Archive for : März, 2026

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Geliefert

Lesung in einem kleinen Second Hand-Laden in der Leipziger Südstadt. Zu Gast im überfüllten Gisiversum: Tomer Gardi. Groß, langer grauer Bart, gut gelaunt, offenes Hemd und auf Tour mit seinem neuen Roman: »Liefern«. Gardi ist ein Weltreisender und Entdecker wie einst Kolumbus. Aufgewachsen in einem Kibbuz in Galiläa, als Jugendlicher an der Amerikanischen Schule in Wien, nunmehr in seiner Wahlheimat Berlin. Der 52-jährige Israeli gilt als neuer Popstar der Literatur. Und Gardi liefert. Genau, gründlich und mit großem Humor. Er erzählt eine Geschichte über Essenslieferanten in sechs Kapiteln. Er nennt sie die „Riders“. Eine faszinierende Innenansicht aus dem Maschinenraum unserer globalen Welt. Von Berlin bis Buenos Aires, von Istanbul bis Neu-Delhi.

 

Tomer Gardi. Der israelische Autor liebt eine bestimmte Art von Neugier. Neugier funktioniere bei ihm wie Hunger oder Lust. Foto: Als Buchpreisträger in Leipzig 2022.

 

Jede/r kennt sie: Die Riders. Unterwegs bei Wind und Wetter, Schnee, Eis oder Hitze. Sie rasen auf ihren E-Bikes mit viereckigen Rucksäcken, Handys in der Hand von Termin zu Termin. Uniformiert wie Krieger aus dem Star Wars-Kosmos, schwärmen sie rund um die Uhr zu ihren Kunden aus; algorithmisch gesteuert und fernbedient von ihren Zentralen. Rote Ampeln sind natürliche Feinde. Die Uhr ein ständiger Gegner. Ausgestattet mit geringen Ortskenntnissen, dürftigem Englisch und noch schlechter bezahlt. Die Essenslieferanten versorgen ihre ungeduldige Kundschaft mit Sushi, Pizza oder Döner. Sie suchen und finden, klingeln und klettern bis zu fünf Etagen hoch, wenn der Fahrstuhl mal wieder streikt. Hauptsache schnell! Hauptsache billig! Hauptsache pünktlich! Manche in den schicken Altbauvierteln geben Trinkgeld, andere sagen nicht einmal danke.

Filmon aus Eritrea ist einer dieser Riders. Er hetzt durch Tel Aviv und ist einer der Helden aus Gardis Roman. Aus seiner Heimat über die Wüste Sinai nach Israel geflüchtet, schlägt er sich als rasender Bote durch. Er hat nur ein Ziel: Deutschland. Seine Frau Daniat hat es mit ihrer Tochter bis nach Berlin geschafft. Dort will er hin, hat aber weder Geld noch Visum. Filmon ist einer von vielen Riders. Eine unterbezahlte Kavallerie des Online-Kapitalismus. Die unterste Kaste in der Fress-Pyramide. Trotzdem: Liefer-Jobs sind heiß begehrt, weil sie Migranten wie Filmon einen Job versprechen: ohne Papiere, dafür mit App, Ausrüstung und Aufträgen.

 

 

Eine kurze Kostprobe aus »Liefern«: „Filmon, sagte der Wärter zu mir, willkommen im globalen Dorf. Wir brauchen hier einen Dorftrottel. Wäre das nichts für dich? Und ich sagte ja. Und ich dachte mir, fuck, nein. Und lächelte, ganz groß. Und ging rein.“

So beginnt Gardis Reise durch die Niederungen der digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Seine clever miteinander verwobenen Geschichten erzählen von Ausbeutung, Stress und Ausgeliefertsein, aber auch von Liebe, Freundschaft und der unstillbaren Sehnsucht nach dem kleinen, großen Glück.

Der Leipziger Buchpreisträger von 2022 hat für sein Liefer-Epos drei Jahre lang weltweit recherchiert. Sein Vorbild: der britische Detektivroman des 19. Jahrhunderts. Die kamen damals in alle Lebensmilieus, sahen die Stadt in einer ganz besonderen Weise. Für Tomer Gardi sind die modernen Express-Lieferanten die Detektive des 21. Jahrhunderts. Ständig unterwegs, stehen sie vor jeder Tür, erreichen alle Schichten. Die Riders sind durch ihre Uniformen stets sichtbar, betont Gardi, bleiben aber als Personen unsichtbar. Gardis Roman gibt den vielen Riders einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte.

 

Tomer Gardi im Second Hand-Laden Gisversum. Der Reiz der Leipziger Buchmesse. Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

 

Am Ende seiner Leipziger Lesung empfiehlt Tomer Gardi: Wenn bei Ihnen das nächste Mal der Lieferant klingelt, steht nicht nur ein namenloser Bote vor der Tür, sondern jemand, der uns ein bequemes Leben garantiert. Trinkgeld nicht vergessen!

Sehr empfehlenswert: Tomer Gardi. Liefern. Tropen-Verlag.

