Der Schulhofschläger
Es ist Winter. Straßen und Wege sind rutschig wie glitschige Seife. Die Schule leuchtet müde in der Morgendämmerung. Es ist kalt, es ist früh, es geht zur ersten Stunde. Als ich den Schulhof erreiche, trifft mich ein Schneeball ins Gesicht. Ich halte Ausschau in die Richtung, aus der dieser feuchtnasse Morgengruß geflogen ist. Da steht er. Grinsend, feixend, siegesgewiss. Er ruft schadenfroh: Treffer. Der Typ stammt aus meiner siebten Klasse. Einen Kopf größer, doppelt so breit und stark wie ich.
Er grinst. „Oh, der Klugscheißer. Der feine Pinkel aus gutem Hause. Höchste Zeit, dass du endlich deine Abreibung bekommst“, ruft er mir zu. Ich versuche, unbeeindruckt weiterzugehen, um das Schulhaus zu erreichen. Er stellt sich mir in den Weg. Ich sage nichts, möchte an ihm vorbeigehen. Mit erhobenem Haupt. Dann schlägt er zu. Seine Faust trifft mich ins Gesicht. Ich rutsche weg, lande auf dem Boden. Um weitere Schläge abzuwehren, rolle ich mich wie ein Embryo zusammen. Niemand hilft mir auf dem vereisten Schulhof. Ich nehme einige Schatten wahr. Sie halten Abstand. Andere schleichen sich an mir vorbei.

Im Anzug zur Schule? Das Lächeln fiel mir offenbar schwer. Nein. Es war eine Aufnahme aus den späten Sechzigern für das Familienalbum.
„Ich poliere dir die Fresse“, droht er, dann tritt er mit den Füßen. Zwei-, dreimal. Zuerst in die Beine, dann Richtung Magen, schließlich gegen die Nieren. Er keucht vor Freude und Wollust. Ich spüre seinen heißen Atem. Mein Gesicht wird warm und feucht. Blut tropft aus der Nase. „Wenn du Klassensprecher werden willst, überlege es dir besser noch mal. Ich hab’ noch Luft nach oben.“ Alle in meiner Klasse nennen den King vom Schulhof „Kugel“. Sein Spitzname ist Programm. Ein rundlicher Angeber, dem die meisten aus dem Weg gehen. Er kniet auf mir und flüstert in mein Ohr: „Wenn dich jemand in der Schule fragt, warum du so lädiert aussiehst, sag die Wahrheit: Ich bin ausgerutscht und habe mir die Nase blutig geschlagen. Kapiert?“
Schließlich lässt er mich los. Die wenigen Sekunden seines Blitzangriffs aus dem Hinterhalt erscheinen mir wie eine gefühlte Ewigkeit. „Kugel“ ist mein Albtraum. Kräftig, laut und unverschämt. Er besteht darauf, immer recht zu haben. Sein Körper ist seine Waffe. Seine Kraft verleiht ihm Macht. Und Macht ist seine Stärke. Lügen und Wahrheit verdrehen ist sein Programm. Angst, Loyalität und Unterwürfigkeit sind sein Lohn.
Sogar unsere Lehrer halten sich zurück. Manche Lehrerinnen haben Angst vor ihm, wie die meisten meiner Klassenkameraden. Seine Brutalität fasziniert nicht wenige von ihnen. Er verfügt über eine wachsende Fangemeinde. Er hat wenig Wissen, aber eine unschlagbare Gewissheit: Ich bin hier das Gesetz. Das gilt auf unserem Schulhof: Leg dich nicht mit „Kugel“ an. Er hat es geschafft: Sein Gesetz des Stärkeren gilt. Manche folgen ihm bedingungslos, andere ducken sich weg. Jeder, der sich wehrt, wird belästigt, bedroht oder eingeschüchtert. „Kugel“ hat keine Freundin. Echte Freunde aber auch nicht. Eher Mitläufer, Fans und Follower. Sein Motto: „Die Starken machen, was sie wollen. Die Schwachen, was sie müssen.“
Tja. The winner takes it all. „Kugel“ verbreitet eine Aura der Unbesiegbarkeit und ein Klima der Angst. Unser Schulhofschläger regiert in seinem Revier. Ihm aus dem Wege gehen, sicher nach Hause kommen, das ist unsere Alltagsstrategie. Nun, weiter geht’s in der Geschichte. Heimlich wasche ich auf der Schultoilette mein Gesicht und wische das Blut weg. Ich komme daher zu spät zum Unterricht und schleiche mich mit gesenktem Haupt an meinen Platz. Dutzende Augenpaare folgen mir. „Kugel“ grinst zufrieden in der letzten Reihe. Als der Lehrer fragt, warum ich zu spät sei, antworte ich leise, ich sei auf dem Weg zur Schule ausgerutscht.
Mein geschwollenes Gesicht schmerzt, genau wie mein Magen. Aber der wahre Treffer sitzt tiefer, ist unsichtbar. Ich fühle mich wie ein Totalversager, schwach, feige und hilflos. Alles, was mich ausmachen soll, ist wie weggeblasen: mein Selbstvertrauen, meine Ideale, mein Stolz. Es fühlt sich furchtbar an. Zusätzlich nervt mich, dass mir niemand geholfen hat. Als der Schulhofschläger wieder einmal für Ordnung in seinem Imperium gesorgt hat. Als es die „verdiente Abreibung“ setzte.
P.S.
Es gibt ein Happy End. Ich werde zum Klassensprecher gewählt. Ob ich diese Aufgabe zufriedenstellend erfüllt habe, kann ich nicht beurteilen. Das müssen andere. Ich war damals zwölf. Es ist lange her. Unser Schulhof-Tyrann wurde später auf eine andere Schule versetzt. Irgendwann war wohl das Maß voll. Eines Tages war er einfach weg.
Diese kleine Begebenheit kommt mir angesichts der Weltlage derzeit immer wieder in den Sinn. Meine Frage von damals bleibt bis heute unbeantwortet: Wann ist es klug, mutig zu sein? Wann ist es klüger, sich feige zurückzuhalten … und auf ein Wunder zu hoffen?



