Die Macht der Machtlosen

Zwischen Karotten und Zwiebeln präsentiert ein Gemüsehändler in seinem Schaufenster den Spruch: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Nicht um sein Angebot attraktiver zu gestalten oder gar aus purer Überzeugung. Nein, der gute Mann will seine Ruhe haben. Diese kafkaeske Geschichte aus dem einst realsozialistischen Prag erzählt der Schriftsteller Václav Havel: „Er tut das nicht, weil er von der Wahrheit dieses Gedankens überzeugt ist, sondern weil es von ihm erwartet wird“. Schließlich folgt Havels berühmter Kernsatz: „Das Schild ist ein Zeichen der Unterordnung, ein Versuch, in Ruhe gelassen zu werden.“

In der Lüge leben, das ist die Realität in autoritären Ländern. Macht beruht nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf der Basis alltäglicher Mitwirkung der Beherrschten. Ideologie dient als Schutzschild für Angst und Anpassung. Das System funktioniert, weil Menschen mitmachen. Aus dieser Erkenntnis entwickelt der 42-jährige Dichter und Dissident Havel 1978 seinen Gegenentwurf zur kommunistischen Herrschaft. Er nennt es: „In der Wahrheit leben“. Wer das Schild nicht aufhängt, stellt das System infrage – nicht durch Protest, sondern schlicht durch Verweigerung der Lüge. So Havel in seiner Schrift „Die Macht der Machtlosen“.

 

 

Wer war dieser Václav Havel? – Ein Prager Großbürgersohn, dessen Eltern nach der Machtübernahme der tschechischen Kommunisten 1948 enteignet werden. Der junge Mann wird Chemielaborant, Geisteswissenschaften darf er nicht studieren. Er schlägt sich als Taxifahrer, Bühnentechniker. Beleuchter, Sekretär, Lektor, Dramaturg und schließlich als „Hausautor“ im „Theater am Geländer“ durch. Unermüdlich spitzt er die Feder gegen die Mächtigen, verfasst Stücke und Essays in der Tradition des absurden Theaters. Havel wird zu einem der Wegbereiter des Prager Frühlings 1968. Der Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz scheitert. Havel gehört nach der Niederschlagung zu den Initiatoren der Charta 77, einer Denkschrift für Reformen und demokratische Erneuerung.

 

In Wahrheit leben. Václav Havel. 1965

 

Der unbequeme Havel (1936-2011) eckt mit seinen Schriften an. Die Behörden verpassen dem Widerspenstigen Publikationsverbot. Dreimal wird er verhaftet, als Wortführer der Regimegegner verbringt er insgesamt mehr als vier Jahre im Gefängnis. Seine letzte Haft wegen Rowdytums, so die konstruierte Anklage, datiert vom Februar 1989. Entlassen wird der „Staatsfeind“ im Mai 1989. Ein halbes Jahr später, im Rahmen der Samtenen Revolution steigt der parteilose Dichter zum ersten Mann im Staate auf. Am 23. Dezember 1989 tauscht er die Gefängniszelle gegen das Präsidentenamt ein. Es klingt wie ein Märchen. Die Macht der Machtlosen setzt sich durch, nach vierzig Jahren. Es lohnt sich in der Wahrheit zu leben.

An Havels Gemüsehändler erinnerte vor kurzem der kanadische Premier Mark Carney in Davos. Es sei wieder an der Zeit, die Schilder der Anpassung aus dem Schaufenster zu nehmen und in Wahrheit leben. Carneys Botschaft in seiner bemerkenswerten Rede: Integration statt Unterordnung. Dafür erhielt der Kanadier Standing Ovation.

 

 

In Wahrheit leben ist ein schöner Gedanke. Václav Havel war in dunklen Zeiten ein Mutmacher. Er sagte: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“. Es muss ja nicht wieder vierzig Jahre dauern, wie einst beim tschechischen Dichter und Präsidenten, den heute noch viele den europäischen Nelson Mandela nennen.

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