Geliefert

Lesung in einem kleinen Second Hand-Laden in der Leipziger Südstadt. Zu Gast im überfüllten Gisiversum: Tomer Gardi. Groß, langer grauer Bart, gut gelaunt, offenes Hemd und auf Tour mit seinem neuen Roman: »Liefern«. Gardi ist ein Weltreisender und Entdecker wie einst Kolumbus. Aufgewachsen in einem Kibbuz in Galiläa, als Jugendlicher an der Amerikanischen Schule in Wien, nunmehr in seiner Wahlheimat Berlin. Der 52-jährige Israeli gilt als neuer Popstar der Literatur. Und Gardi liefert. Genau, gründlich und mit großem Humor. Er erzählt eine Geschichte über Essenslieferanten in sechs Kapiteln. Er nennt sie die „Riders“. Eine faszinierende Innenansicht aus dem Maschinenraum unserer globalen Welt. Von Berlin bis Buenos Aires, von Istanbul bis Neu-Delhi.

 

Tomer Gardi. Der israelische Autor liebt eine bestimmte Art von Neugier. Neugier funktioniere bei ihm wie Hunger oder Lust. Foto: Als Buchpreisträger in Leipzig 2022.

 

Jede/r kennt sie: Die Riders. Unterwegs bei Wind und Wetter, Schnee, Eis oder Hitze. Sie rasen auf ihren E-Bikes mit viereckigen Rucksäcken, Handys in der Hand von Termin zu Termin. Uniformiert wie Krieger aus dem Star Wars-Kosmos, schwärmen sie rund um die Uhr zu ihren Kunden aus; algorithmisch gesteuert und fernbedient von ihren Zentralen. Rote Ampeln sind natürliche Feinde. Die Uhr ein ständiger Gegner. Ausgestattet mit geringen Ortskenntnissen, dürftigem Englisch und noch schlechter bezahlt. Die Essenslieferanten versorgen ihre ungeduldige Kundschaft mit Sushi, Pizza oder Döner. Sie suchen und finden, klingeln und klettern bis zu fünf Etagen hoch, wenn der Fahrstuhl mal wieder streikt. Hauptsache schnell! Hauptsache billig! Hauptsache pünktlich! Manche in den schicken Altbauvierteln geben Trinkgeld, andere sagen nicht einmal danke.

Filmon aus Eritrea ist einer dieser Riders. Er hetzt durch Tel Aviv und ist einer der Helden aus Gardis Roman. Aus seiner Heimat über die Wüste Sinai nach Israel geflüchtet, schlägt er sich als rasender Bote durch. Er hat nur ein Ziel: Deutschland. Seine Frau Daniat hat es mit ihrer Tochter bis nach Berlin geschafft. Dort will er hin, hat aber weder Geld noch Visum. Filmon ist einer von vielen Riders. Eine unterbezahlte Kavallerie des Online-Kapitalismus. Die unterste Kaste in der Fress-Pyramide. Trotzdem: Liefer-Jobs sind heiß begehrt, weil sie Migranten wie Filmon einen Job versprechen: ohne Papiere, dafür mit App, Ausrüstung und Aufträgen.

 

 

Eine kurze Kostprobe aus »Liefern«: „Filmon, sagte der Wärter zu mir, willkommen im globalen Dorf. Wir brauchen hier einen Dorftrottel. Wäre das nichts für dich? Und ich sagte ja. Und ich dachte mir, fuck, nein. Und lächelte, ganz groß. Und ging rein.“

So beginnt Gardis Reise durch die Niederungen der digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Seine clever miteinander verwobenen Geschichten erzählen von Ausbeutung, Stress und Ausgeliefertsein, aber auch von Liebe, Freundschaft und der unstillbaren Sehnsucht nach dem kleinen, großen Glück.

Der Leipziger Buchpreisträger von 2022 hat für sein Liefer-Epos drei Jahre lang weltweit recherchiert. Sein Vorbild: der britische Detektivroman des 19. Jahrhunderts. Die kamen damals in alle Lebensmilieus, sahen die Stadt in einer ganz besonderen Weise. Für Tomer Gardi sind die modernen Express-Lieferanten die Detektive des 21. Jahrhunderts. Ständig unterwegs, stehen sie vor jeder Tür, erreichen alle Schichten. Die Riders sind durch ihre Uniformen stets sichtbar, betont Gardi, bleiben aber als Personen unsichtbar. Gardis Roman gibt den vielen Riders einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte.

 

Tomer Gardi im Second Hand-Laden Gisversum. Der Reiz der Leipziger Buchmesse. Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

 

Am Ende seiner Leipziger Lesung empfiehlt Tomer Gardi: Wenn bei Ihnen das nächste Mal der Lieferant klingelt, steht nicht nur ein namenloser Bote vor der Tür, sondern jemand, der uns ein bequemes Leben garantiert. Trinkgeld nicht vergessen!

Sehr empfehlenswert: Tomer Gardi. Liefern. Tropen-Verlag.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.