„Angst essen Seele auf“

Wer klug ist, hält die Klappe. Seit hunderten Jahren. Denn: Wer seinen Mund aufmacht, muss gehen oder verschwindet. Typisch Russland? Ein westliches Klischee? Nein, leider nicht, stellt Lev Gudkov fest. „Angst konsolidiert Machtstrukturen.“ Der Moskauer ist eine Art Mastermind der russischen Meinungsforschung. Der 79-jährige Veteran agiert ungebrochen und bewundernswert angstfrei. Der Leiter des einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada in Russland weiß: „Selbstzensur und Angst bestimmen die russischen Gesellschaft“. Siebzig Prozent meinen, man dürfe anderen Menschen nicht trauen. Im Westen ist Gudkov Lew-Kopelew-Preisträger. In seiner Heimat gilt er als „ausländischer Agent“. Der Soziologe ist quasi vogelfrei.

 

 

 

Seine aktuellen Umfrageergebnisse: Achtzig Prozent unterstützen Putin und siebzig Prozent wünschen sich eine baldige Kapitulation der Ukraine zu Moskaus Konditionen. Nur etwa 6% bis 8% der Russen empfinden angesichts des Überfalls ein Schamgefühl. Es fehle elementar an Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine. Russland selbst sehe sich als Opfer des Westens. Drei von vier Menschen glauben laut Lewada-Studie, dass die NATO nur gegründet wurde, um Russland zu vernichten. Gudkov: „Es gibt einen Komplex nationaler Minderwertigkeit. Er wird durch das Gefühl der Demonstration von Großmacht und imperialer Vergangenheit in einer Konfrontation mit dem Westen kompensiert. All das zusammen sorgt für einen erzwungenen Konsens in der Gesellschaft und für die Abwesenheit von Kritik.“

Die Dauerpropaganda zeige Wirkung: Bis zu vierzig Prozent der Russinnen und Russen haben Angst vor Repression und Verfolgung. Das sei auch eine Folge erlebter Sowjet-Erfahrungen. Das Putin-Regime habe alte Ängste aus Stalins Zeiten wiederbelebt und benutze sie zur Mobilisierung und Kontrolle der Gesellschaft, so Gudkov in der FAZ: „Der Ärger wird nur im eigenen Umfeld, in der Küche, in der Familie geäußert. Wichtiger sind ideologische und symbolische Faktoren. Eine militärische Niederlage Russlands könnte die Autorität Putins untergraben. Militärische Misserfolge könnten zum stärksten Faktor für einen Zusammenbruch des Regimes werden.“

 

Selfie vor Heldendenkmal. Foto: Frank Gaudlitz aus: „Kosmos Russland“.

 

Höchst aufschlussreich ist Gudkovs „Theorie der kollektiven Angst“, veröffentlicht im Fachmagazin Osteuropa. „Angst essen Seele auf“, so die Kurzformel. Seit 35 Jahren schaut der Meinungsforscher dem Volk aufs Maul. Den Mächtigen redet er nicht nach dem Mund. Als Wissenschaftler fühle er sich den Prinzipien von Fakten und Empirie verpflichtet. Diese Unabhängigkeit fordert einen hohen Preis. Seine Ergebnisse insbesondere zum Ukraine-Krieg bringen Gudkov in ständige Konflikte mit dem Kreml. Die Folge: Permanente Nadelstiche, Zensur und Alltagsschikanen wie grundlose Doppel-Besteuerung oder Einschränkung der Arbeitsmöglichkeiten. Mit einem Bein steht Gudkov in der Gefängniszelle. Einschüchtern lässt sich der 79-jährige Moskauer nicht. Wer mehr über Russland erfahren will, dem sei seine Langzeitstudie: „Feinde, Gegner und Partner Russlands“ empfohlen. Es sind Informationen aus erster Hand.

 

Tanz der Veteranen. Lächeln für die Kamera. Gudkov: „Im öffentlichen Raum fühlen sich die Menschen extrem verletzlich. Deshalb sagen 75 Prozent, dass man Menschen nicht vertrauen kann. Dieser Zustand ständiger Wachsamkeit ist ein Ausdruck latenter Angst.“ Foto: Pavel724

 

Was Gudkov sich von uns erhofft? Im Westen existiere ein „Defizit moralischer Klarheit“ beklagt der unerschrockene Gudkov in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Westen wolle wohl lieber in Ruhe gelassen werden.

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