Archive for : Mai, 2015

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Hallelujah

Die berührendsten Geschichten schreibt die Wirklichkeit. Sie finden nicht irgendwo statt sondern direkt hier bei uns. Vor unserer Haustür. In diesem Fall geht es um das somalische Ehepaar Aliyah und Rooble. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Von Mogadishu über Kenia, Sudan, durch die Sahara nach Libyen. Weiter übers Meer nach Lampedusa dann nach Dänemark und Deutschland.

Sie kommen ins Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt. Trotz zweier Fehlgeburten wird ihr Antrag 2014 abgelehnt. Schließlich sitzen sie in Berlin fest. Endstation: Neukölln. Die Abschiebung von Aliyah und ihrem Mann Rooble ist angeordnet. Alle Rechtsmittel erschöpft. Die Flugtickets für Italien sind für den 5. Mai 2014 gebucht. Aliyah und Rooble sind am Ende ihrer Kraft. Gewalt, Willkür und Misshandlung kannten sie. Jetzt erfahren sie ihre völlige Ohnmacht. Es herrscht das Prinzip Hoffnungslosigkeit.

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Neue Heimat. St. Christophorus in Berlin-Neukölln.

Da erklärt am 30. April 2014 die Neuköllner Kirchengemeinde St. Christophorus überraschend. „Wir haben uns entschieden und nehmen am Donnerstag auf.“ Sie informiert ihren Bischof und organisiert ein Quartier in ihrem Gotteshaus am Reuterplatz. Draußen vor der Tür lautet Volkes Stimme: „Was wir in Jahrzehnten aufgebaut haben, lassen wir uns nicht von den Flüchtlingen kaputt machen.“ Oder: „Wir sind nicht bereit, unsere Aufklärung zu opfern“. Irgendwann kommt der Satz: “Das wird man doch noch sagen dürfen”.

Doch Lissy Eichert, die unerschrockene Pastoralreferentin und Pfarrer Kalle Lenz lassen sich nicht beirren. Ihr Team gibt den beiden Somalis Heimstatt und Hoffnung. Für die Kirchenleute lässt sich das Thema Massenflucht nicht mehr jenseits des Mittelmeers abschieben. Die katholische Gemeinde beruft sich auf ein afrikanisches Sprichwort: “Es ist schwer, jemanden zu wecken, der sich schlafend stellt”.

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Ultimo Ratio. Eine wahre Geschichte im Neuköllner Heimathafen.

Während Alyah und Rooble mittlerweile im brandenburgischen Waßmannsdorf in einer ehemaligen NVA-Kaserne auf eine Entscheidung der Behörden warten, präsentiert der Heimathafen Neukölln mit Ultima Ratio ein überzeugendes Theaterstück auf der Basis ihrer Geschichte. Die neunzig Minuten verbinden mit wenigen Strichen Zeichnungen in Graphic-Novel-Art mit Stimmen aus Behördenschreiben. Es genügt ein alter Overhead-Projektor – und auf der Bühne die hinreißende Schauspielerin Tanya Erartsin.  Beeindruckend.

Hingehen!  Leonard Cohen. Hallelujah.

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Das Problemgewehr – ein Gedicht

„Mit defekten Waffen endlich Frieden schaffen“ – von Kurt Sonn.

 

„Heckler und Koch ist weltbekannt

Als prima Waffenlieferant

Ein Sturmgewehr wird fabriziert

In großen Mengen produziert.

 

Doch das Gewehr schießt etwas schlecht

Wenn heiß geworden beim Gefecht

Nur mit viel Glück und ziemlich Schwein

Trifft der Schuss ins Ziel hinein.

 

Die Bundeswehr schafft Waffen an

Die unnütz für den Einsatzplan

Gar nicht heiter und famos

Geht der Schuss nach hinten los.

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Kurt Sonn. „Malerei vom Schurwald“.

Ein Gewehr muss mit Gelingen

Die Leute um die Ecke bringen

Der Feind schießt schließlich nach Bedarf

Sehr treffsicher und extra scharf.

