Alexander Kluge. 1932-2026

Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff vom 8. April (1945) abbrennt. Das war nicht so schlimm wie das Auseinandergehen dieser Ehe.“

Typisch Kluge. Kriegskind, Kirchenmusiker, Jurastudent, Referendar, Filmemacher, Schriftsteller, Theoretiker, Chronist der Lebensläufe, Sammler und Jäger. Institution des deutschen Geistesleben. Alexander Kluge. Sein Name ist Marke. Unverwechselbar. Er konnte in einem Atemzug über Jesus, Hannibal, Clausewitz, Napoleon, Kant, Hegel oder die Schlacht von Stalingrad reden. Sein Motto: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn. Davon handeln meine Geschichten.“

 

 

Als ich vor einigen Jahren das Gleimhaus in seiner Geburtsstadt Halberstadt besuche, stoße ich rasch auf den Sohn der Stadt. In einer kleinen Ecke wird der Vor- wie Nachdenker „aus dem Land der Bauernkriege“ auf einer Wandtafel zitiert: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“

 

Abschied von gestern. 1966. Debütfilm mit Schwester Alexandra Kluge in der Hauptrolle. „Sein anderes Ich.“

 

Seine Texte enthalten häufig mehr Fragen als Antworten. Sein Interesse gilt Randfiguren und Verdrängtem. Nebenschauplätze faszinieren ihn: Wie verändert der Flügelschlag einer Libelle im Golf von Mexiko das Weltklima? Was machen „Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos?“ Für seine filmische Reise erhält Kluge 1968 den Goldenen Löwen von Venedig. Als Ende der achtziger Jahre das Privatfernsehen aufkommt, produziert er auf RTL in der Sonntagnacht-Nische ein Vierteljahrhundert lang Zehn vor Elf. Markenzeichen der über 3.300 Sendungen: Frei erfundene Persönlichkeiten erzählen „wahre“ Geschichten. Unvergessen: Peter Berling als Hitlers Bodyguard. Listige Fake-Geschichten. Ein Spiel mit ausgedachter Zeugenschaft als Test fürs Publikum. Dazu Gedanken-Puzzle und Gespräche mit Heiner Müller, Christoph Schlingensief oder Helge Schneider. Meist im Kluge-Flüsterton, beharrlich, geduldig, wissensklug.

 

Sand und Zeit. 2025. Weggefährtin Hannelore Hoger: „Er schrieb täglich ein neues Buch. Schreiben war sein Leben.“

 

Kluge stellt alte Gewissheiten auf seinen Prüfstand. Adam und Eva, Alexander der Große, Napoleon, Adolfs Verdauungsstörungen oder die neue Unübersichtlichkeit der TikTok-Welt. Sein Fazit: Der Mensch bleibt das moderne Raubtier. Und: Die Welt regiert sich selbst. Die Regeln ändern sich nie. Bis ins hohe Alter von 94 Jahren bewegen ihn zwei Lebensthemen: Der Schrecken des Krieges, untrennbar verknüpft mit dem Schicksal seiner Heimatstadt. Und seine rastlose Suche nach Erkenntnissen.  Letzte Ausstellung in Wien. Kluge im Konjunktiv der Bilder 2025: „Die aktuelle Bedrohung ist die Inflation der Bilder. Fake News muss man nicht fürchten. Man muss sie widerlegen. Mist muss man wegräumen.“

 

Die Welt im Sucher. Alexander Kluge (1932-2026) Rastlos, wissensdurstig, produktiv. Quelle: https://kluge-alexander.de/

 

Kurz vor seinem Tod experimentiert der Universalist mit KI-Systemen. Wie kann man Computer-Generiertes in Widersprüche und Fallen locken? „In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen gesehen, dessen Geist derart über alle Grenzen springt“, schreibt Weggefährte und „Heimat“-Filmemacher Edgar Reitz. Alexander Kluge war „ein leuchtender Stern“; er sei überzeugt gewesen, dass er in seinen nicht realisierten Projekten weiterleben wird. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg spielte 2020 die Hauptrolle in Kluges Orphea. Die Welt sei ohne ihn einsamer geworden und zugleich so reich beschenkt worden, betont sie: „Au revoir, liebster Alexander, möge dein neuer Gastgeber dich mit besonderer Zärtlichkeit behandeln.“

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