Archive for : Mai, 2026

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„Det is Berlin?“

Was ist typisch Berlin? Der Fernsehturm, die Millionen-Metropole ohne Sperrstunde, Events bis zum Abwinken und Clubs zum Abstürzen. Dazu ein großer Steinhaufen im märkischen Sand, bevölkert mit ruppigen Eingeborenen und großer Klappe, einstürzende Mauern (lange her: 1989), Verkehrschaos, bröselnden Brücken, tagelangem Stromausfall und Mega-Mieten. In der Hauptstadt ballt sich alles zusammen: eine ausgepowerte Verwaltung, ein undurchdringlicher Dschungel an Vorschriften und das berühmte Berliner Motto: Bin nicht zuständig, da kann ja jeder kommen!

Da braucht eine neue Ampel an einer Schule schon mal 25 Jahre bis zur Einweihung. Das nennt sich Behördenpingpong. Der Bauzaun ist Ikone und Symbol vom heutigen Babylon Berlin. So eine Absperrung kann durchaus mal vergessen werden. Seit 21 Jahren bewacht ein Absperrzaun zuverlässig die Leere mitten im Zentrum, direkt an der Staatsbibliothek. Wo? Genau: Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße. Merke: Berlin ist eine Metropole mit dem einzigartigen Talent zum Scheitern.

 

Staatsbibliothek. Berlins vermutlich ältester Bauzaun. Seit 2005.

 

Berlin – das neue Kalkutta? Muss das sein? Oder war das nicht schon immer so? Wir fragen jemanden, der sich mit dieser Frage ein Leben lang intensiv beschäftigt hat. Karl Scheffler: Historiker. Kunstwissenschaftler. Kulturkritiker. Hier sein Berlin-Check:

Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben.“

Über die Berliner: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

Über die Berlinerin: „Sie ist dafür, dass alles im Hause seine Ordnung hat, aber sie ist doch nicht eigentlich sauber und adrett. Sie regiert gerne Mann, Kinder und Dienstmädchen. … als junges Mädchen ist die typische Mittelklasse-Berlinerin niedlich genug … vielmehr ist selbst in den Töchtern schon eine unhemmbare Lust, alles Reine ins Schmutzige, alles Große ins Kleine, alles Leidenschaftliche ins Niedere ironisch herabzudenken und Gefühlsworte mit scharfen Spottworten zu erwidern.“

Über das Paarungsverhalten: „Die allgemeine Jagd auf die Frau gehört in Berlin zu den deutlichsten Zeichen roher Kulturlosigkeit. Die Männer benehmen sich dabei schamlos zudringlich, taktlos und formlos, so dass dem Betrachter auf der Straße, im Café, in den Kunstausstellungen und Varietés oft ist, als befände er sich in einer Goldgräberstadt.“

 

Cornelia Schleime, Künstlerin, Malerin, Urberlinerin. Selbstporträt als Schaf. Für sie gilt, bange machen, gibt´s nicht. „Ich nehme, wie es kommt.“

 

Über den Bauboom: „Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe.“

Über die Hassliebe zu Berlin, beginnend an der Stadtgrenze: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

 

Karl Scheffler. Gemalt von Max Liebermann 1918.

 

Wir danken Karl Scheffler für seine pointierte Polemik, die in dem geflügelten Bonmots gipfelt: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Dieser Befund stammt aus dem Jahre 1910 und ist genau 126 Jahre alt. Da regierte noch der Kaiser. Was hat sich geändert? Finde den Unterschied.

Wer mehr über die Stadt an der Spree erfahren will, hier meine Empfehlung. Jens Bisky. Fast 1.000 Seiten Berlin. Hochkompetent, gut geschrieben und unterhaltsam:

 

 

 

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Weimar, „groß und frei“

»Hier ist gut sein!« sagt der alte Dichterfürst an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hatte. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, hoch über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, auf dem Ettersberg, Goethes Olymp. Genau hier errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es soll K.L. Ettersberg heißen, KL steht für Konzentrationslager.

Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen das geplante Konzentrationslager, nein, nur der Name Ettersberg dürfe nicht besudelt werden, er soll Goethe vorbehalten bleiben. So entscheidet sich SS-Chef Heinrich Himmler am Ende für den unverfänglichen Begriff Buchenwald. Bald ein Ort des Grauens und der völligen Gesetzlosigkeit. Buchenwald wird das größte KZ auf deutschem Boden. Diesem Dreiklang von Goethe, Ettersberg und Buchenwald begegnen wir im neuen Buch der Historikerin Katja Hoyer: „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.“

 

Was von der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg übriggeblieben ist. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald. 2022

 

Der Ettersberg wird gerodet. Raum schaffen für alle Feinde der „Volksgemeinschaft“, für insgesamt 280.000 Buchenwald-Gefangene. Jeder fünfte Insasse überlebt die sieben Höllenjahre auf dem Ettersberg nicht. Einzig die dicke Goethe-Eiche zwischen Lagerküche und Wäscherei darf stehen bleiben. Im August 1944 muss der einzige Baum auf dem KZ-Gelände doch noch gefällt werden. Eine alliierte Bombe hatte die deutsche Eiche getroffen. Aus den Resten schnitzt der Leipziger Kommunist und Häftling Bruno Apitz heimlich „Das letzte Gesicht“, das Antlitz eines sterbenden Häftlings. Ein geflügeltes Wort in Weimar heißt: „Was ist der höchste Berg Deutschlands? Der Ettersberg! Hoch kommst du schnell, aber runter nicht mehr.“

Dieses weltberühmte Weimar schält Katja Hoyer wie eine Zwiebel. Schicht für Schicht legt sie frei. Mit Tränen der Freude und der tiefen Traurigkeit. Deutsche Geschichte auf dem Hackbrett. Prominenz ist ausreichend vorhanden. Hier wohnten Goethe, Schiller, Nietzsche, dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schriftsteller und Verleger Harry Graf Kessler. Aus Weimar kommen NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der Großvater des Schriftstellers Ferdinand von Schirach oder Hitlers persönlicher Sekretär und Trauzeuge Martin Bormann. Hitler selbst besuchte mehr als vierzig Mal die thüringische Kleinstadt. Er residierte im eigens für ihn umgebauten Hotel „Elephant“, in einer 80 Quadratmeter großen Führer-Suite. Hermann Göring lernte in Weimar die Schauspielerin Emmy Sonneman kennen; 1932 heirateten sie. Weimar erhält ein überdimensioniertes Gau-Forum.

 

Plakat zur Bauhaus-Ausstellung 1923. Weimar. Ort des Neuanfangs. Nationalverfassung. Bauhaus, NSDAP-Hochburg. Das kurze Leben der Weimarer Republik.

 

Die einstige Residenzstadt Weimar ist für Hoyer „Deutschlands Leuchtturm der Kultur“. Ort der ersten demokratischen Verfassung der „Weimarer Republik“, Geburtsstätte der Bauhauskultur und frühe NS-Hochburg, schließlich zwölf Jahre lang „Herz der Finsternis“. Die Stärke ihrer Buches liegt in der Vielfalt der Erzählung von Historischem im Privaten – von Nietzsches Schwester über Marlene Dietrich bis zum einfachen Schreibwarenhändler Carl Weirich, einem fleißigen Tagebuchschreiber oder der alteingesessenen Hotelbesitzerin Rosa Schmidt. Die Chefin des Hohenzollern, die anfangs Hitler als Stammgast beherbergte, überlebt den NS-Führer nicht. Ihr einziges Vergehen: Jüdische Großeltern, was sie bis zu ihrer Ermordung Ende 1944 in Auschwitz verbergen konnte.

 

Viele Anekdoten, spannende Geschichten aus dem Weimar-Biotop. Eine Frage bleibt: Haben die Deutschen damals wie heute Angst vor dem Neuen? Wählen sie statt der Moderne wieder völkisch-national?

 

Hoyers Gretchenfrage ist zeitlos wie brandaktuell: „Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten?“

Für Katja Hoyer erschließt sich „ein wesentlicher Teil dieses Rätsels“ am Beispiel Weimars.  Das Städtchen der „Dichter und Denker“ gleiche einer Nussschale. Alles findet sich ein: Geist, Glanz und Grausamkeiten der letzten hundert Jahre. Wenn wir das Verhalten der Menschen von Weimar besser verstehen, so hofft Hoyer, könne der Schlüssel zu Erkenntnissen liegen, „wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können“.

