Kain und Abel

Das Lächeln erlosch und sein Gesicht war so verschlossen, als habe man die schwerste Tür direkt vor seiner Nase zugeschlagen. So geht es zu, wenn sich die verfeindeten Brüder des Nahost-Konfliktes begegnen. Es bleibt eine einfache Frage: Wer kann dieses Menschheitsproblem zwischen Israelis und Palästinensern lösen? Den Streit  Kain und Abel?

Amos Oz, der große israelische Erzähler wagt sich an den brisanten Stoff und sucht in seinem neuen Roman „Judas“ nach Antworten. Findet er welche? Wer ist also der Held, wer der Verräter? Er schildert die Wahrheitssuche eines jungen Mannes, für den Judas Ischaroit kein Verräter von Jesus war, sondern „der treueste und ergebenste Jünger “.

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Der „Judas-Kuss“. Typische Darstellung des Menschheits-Verräters.

 

Amos Oz entwickelt die Geschichte des Zionisten Schealtiel Abrabanel, der sich 1947 bei der Staatengründung Israels offen gegen seine eigene Jewish Agency stellte. Der idealistische Außenseiter warb für einen Staatenverbund mit den Palästinensern, stimmte gegen einen unabhängigen Judenstaat. Er wollte mit den Arabern gemeinsam unter einem Dach zusammenleben. Als Partner.

Für sein Nein wurde Abrabanel von Zeitgenossen und einstigen Weggefährten als Judas attackiert, aus allen Organisationen geworfen und totgeschwiegen. Abrabanel zog sich verbittert zurück und „hüllte sich in seine Kränkung wie in ein Leichentuch“. Abrabanel gab es nie. Er ist eine fiktive Figur, die Oz zu Leben erweckt. Man nimmt sie dem großen israelischen Schriftsteller jedoch unbesehen ab.

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Amos Oz. Der Israeli ist ein begnadeter Erzähler und ein ewiger Kandiat auf den Nobelpreis. Bekommen hat er ihn bis heute nicht.

 

Amos Oz erklärt an einer Schlüsselstelle seines lesenswerten Romans: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann.“ Und weiter: „Mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existenziellen Probleme des Staates Israel.“

Was ist nun die Lösung dieses jahrzehntealten Konfliktes, blitzgefährlich wie eine Zeitbombe? Amos Oz zitiert den großen deutschen Aufklärer Immanuel Kant: „Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden.“ Eine Lösung gibt es folglich nicht, aber eine Entschärfung der explosiven Mischung aus Hass und Gift tut Not. Wenn Kain und Abel es nur wirklich wollten.

 

Amos Oz. Judas. Suhrkamp. 2015.

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