 

 

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Volle Kraft voraus

Fünf Jungs verwandeln ihre Konzertabende in wilde Hexenkessel. Konfetti-Kanonen knallen los. Die Band beginnt laut, klar und geradeaus. Eine begeisterte Menge schubst sich ausgelassen im dichten, schweißnassen Pogokessel vor der Bühne. Selbst kritische Medien sind begeistert. „Massenkarambolage aus Glück“, heißt es, oder: „Utopie für zwei Stunden“ und „Kraftklub verwandelt Luxemburg in zwei Stunden Randale“. Willkommen im Karl-Marx-Stadt-Kosmos. Kraftklub aus Chemnitz macht seinem Name aller Ehre. Ein Kraftwerk unter Volllast, eine Liveband wie ein AKW kurz vor der Kernschmelze. Im neuen Song Marlboro Mann heißt es: „Auch wenn es Abfuck ist und schwer. Auch wenn es Kraft kostet, so sehr. Auch wenn du das nicht mal bemerkst. Wir haben´s geschafft, schon bis hierher.“

 

 

Alle fünf Musiker sind in Karl-Marx-Stadt geboren. Aus dem viel geschmähten Nachwende-Chemnitz verbreiten sie in weißen Trainingsanzügen mit roten Hosenträgern alles, bloß keine ausgeleierten Ost-Klischees oder schlechte Laune. Vielmehr flotte Beats, starke Mitsing-Refrains und eingängige Songtexte. Die Band um Leadsänger Felix Kummer feiert das Hier und Heute und das Glück in der Gemeinschaft. Auf der 2026er-Tour unterstützen sie Tokio Hotel, Deichkind, Blond und die deutsch-Italienische Rapperin Domiziana. Die Stimmung kocht hoch bis zum Siedepunkt. Der Kraftklub-Kosmos erstreckt sich längst vom Gig am berühmten Chemnitzer Nischl, dem riesigen Karl-Marx-Denkmal in ihrer Heimat bis nach Argentinien oder Kolumbien.

 

 

Ihr neues Studioalbum „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist ihr fünftes seit 2009. Jedes Album landete zuverlässig auf Nummer 1 in den Charts. Neu ist: Fast die Hälfte der zwölf Songs handelt von Abschied, Schmerz und Tod, kein leichter Stoff.  Doch „selten klang Kraftklub so verletzlich, so reif“, lobt das Kritikerportal Laut.de. Sterben in Karl-Marx-Stadt sei „das bisher erwachsenste, emotionalste und vielseitigste Kraftklub-Album“. Ostdeutschland bedeutet für die Chemnitzer Band um Frontman Felix Kummer oder Gitarrist Karl Schumann nicht: Pegida, Perspektivlosigkeit und Probleme, sondern Power, Partypush – und politische Geradlinigkeit. „Wir sind fünf kleine Zecken“ ruft Kummer live in die Menge. Ihre Songs wenden sich immer wieder gegen Wegschauen, Hinnehmen, Gleichgültigkeit und Mitlaufen.

 

 

„Doch irgendwann ist da eine Gegend/In der keine Fahnen in den Kleingartenanlagen wehen/Keine Regeln, Strafen und Gesetze/Außer so zu leben, dass Franz Josef Wagner was dagegen hätte/Komm, fahr mit mir/im 4×4“. Zackige Beats, eingängige Strophen und Nahbarkeit sind das Kraftklub-Erfolgsrezept. Die Fünf sind eine Mutmacher-Band in schweren Zeiten. Geradeaus. Kurs auf Gemeinschaft und unverdrossen auf der Suche nach kollektiven Glückserlebnissen. Ihre Botschaft? Der Osten ist anders.

Mitzuerleben auf der aktuellen Tournee von Bremen bis Zürich bis Ende März 2026. Im Juli und August gastieren die Chemnitzer aus dem Wahlkreis von AfD-Gründungsmitglied Alexander Gauland auf großen Open Air-Konzerten von Bielefeld bis Berlin. Fast alle Gigs sind längst ausverkauft. Ein paar Karten soll es noch in Mönchengladbach geben.

 

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Ach Berlin, du kesse Göre

Mitte März 1956. Vor genau siebzig Jahren. Eine Frau schlendert allein durch das abendliche verschneite Kudamm-Berlin. Die vertrauten alten Straßennamen rund um den Savignyplatz kommen ihr wie „ein sehnsüchtiges Gedicht“ vor. Am Boulevard Kurfürstendamm leuchten  Verkaufsvitrinen, der dunkle Rest dämmert dahin in der zerstörten, verwahrlosten Stadt. Die zierliche Fremde wundert sich. Schließlich steuert sie nach langem Zögern ihre alte Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 an. Ein heruntergekommenes Mietshaus, es steht noch. Die Türen sind verschmiert, im Treppenhaus grauer Treppenboden, „es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt“. So schildert die 48-jährige Mascha Kaléko, der umjubelte Shootingstar der letzten Weimarer Jahre, die Begegnung in der Bleibtreu. Sie nimmt sich ein Herz.

