Claude Lanzmann 1925-2018. Foto: Sylvia Plachy

„Man will einmal Ruhe haben.“

Zwölf Jahre lang recherchierte der Journalist Claude Lanzmann eines der dunkelsten Menschheitsverbrechen: den Massenmord an Millionen Juden in den Gaskammern. Der Sohn eines französischen Resistance-Kämpfers wollte wissen: »Was bedeutet es, nackt bei minus zwanzig Grad zu warten, bis man vergast wurde?« Herausgekommen ist 1985 ein aufwühlendes Roadmovie nach vielen Schwierigkeiten, gedreht mit einem kleinen Kamerateam, zwei Assistentinnen kreuz und quer durch Europa mit einem VW-Bus.

Ein Mammutprojekt ohne Fördermittel. Ohne Fernsehen. Im eigenen Auftrag. Privat finanziert, stets bei knapper Kasse, rastlos auf der Suche nach Antworten dreißig Jahre nach dem Holocaust. Im Februar 1986 feierte Lanzmann auf der Berlinale Premiere. Ein Film wie kein anderer. „Shoah“ mit einer Länge von 9 Stunden und 26 Minuten. Ohne historisches Archivmaterial oder Musik. Dafür lange Interviews mit Opfern, Tätern und Zeugen. Neuneinhalb Stunden ziehen endlos Straßen, Wälder, Gräber, Bahngleise, Dörfer und Wohnzimmer über die Leinwand. Alles, nur keine Hitler-Reden, NS-Aufmärsche oder Leichenberge. Sein stiller XXL-Film fordert höchste Konzentration.

 

 

Claude Lanzmann wollte „das Unmögliche erreichen: das „Unbenennbare benennen.“ Den Holocaust mit den Todesfabriken, seinen Opfern und Tätern erfahrbar machen. Damals in den Siebzigern konnten Überlebende noch befragt werden, keine dreißig Jahre nach Kriegsende. So gelingt ihm ein einmaliges Zeitdokument mit KZ-Überlebenden, SS-Kommandanten und polnischen Dorfbewohnern. Ungeschminkt, oft ungekürzt. So erschüttern Schilderungen des Friseurs Abraham Bomba, der unbekleideten Frauen die Haare vor ihrer Vergasung schneiden musste. Oder die des Auschwitz-Augenzeugen Filip Müller. Ein junger Slowake im sogenannten Sonderkommando, der die Leichen aus den Gaskammern bergen und verbrennen musste. Müller gehört zu den gerade mal fünf Überlebenden des Sonderkommandos, die von Anfang an in Auschwitz dabei waren.

Die Täter reagieren ausweichend, abwehrend bis aggressiv. Beim Treffen mit dem Leiter der SS-Einsatzgruppen Schubert muss Lanzmann mit versteckter Kamera in der Tasche flüchten.  Andere wie der SS-Brigadeführer und Diplomat im Auswärtigen Amt Eduard Veesenmayer leugnet 1975 ungebrochen die Verbrechen. Er sagt: „In Deutschland hat man die Nase voll. Man will einmal Ruhe haben.“ Andere Verantwortliche wollen erst nach Kriegsende vom „Judenmord“ erfahren haben. Karl Wolff, General der Waffen-SS und Adjutant Himmlers antwortet in die Kamera von Claude Lanzmann: „Es gab keinen Führerbefehl. Das ist jüdische Propaganda seit zwanzig Jahren.“ Der frühere SS-Verbindungsoffizier in Hitlers Führerhauptquartier war 1964 wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen in Treblinka zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt worden. 1969 wurde er entlassen.

 

Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen. Eine Ausstellung für die Ohren – und das Herz. Jüdisches Museum Berlin. Foto: Jens Ziehe

 

Seit 2023 gehört die Sammlung Lanzmann mit Shoah zum UNESCO-Weltkulturerbe. Pünktlich zum 100. Todestag des französischen Chronisten der Shoah präsentiert das Jüdische Museum Berlin neunzig Minuten Aussagen und Interviews aus 220 Stunden Audiokassetten und 530 Stunden Filmmaterial. „Es gibt wenig zu sehen, aber viel zu hören“, betont Direktorin Hetty Berg. Die Beispiele jedoch gehen unter die Haut, in insgesamt elf Hörinseln. Ein einmaliges Dokument gegen Gleichgültigkeit, Vergessen oder Verharmlosen. Auch hier gilt die Hoffnung: Vielleicht lernt die Menschheit doch aus ihren Fehlern? Bis Ende 2027 sollen alle Tonaufnahmen digitalisiert und zugänglich gemacht werden.

 

Audiokassetten Claude Lanzmann. Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März

 

Ein Besuch lohnt sich.

Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen. Jüdisches Museum Berlin.

Bis 12. April 2026. Zeitgleich in Paris (Le Mémorial de la Shoa) und New York (The New York Historical) zu sehen.

 

 

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