Bach lebt. Auch im 341. Jahr. Nicht nur in Berlin.

„Ohne Berlin kein Bach“

Berlin und Bach? Zugegeben: Das passt nicht so richtig. Oder mal wieder nur große Klappe? Typisch Berlin? Was stimmt: Auch 341 Jahre nach seiner Geburt wird Johann Sebastian Bach weltweit gefeiert. Der Thomaskantor aus Leipzig mit seinen über zweihundert Werken: Sinfonien, Toccaten, Choralbearbeitungen, Trios, Partiten, Präludien und Fugen. Anfang des 18. Jahrhunderts war der barocke wie kreative Komponist eine Berühmtheit. Gefeiert und gerne gespielt, nach seinem Tod 1750 jedoch wurde er vergessen. Sohn Carl Philipp Emanuel Bach war zu Lebzeiten berühmter als sein Vater. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis Vater Johann Sebastian wiederentdeckt wurde. Wo? In Berlin.

 

Johann Sebastian Bach. (1685-1750). Eine Replik dieses Ölgemäldes von Elias Gottlieb Haußmann hing im elterlichen Wohnzimmer.

 

11. März 1829. Der entscheidende Tag, an dem der vergessene Bach ins Konzertleben zurückkehrte. Der erst 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert in der Berliner Singakademie (heute Gorki-Theater) die Matthäus-Passion. Ein Sensationserfolg und der Beginn einer „Bach-Renaissance“. Die Passion war seit Bachs Tod 1750 nicht mehr aufgeführt worden. Viele hielten Bachs Barockwerk für aus der Zeit gefallen und „veraltet“. Mendelssohn kürzt das Werk ein, führt es romantisierend auf: ein Riesenerfolg. Das knapp dreistündige Werk wird sofort dreimal wiederholt. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. schickt ein Dankesschreiben. In der Folge werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall Bach-Gesellschaften gegründet. Der Vorsitzende der Neuen Bachgesellschaft, der Sachse Hermann Kretzschmar ruft 1901 zur Eröffnung des Ersten Bachfestes in der Hauptstadt aus: „Ohne Berlin kein Bach“.

 

 

Das Bach-Comeback. Nicht in seiner Heimat Thüringen oder in Leipzig. Nein, in der „lärmenden, hektischen, nervösen Weltstadt“. Ausgerechnet in Berlin wird vor gut hundertzwanzig Jahren am eifrigsten „Propaganda“ für Bach gemacht, so überraschte Zeitgenossen. Längst hat er sich weltweit zu einem Giganten der Musikgeschichte entwickelt, dieser Säulenheilige des Protestantismus. Ein Magier und Heiler, dessen Kantaten, Choräle und Konzerte zeitlos bleiben. Bach belebt, beruhigt und bewegt, tröstet und verzaubert. Seit nunmehr drei Jahrhunderten hat der gebürtige Eisenacher Tastengott unzählige Bewunderer: von Preußen-Prinzessin Anna Amalia über Helmut Schmidt bis Albert Einstein. Der Nobelpreisträger: „Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, verehren und – das Maul halten.“

 

 

Und Leipzig? 1723 war Bach bei seiner Berufung als Thomaskantor nicht einmal erste Wahl, sondern nur die vierte. In Leipzig wurde er gemobbt und getriezt, seine Arbeitsbedingungen verschlechterten sich fortwährend. Woche für Woche musste er eine Kantate komponieren, ohne Pause, bei Fieber und Nackenschmerzen, mit plärrenden Kindern im Haus. „Leipzig hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen und nur wenig gehalten“, notiert Bach-Biograf John Eliot Gardiner. Der Komponist habe sich stets als Künstler verstanden, „wollte akzeptable Bedingungen und ansonsten in Ruhe gelassen werden“. Kein geschmeidiger Mitarbeiter; die Kunst der Diplomatie besaß er nicht. Er hätte so manche Degradierung vermeiden können.

 

 

Heute ist Johannes Lang, Jahrgang 1989, der 18. Thomas-Kantor in Leipzig. Ein Ausnahmetalent mit echten Steher-Qualitäten. Am Reformationstag 2025 spielte er mit seinem Projekt Gravity-Bach in 22 Stunden das gesamte Orgelwerk Bachs ein.  Mehr als zweihundertmal Bach in vierzehn Konzertabschnitten. Der junge Organist zog an der Thomas-Orgel alle sechzig Register, bis er nach einem ganzen Bach-Tag erschöpft, aber euphorisch den Schlussakkord setzte.

 

 

Langs Urgroßvater war übrigens gleichfalls Thomaskantor in Leipzig. Der kleine Johannes wagte die ersten Orgeltöne mit acht Jahren. Sein erstes Stück? Das berühmte Präludium in C-Dur von Bach. Was sonst?

Ohne Berlin kein Bach. Eine Sonderausstellung des Eisenacher Bachhauses im Berliner Dom. Bis 3. Mai 2026

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