Archive for : Mai, 2026

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Was bleibt

„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen Chefs würdigen – was für ein Ritt auf der Rasierklinge!

 

„Ich bin stur. Glaube an Papier und Bleistift. Widerspruch auf Papier.“ Georg Baselitz. (1938-2026) Foto: Geoffroy Van Der Hasselt

 

Seit meinem Ausscheiden aus der ZDF-Anstalt gilt die Regel: Tote beleben das Geschäft. Eine alte Nachrichten-Weisheit. Das heißt: Wenn eine Person der Zeitgeschichte die Lebensbühne verlässt, komme ich ins Programm und – klar – in alle digitalen Kanäle. Jetzt hat sich Georg Baselitz verabschiedet. Ein klarer, kräftiger, kompromissloser, lautstarker wie sensibler Malerfürst der alten Schule. Sein Durchbruch gelang ihm 1969 mit Der Wald auf dem Kopf. Warum? Baselitz wechselte die Perspektive. Er wollte, dass seine Bilder neu gesehen werden. Das Ergebnis: Kopfüber wurde er weltweit berühmt. Eine Provokation wie sein onanierender Junge in Die große Nacht im Eimer, einige Jahre zuvor. In heutigen TikTok-Zeiten würde es heißen: mega-provokativ geht viral, die optimale Aufmerksamkeitsmaschine.

 

„Baselitz Jetzt“. Museum der Moderne Salzburg. Foto: wildbild Herbert Rohrer

 

Was bei diesen kurzen „Lebensbildern“ leider untergeht, sind Zwischentöne und Details. Auch alles, was zwischen den Zeilen ist. Dinge, die nicht ausgesprochen und trotzdem verstanden werden. Baselitz arbeitete sich zeitlebens an Krieg und Zerstörung ab, aber auch an seinem Vater, einem überzeugten Nazi aus dem sächsischen Deutschbaselitz. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“

 

 

Seine Helden-Bilder gehören zu den beeindruckendsten Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte. Gebrochene Männer, zwischen Schlamm, Verzweiflung und dem brennenden Wunsch nach Vergessen; merkwürdige Monster voll verletztem, vernarbtem Stolz.  Sie schauen uns an! Direkt in die Augen!

 

Ein Geheimtipp für Pfingsten 2026. Ein Ausflug an die Ostsee mit Baselitz.

 

Hier einige Tipps für alle, die sich intensiver mit Baselitz (1938-2026) beschäftigen wollen.  Mit Hans-Georg Kern, so sein Geburtsname, und Ehefrau Elke, seine Lebensgefährtin, Ratgeberin und schärfste Kritikerin. Es gibt viel zu entdecken:

Museum der Moderne Salzburg. „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober 2026

72 Stunden Baselitz nonstop in der Seemannskirche Prerow. Mecklenburg-Vorpommern. „Mein Vater sieht einen Engel“. Pfingsten. 22. bis 25. Mai 2026.

Baselitz-Atelier und Museum. Schloss Derneburg bei Hildesheim.  „Zeit für neue Helden“ (bis Ende Oktober 2026)

Museum Küppersmühle. Duisburg. Heldenbilder.

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Eintritt frei

Vor genau hundert Jahren entwarf der Autor und Grafiker Werner Graul das Plakat für den Zukunftsfilm Metropolis, eine Antwort auf Hollywood. Jetzt führt uns US-Künstler Mike Winkelmann auf das nächste Level. Roboter übernehmen die Regie: Die Hunde sind so groß wie Cocker-Spaniel und tollen im Laufstall herum. Ihre Körper sind fleischfarben, glatt und haarlos. Auf ihren künstlichen Körpern sind lebensechte Silikon-Köpfe montiert. Zu sehen sind die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Elon Musk, der Gruselfaktor im Trio Infernale der KI-Giganten. Musk-Mann agiert clever mit kalten Augen und ohne herzerweichenden Hundeblick. Mit dabei sind die Kunstgiganten Andy Warhol und Altmeister Pablo Picasso. Als Bösewicht bellt Kim Jong-un im Geviert, der kompakte und beleibte Diktator aus Pjöngjang. Das gebannte Publikum in der Berliner Neuen Nationalgalerie zückt sofort die Smartphones.

