben sind.“

 

Song: Zeit der Irren und Idioten: „Es ist wie Sommer heut im Mai. Die Nutten haben Hitzefrei. Die Polizei putzt ihre Scheiben. Die Heiratsschwindler übertreiben. Die Stadt riecht schweißig und nach Äther. Es kichert leis der Attentäter. Noch unentdeckt sind all die Toten. Das ist die Zeit der Irren und Idioten.“

 

Auf einem seiner letzten Konzerte sagte Wenzel, der Dichter, Denker und Musiker, aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg, jetzt in Berlin und Vorpommern zu Hause: „Es ist eine kurze Zeit, die wir auf der Erde sind. Wir müssen sie nutzen.“ Oh, ja. Einer, der in kalten Zeiten Herz, Seele und Verstand wärmt.