Fast 600 Seiten Weimar, wo man sich „groß und frei“ fühlen kann. Davon träumt im idyllisch-schönen Thüringen auch Björn Höcke. Ein ehemaliger Geschichtslehrer, dessen Interviews millionenfach geklickt werden.

Katja Hoyer. Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.

 

 

Goethe in Weimar. Schiller nicht zu vergessen. Ein Ort zum Verweilen, Genießen und Nachdenken, worauf es im Leben ankommt.

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Was bleibt

„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen Chefs würdigen – was für ein Ritt auf der Rasierklinge!

 

„Ich bin stur. Glaube an Papier und Bleistift. Widerspruch auf Papier.“ Georg Baselitz. (1938-2026) Foto: Geoffroy Van Der Hasselt

 

Seit meinem Ausscheiden aus der ZDF-Anstalt gilt die Regel: Tote beleben das Geschäft. Eine alte Nachrichten-Weisheit. Das heißt: Wenn eine Person der Zeitgeschichte die Lebensbühne verlässt, komme ich ins Programm und – klar – in alle digitalen Kanäle. Jetzt hat sich Georg Baselitz verabschiedet. Ein klarer, kräftiger, kompromissloser, lautstarker wie sensibler Malerfürst der alten Schule. Sein Durchbruch gelang ihm 1969 mit Der Wald auf dem Kopf. Warum? Baselitz wechselte die Perspektive. Er wollte, dass seine Bilder neu gesehen werden. Das Ergebnis: Kopfüber wurde er weltweit berühmt. Eine Provokation wie sein onanierender Junge in Die große Nacht im Eimer, einige Jahre zuvor. In heutigen TikTok-Zeiten würde es heißen: mega-provokativ geht viral, die optimale Aufmerksamkeitsmaschine.

 

„Baselitz Jetzt“. Museum der Moderne Salzburg. Foto: wildbild Herbert Rohrer

 

Was bei diesen kurzen „Lebensbildern“ leider untergeht, sind Zwischentöne und Details. Auch alles, was zwischen den Zeilen ist. Dinge, die nicht ausgesprochen und trotzdem verstanden werden. Baselitz arbeitete sich zeitlebens an Krieg und Zerstörung ab, aber auch an seinem Vater, einem überzeugten Nazi aus dem sächsischen Deutschbaselitz. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“

 

 

Seine Helden-Bilder gehören zu den beeindruckendsten Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte. Gebrochene Männer, zwischen Schlamm, Verzweiflung und dem brennenden Wunsch nach Vergessen; merkwürdige Monster voll verletztem, vernarbtem Stolz.  Sie schauen uns an! Direkt in die Augen!

 

Ein Geheimtipp für Pfingsten 2026. Ein Ausflug an die Ostsee mit Baselitz.

 

Hier einige Tipps für alle, die sich intensiver mit Baselitz (1938-2026) beschäftigen wollen.  Mit Hans-Georg Kern, so sein Geburtsname, und Ehefrau Elke, seine Lebensgefährtin, Ratgeberin und schärfste Kritikerin. Es gibt viel zu entdecken:

Museum der Moderne Salzburg. „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober 2026

72 Stunden Baselitz nonstop in der Seemannskirche Prerow. Mecklenburg-Vorpommern. „Mein Vater sieht einen Engel“. Pfingsten. 22. bis 25. Mai 2026.

Baselitz-Atelier und Museum. Schloss Derneburg bei Hildesheim.  „Zeit für neue Helden“ (bis Ende Oktober 2026)

Museum Küppersmühle. Duisburg. Heldenbilder.

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Eintritt frei

Vor genau hundert Jahren entwarf der Autor und Grafiker Werner Graul das Plakat für den Zukunftsfilm Metropolis, eine Antwort auf Hollywood. Jetzt führt uns US-Künstler Mike Winkelmann auf das nächste Level. Roboter übernehmen die Regie: Die Hunde sind so groß wie Cocker-Spaniel und tollen im Laufstall herum. Ihre Körper sind fleischfarben, glatt und haarlos. Auf ihren künstlichen Körpern sind lebensechte Silikon-Köpfe montiert. Zu sehen sind die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Elon Musk, der Gruselfaktor im Trio Infernale der KI-Giganten. Musk-Mann agiert clever mit kalten Augen und ohne herzerweichenden Hundeblick. Mit dabei sind die Kunstgiganten Andy Warhol und Altmeister Pablo Picasso. Als Bösewicht bellt Kim Jong-un im Geviert, der kompakte und beleibte Diktator aus Pjöngjang. Das gebannte Publikum in der Berliner Neuen Nationalgalerie zückt sofort die Smartphones.