 

Mein Vorschlag wäre ganz spontan

Schafft nur solche Waffen an

Die niemals richtig funktionieren

Recht viele davon profitieren.

 

Soldaten schießen Platzpatronen

Die Häuser wo die Menschen wohnen

Bleiben heil und ohne Schaden

Weil in Bomben und Granaten

Wattekugeln explodieren

So nicht das Städtchen ruinieren.

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Kurt Sonn. Seit 1958 selbständig als Grafiker, Maler und Autor.

Klar, alle Waffenlieferanten

Welche auf der Welt vorhanden

Müssen traulich sich verpflichten

sich nach meinem Vorschlag richten.

Dies könnte vielmehr Frieden geben

Und retten viele Menschenleben.“

 

Kurt Sonn ist Dichter, Maler, Sänger und bleibt mit 82 Jahren ein aufgeweckter, hellwacher Zeitgenosse. Seine wahre Leidenschaft ist das Malen.

Der Fall des „Affärengewehrs“ G36 wird derzeit im Verteidigungsausschuß verhandelt. Außer technischen Fragen müssen die Abgeordneten klären, ob Korruption bei der jahrelangen Vertuschung im Spiel war.

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L237 – Ein Dachboden enthüllt seine Geheimnisse

In der Straße Dlouha 24 in Terezin steht ein unscheinbares Eckhaus. Eine Pizzeria bietet im Erdgeschoss Pasta, Pizza und frisches Budweiser vom Fass an. Oben auf dem Dachboden hat sich siebzig Jahre lang ein gut gehütetes Geheimnis verborgen. Hier hat ein junger Mann zwischen Müll und Gerümpel Zeichnungen und Graffitis entdeckt. Zeichnungen von Kindern. Schauplatz: Terezin, auf Deutsch Theresienstadt. Das zweistöckige Haus gehörte einmal zum Block L 237. Mitten im Ghetto.

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Theresienstadt. Dlouha 24. Einst Bahnhofstraße. In der Zeit des Ghettos: Block 237.

Lukas Lev ist ein aufgeweckter tschechischer Student. Er verdient sein Geld mit Touristen, die aus der ganzen Welt nach Theresienstadt kommen – rund siebzig Kilometer nördlich von Prag. Kenntnisreich und energisch führt er die Besucher durch Festung und Garnisonstadt Terezin. Von der K.u.K-Monarchie im 18. Jahrhundert errichtet, um die Preußen aufzuhalten. Das Bollwerk wurde jedoch nie gebraucht. Erst die Nazis nutzten die monumentale Anlage als Aufnahme-, Sammel- und Durchgangslager. Es war – vor allem – ein Todeslager.

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„Mein liebes Bavorov – Städtchen im Böhmerwald.“ Eine der Wand-Botschaften aus dem Jahre 1944.

Von den 140.000 eingepferchten europäischen Juden starben in Terezin mindestens 35.000. Die meisten Insassen wurden zwischen 1942 und 1944 von dort aus weiter in die Vernichtungslager nach Osten transportiert. Endstation: Auschwitz. Über Theresienstadt gibt es einen legendären Propaganda-Film der SS. Der zehnminütige Streifen zeigt das Lager als blühende Landschaft mit Kräutergarten, Bäckerei, Theater und wohlversorgten Ghetto-Insassen.

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Karlsbrücke und Burg in Prag. Zeichnung auf dem Dachboden nach 70 Jahren entdeckt.

 

Die Wirklichkeit sah anders aus. Von 15.000 Kindern haben gerade 150 das Ghetto überlebt. Auf dem Dachboden im Block L237 hat Lukas Lev letztes Jahr an Wänden und Dachbalken letzte Hinterlassenschaften von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen entdeckt. Heimliche Zeichnungen. Zeichen des unbedingten Überlebenswillens. Sie erzählen von Hoffnung und Heimweh, Liebeskummer und Läusen. In insgesamt elf Dachböden sind solche beeindruckenden Botschaften gefunden worden.

