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Ach Berlin, du kesse Göre

Mitte März 1956. Vor genau siebzig Jahren. Eine Frau schlendert allein durch das abendliche verschneite Kudamm-Berlin. Die vertrauten alten Straßennamen rund um den Savignyplatz kommen ihr wie „ein sehnsüchtiges Gedicht“ vor. Am Boulevard Kurfürstendamm leuchten  Verkaufsvitrinen, der dunkle Rest dämmert dahin in der zerstörten, verwahrlosten Stadt. Die zierliche Fremde wundert sich. Schließlich steuert sie nach langem Zögern ihre alte Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 an. Ein heruntergekommenes Mietshaus, es steht noch. Die Türen sind verschmiert, im Treppenhaus grauer Treppenboden, „es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt“. So schildert die 48-jährige Mascha Kaléko, der umjubelte Shootingstar der letzten Weimarer Jahre, die Begegnung in der Bleibtreu. Sie nimmt sich ein Herz.

 

Mascha Kaléko in den fünfziger Jahren. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Mascha Kaléko klopft an. Eine Frau um die Vierzig öffnet: „Ich trage ihr mein Verslein vor. Zu Besuch in Berlin, wohnte hier vor 20 Jahren und versprach meinem Kind, das hier geboren wurde, die Räume nochmal zu besuchen, – – ob ich wohl 1 Minute rein könnte. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten Nein. Nicht möglich. – Mein Heimweh nach Berlin ist ein bisschen gedämpft.“ Rumms. Tür zu. Das Wunder einer Wiedersehensfreude bleibt aus. Die vertriebene Versekünstlerin wird vor die Tür gesetzt. Mascha notiert an ihren Mann Chemjo, der wie Sohn Steven in New York zurückgeblieben ist: „Die Gesichter … Nirgends außer in Berlin sah ich so viele misstrauische Gesichter, so viel verhärmte Gesichter und Augen, denen man schreckliches ansieht, das sie sahen und selber durchmachten! Nein, besser sind sie nicht geworden durch den Krieg und alles vorher und nachher.“

Die Rückkehr der Dichterin. Mascha durchlebt in diesen Stunden eine Achterbahn der Gefühle: Vom Gefeiert werden über Misstrauen bis Ablehnung. Der Rowohlt-Verlag hat für sie eine Lesereise durch Westdeutschland organisiert, von Hamburg bis München. Davon erzählt Volker Weidermanns Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“. Der Zeit-Autor beschreibt „die Reise ihres Lebens“ Anfang des Jahres 1956. Die Geschichte eines Comebacks. Gut zehn Jahre nach Kriegsende und achtzehn Jahre nach ihrer dramatischen Ausreise in letzter Minute mit Mann und Kind in die USA.

 

Mascha Kaléko (1907-1975) 1930 auf Hiddensee. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Was ist nach zwölf Jahren Hitlertum, Hunger, Elend, Teilung und Kalter Krieg von ihrem geliebten Berlin geblieben? Wenigstens die Sprache, das schnoddrige Berlinerisch, das ihr so gefehlt hat: „Berlin kommt mir wie vor wie eine alte Jugendfreundin, die kaum einen Zahn, der die Lücken der anderen noch betont. Aber manchmal geht doch ein Lächeln über diesen zahnlosen Mund, das man die alte Freundin zu erkennen glaubt. Pompeji ohne Pomp“.

In jenen Tagen wird eher geschwiegen über das, was in den NS-Jahren passiert ist. Dennoch gibt sich die verbannte Jüdin Mascha Kaléko unverzagt: Offen und unvoreingenommen den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr Aufstieg in den „paar leuchtenden Jahre“ bis 1933 war phänomenal, ihr Abstieg genauso. Die Flucht in die USA stürzt sie in ein Dilemma. Sie überlebt, doch ohne Job, mit einem unstillbaren Heimweh. Nur an ihrem Motto hält sie fest: „Ich muss mich auf Wunder verlassen.“ Und: Das Leben voran träumen. Das neue Deutschland wirkt erschöpft, leer, grau und trostlos wie die Ruinen. Die Menschen sind verschlossen. Trotzdem bleibt sie „grundlos vergnügt“: „Ich freue mich, dass ich bin.“ Auch wenn es ihr auf ihrer Comebacktour schwer fällt. Die Außenseiterin, die wieder dazugehören will.

 

Mascha Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann, dem Komponisten und Chorleiter Chemjo Vinaver. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Als sie auf ihrer Lesereise in Kassel auftritt, wird das Ausnahmetalent gefeiert, wie einst im untergangenen Babylon Berlin. Wenn sie Verse vorträgt wie:

»Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.«

Ihre „Gebrauchslyrik“ trifft den Nerv, füllt Säle und berührt sogar einen ehemaligen SS-Offizier. An ihren Mann Chemjo, der sich weigerte nach Deutschland mitzukommen, notiert Mascha nach New York: „Du kannst Dir denken, wie selig die Veranstalter waren.“ Dabei weiß sie: Mit Gedichten kann man Tyrannen nicht aufhalten. Aber mit ihrer Poesie und einer kräftigen Prise Ironie kann Menschen Hoffnung und Halt vermittelt werden. Wenigstens das! Diese Mascha-Mischung aus Melancholie, politischer Schärfe, Genauigkeit und Esprit. Kein Gleichschritt, keine Volkstümelei, einfach nur allzu Menschliches. Was sonst?

„Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.“

 

 

Dota Kehr interpretiert seit vielen Jahren Kalékos Gedichte. Im Sommer erhält die Liedermacherin in Rudolstadt den „Weltmusikpreis Ruth 2026“ für ihr Mascha-Kaléko-Programm „In der fernsten der Fernen“. Wie schön: Die kleine, freche, neugierige, kesse, hochtalentierte Mascha, sie lebt.