 

Mascha Kaléko in den fünfziger Jahren. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Mascha Kaléko klopft an. Eine Frau um die Vierzig öffnet: „Ich trage ihr mein Verslein vor. Zu Besuch in Berlin, wohnte hier vor 20 Jahren und versprach meinem Kind, das hier geboren wurde, die Räume nochmal zu besuchen, – – ob ich wohl 1 Minute rein könnte. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten Nein. Nicht möglich. – Mein Heimweh nach Berlin ist ein bisschen gedämpft.“ Rumms. Tür zu. Das Wunder einer Wiedersehensfreude bleibt aus. Die vertriebene Versekünstlerin wird vor die Tür gesetzt. Mascha notiert an ihren Mann Chemjo, der wie Sohn Steven in New York zurückgeblieben ist: „Die Gesichter … Nirgends außer in Berlin sah ich so viele misstrauische Gesichter, so viel verhärmte Gesichter und Augen, denen man schreckliches ansieht, das sie sahen und selber durchmachten! Nein, besser sind sie nicht geworden durch den Krieg und alles vorher und nachher.“

Die Rückkehr der Dichterin. Mascha durchlebt in diesen Stunden eine Achterbahn der Gefühle: Vom Gefeiert werden über Misstrauen bis Ablehnung. Der Rowohlt-Verlag hat für sie eine Lesereise durch Westdeutschland organisiert, von Hamburg bis München. Davon erzählt Volker Weidermanns Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“. Der Zeit-Autor beschreibt „die Reise ihres Lebens“ Anfang des Jahres 1956. Die Geschichte eines Comebacks. Gut zehn Jahre nach Kriegsende und achtzehn Jahre nach ihrer dramatischen Ausreise in letzter Minute mit Mann und Kind in die USA.

 

Mascha Kaléko (1907-1975) 1930 auf Hiddensee. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Was ist nach zwölf Jahren Hitlertum, Hunger, Elend, Teilung und Kalter Krieg von ihrem geliebten Berlin geblieben? Wenigstens die Sprache, das schnoddrige Berlinerisch, das ihr so gefehlt hat: „Berlin kommt mir wie vor wie eine alte Jugendfreundin, die kaum einen Zahn, der die Lücken der anderen noch betont. Aber manchmal geht doch ein Lächeln über diesen zahnlosen Mund, das man die alte Freundin zu erkennen glaubt. Pompeji ohne Pomp“.

In jenen Tagen wird eher geschwiegen über das, was in den NS-Jahren passiert ist. Dennoch gibt sich die verbannte Jüdin Mascha Kaléko unverzagt: Offen und unvoreingenommen den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr Aufstieg in den „paar leuchtenden Jahre“ bis 1933 war phänomenal, ihr Abstieg genauso. Die Flucht in die USA stürzt sie in ein Dilemma. Sie überlebt, doch ohne Job, mit einem unstillbaren Heimweh. Nur an ihrem Motto hält sie fest: „Ich muss mich auf Wunder verlassen.“ Und: Das Leben voran träumen. Das neue Deutschland wirkt erschöpft, leer, grau und trostlos wie die Ruinen. Die Menschen sind verschlossen. Trotzdem bleibt sie „grundlos vergnügt“: „Ich freue mich, dass ich bin.“ Auch wenn es ihr auf ihrer Comebacktour schwer fällt. Die Außenseiterin, die wieder dazugehören will.

 

Mascha Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann, dem Komponisten und Chorleiter Chemjo Vinaver. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Als sie auf ihrer Lesereise in Kassel auftritt, wird das Ausnahmetalent gefeiert, wie einst im untergangenen Babylon Berlin. Wenn sie Verse vorträgt wie:

»Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.«

Ihre „Gebrauchslyrik“ trifft den Nerv, füllt Säle und berührt sogar einen ehemaligen SS-Offizier. An ihren Mann Chemjo, der sich weigerte nach Deutschland mitzukommen, notiert Mascha nach New York: „Du kannst Dir denken, wie selig die Veranstalter waren.“ Dabei weiß sie: Mit Gedichten kann man Tyrannen nicht aufhalten. Aber mit ihrer Poesie und einer kräftigen Prise Ironie kann Menschen Hoffnung und Halt vermittelt werden. Wenigstens das! Diese Mascha-Mischung aus Melancholie, politischer Schärfe, Genauigkeit und Esprit. Kein Gleichschritt, keine Volkstümelei, einfach nur allzu Menschliches. Was sonst?

„Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.“

 

 

Dota Kehr interpretiert seit vielen Jahren Kalékos Gedichte. Im Sommer erhält die Liedermacherin in Rudolstadt den „Weltmusikpreis Ruth 2026“ für ihr Mascha-Kaléko-Programm „In der fernsten der Fernen“. Wie schön: Die kleine, freche, neugierige, kesse, hochtalentierte Mascha, sie lebt.