 

 

Die künstlichen Roboterhunde, die „Regular Animals“, beobachten ihre Besucher mit Hilfe eingebauter Kameras. In einem fort produzieren sie statt Hundehäufchen Fotos aus ihrem Allerwertesten. „Hyperflesh“ nennt sich diese Horrormasken-Performance mit einem Mix aus Robotertechnik, Kunst und Provokation. Der Vater der Hunde-Performance ist der US-Digitalkünstler Mike Winkelmann alias Beeple. Ist seine Arbeit ein neuer zynischer Zeitvertreib für eine verwöhnte Kunstszene? Aktionskünstler Beeple entgegnet: „Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. Und sie müssen dafür nicht vor die UNO treten oder vor den Kongress. Sie können einfach morgens aufwachen und den Algorithmus verändern.“

Mittlerweile gilt für immer mehr Menschen eine neue Maxime: Mach nicht, was ChatGPT will, sorg dafür, dass der Computer das macht, was du willst. Der weltweit erfolgreiche Performer Winkelmann will mit seinen Roboterhunden wachrütteln: „Man hört Leute immer sagen, dass Künstliche Intelligenz keine Seele habe. Natürlich hat sie keine Seele. Sie ist ein Computerprogramm“. Dennoch betont Winkelmann: „Wenn sich die KI weiterentwickelt, werden wir ihr in Zukunft immer mehr menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Mit meinen Skulpturen versuche ich, die Seltsamkeiten, die auf uns zukommen, vorauszusehen.“

 

Eigentlich mag er keine Hunde. Aber sie kommen gut an. Mike Winkelmann nutzt KI als Kreative Intelligenz. Foto: Jennifer 8 Lee. WikiPortraits

 

Die Tech-Elite um Bezos, Musk und Zuckerberg verspricht im Gleichschritt mit Donald Trump „Wohlstand für alle“ und ein „Goldenes Zeitalter“. Maschinen nehmen Menschen die Arbeit ab, heißt es, und Roboter erledigen „alles besser, schneller, billiger“. Arbeit wird zur Option, nicht mehr zum Alltag. Ein „allgemeiner Überfluss“ ersetzt das Prinzip von Mangel und Konkurrenz. Die KI-Marketing-Methode ist genial einfach und perfekt: Wir füttern die Tech-Riesen freiwillig und mit jeder Dateneingabe, die wiederum mit jeder neuen Information reicher und mächtiger werden.

 

Fahr aufs Land und nutze Deinen Verstand. Egeria-Grotte in Rheinsberg. Bei freiem Eintritt kann die Nymphe der Klugheit besucht werden. Foto: Manfred Selle

 

Was tun? Vor zweieinhalbtausend Jahren pilgerte der damals mächtige römische König Numa Pompilius (717 – 672 v. Chr.) zur Nymphe Egeria. Der Regent galt als friedfertig und weise. Daher bat der König um weitere Ratschläge für kluges und gerechtes Regieren, so die Sage. Keine schlechte Idee. Die römische Grotte der Nymphe Egeria ist seit Jahrhunderten ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur.

 

Der römische König Numa Pompilius holte sich bei Egeria Rat für gerechtes und gutes Regieren. Foto: Manfred Selle

 

Im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert findet die Egeria-Grotte in Europa an verschiedenen Orten Nachahmung, so auch in der Nähe von Berlin. Für Friedrich Merz würde ein Wochenende im idyllischen Rheinsberg reichen. Es ist ein halber Tagesausflug ins Grüne. Zeit für Besinnung und Durchatmen. Und die ganz Großen? Was hindert die Tech-Masters of the Universe nach Rom zu pilgern, um endlich zur Vernunft zu kommen? Dort könnte Egeria helfen. Die Menschheit braucht Klugheit, Verstand und Gerechtigkeit. Dringend.

Mike Winkelmann alias Beeple. Animal Regular. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 10. Mai 2026. Freier Eintritt.

 

Egeria ruht. Wer küsst sie wach? Quelle: spsg. P-M. Bauers