 

 

Die künstlichen Roboterhunde, die „Regular Animals“, beobachten ihre Besucher mit Hilfe eingebauter Kameras. In einem fort produzieren sie statt Hundehäufchen Fotos aus ihrem Allerwertesten. „Hyperflesh“ nennt sich diese Horrormasken-Performance mit einem Mix aus Robotertechnik, Kunst und Provokation. Der Vater der Hunde-Performance ist der US-Digitalkünstler Mike Winkelmann alias Beeple. Ist seine Arbeit ein neuer zynischer Zeitvertreib für eine verwöhnte Kunstszene? Aktionskünstler Beeple entgegnet: „Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. Und sie müssen dafür nicht vor die UNO treten oder vor den Kongress. Sie können einfach morgens aufwachen und den Algorithmus verändern.“

Mittlerweile gilt für immer mehr Menschen eine neue Maxime: Mach nicht, was ChatGPT will, sorg dafür, dass der Computer das macht, was du willst. Der weltweit erfolgreiche Performer Winkelmann will mit seinen Roboterhunden wachrütteln: „Man hört Leute immer sagen, dass Künstliche Intelligenz keine Seele habe. Natürlich hat sie keine Seele. Sie ist ein Computerprogramm“. Dennoch betont Winkelmann: „Wenn sich die KI weiterentwickelt, werden wir ihr in Zukunft immer mehr menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Mit meinen Skulpturen versuche ich, die Seltsamkeiten, die auf uns zukommen, vorauszusehen.“

 

Eigentlich mag er keine Hunde. Aber sie kommen gut an. Mike Winkelmann nutzt KI als Kreative Intelligenz. Foto: Jennifer 8 Lee. WikiPortraits

 

Die Tech-Elite um Bezos, Musk und Zuckerberg verspricht im Gleichschritt mit Donald Trump „Wohlstand für alle“ und ein „Goldenes Zeitalter“. Maschinen nehmen Menschen die Arbeit ab, heißt es, und Roboter erledigen „alles besser, schneller, billiger“. Arbeit wird zur Option, nicht mehr zum Alltag. Ein „allgemeiner Überfluss“ ersetzt das Prinzip von Mangel und Konkurrenz. Die KI-Marketing-Methode ist genial einfach und perfekt: Wir füttern die Tech-Riesen freiwillig und mit jeder Dateneingabe, die wiederum mit jeder neuen Information reicher und mächtiger werden.

 

Fahr aufs Land und nutze Deinen Verstand. Egeria-Grotte in Rheinsberg. Bei freiem Eintritt kann die Nymphe der Klugheit besucht werden. Foto: Manfred Selle

 

Was tun? Vor zweieinhalbtausend Jahren pilgerte der damals mächtige römische König Numa Pompilius (717 – 672 v. Chr.) zur Nymphe Egeria. Der Regent galt als friedfertig und weise. Daher bat der König um weitere Ratschläge für kluges und gerechtes Regieren, so die Sage. Keine schlechte Idee. Die römische Grotte der Nymphe Egeria ist seit Jahrhunderten ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur.

 

Der römische König Numa Pompilius holte sich bei Egeria Rat für gerechtes und gutes Regieren. Foto: Manfred Selle

 

Im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert findet die Egeria-Grotte in Europa an verschiedenen Orten Nachahmung, so auch in der Nähe von Berlin. Für Friedrich Merz würde ein Wochenende im idyllischen Rheinsberg reichen. Es ist ein halber Tagesausflug ins Grüne. Zeit für Besinnung und Durchatmen. Und die ganz Großen? Was hindert die Tech-Masters of the Universe nach Rom zu pilgern, um endlich zur Vernunft zu kommen? Dort könnte Egeria helfen. Die Menschheit braucht Klugheit, Verstand und Gerechtigkeit. Dringend.

Mike Winkelmann alias Beeple. Animal Regular. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 10. Mai 2026. Freier Eintritt.

 

Egeria ruht. Wer küsst sie wach? Quelle: spsg. P-M. Bauers