Besonders die Zeichnungen der Kinder gehen unter die Haut. Bilder von Marienkäfern und Windmühlen. Es sind krakelige Hilferufe nach einem Leben ohne Gewalt, Angst und Willkür. Diese Zeugnisse wurden in den letzten Jahrzehnten vergessen. Sie sind akut bedroht, weil sich niemand von offizieller Seite findet, der die Funde retten will. Lukas Lev hat seine Arbeit bislang komplett aus eigener Tasche finanziert. Anfang Juni werden die Bilder zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Das „Sammellager“ Theresienstadt existierte von 1942 bis 1945. Die einstige Festung- und Garnisonstadt, ausgelegt für 6.000 Soldaten, war ständig mit rund 60.000 Menschen aus ganz Europa belegt.

 

Weitere Informationen unter ghettospuren.

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The thrill is gone

Nun hat er seine letzte Reise angetreten. B.B. King hat uns verlassen. Er war der lebende Beweis für drei Dinge, die im Leben wichtig sind. Der Blues. Die Frauen. Und dass aus Niederlagen Glücksmomente werden können. Das war, das ist B.B. King. The thrill is gone. Dieser Kick ist vorbei. Aber seine Musik bleibt.

Unvergessen sind seine Konzerte mit Eric Clapton. Er war Lehrmeister für Generationen von schwarzen und weißen Musikern. 1925 in Mississippi geboren, bewies King allen Widerständen zum Trotz was es heißt der „König des Blues“ zu sein. Er ließ sich von allen rassistischen Anfeindungen nicht unterkriegen. Der Mann aus Mississippi brachte es auf mehr als 15.000 Auftritte, verkaufte mehr als vierzig Millionen Tonträger.

 

 

Er hatte fünfzehn Kinder von fünfzehn verschiedenen Frauen. Nicht ein einziges sei ehelich gewesen, heißt es. Seine beiden Ehen scheiterten. Wahrscheinlich weil er ein Leben lang unterwegs war. Verheiratet war er nur mit Lucille, seiner heiß geliebten Gibson-Gitarre. Seine simple Botschaft: „Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Müttern meiner Kinder – vorher, währenddessen und hinterher“.

B.B. King. Das BB stand für Blues Boy. John Lennon bewunderte ihn. BB spielte vor der Queen und im Weißen Haus. Seine Musik war einfach. Dazu sagte er: „Ich bin eben ein einfacher Arbeiter“. Aber seine Auftritte hatten den Blues. Eine Seele. Das bleibt. Am 14. Mai ist B.B. King im Alter von 89 Jahren gestorben. In diesem Sinne: Let the good times roll… Danke B. B. King!

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Wer den Takt nicht vorgibt

Zu jung, zu alt, zu arrogant, zu naiv. Die 124 Philharmoniker waren schon immer wählerisch, wenn es um die Kür ihres Chefs ging. Die Musiker gelten als extrem selbstbewusst und notorisch überheblich. Die Arbeit mit ihnen sei wie irrer Sex mit jemandem, den man überhaupt nicht leiden kann,  soll ihr derzeitiger Dirigent Sir Simon Rattle einmal über seine Berliner Vorzeige-Musiker gesagt haben.

In drei Jahren soll ein neuer Leiter ans Pult. Rattle geht 2018. Eine Frau ist nicht unter den Kandidaten. Dirigieren ist eine der letzten Männerbastionen, genau wie der Job des Fußballtrainers oder Bankenchefs. Auch beim Orchester liegt die Frauenquote deutlich unter zwanzig Prozent. Wer wird also der neue Mann an der Spitze der Philharmoniker? Christian Thielemann, Andris Nelsons oder der gleichfalls junge aufsteigende Gustavo Dudamel? Oder vielleicht doch noch der bereits zweimal gescheiterte Daniel Barenboim?

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Der Jugend eine Zukunft? Gustavo Dudamel, 34 Jahre. Venezuela. Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

 

Keiner weiß es. Und das ist gut so. Die Wahl findet an einem geheimen Ort statt, wird geradezu mustergültig demokratisch durchgeführt. Weder gibt es eine Vorauswahl noch Berufungskomissionen. Vorurteile und Handys müssen abgegeben werden. Die 124 Damen und Herren haben die Wahl: sie können ihr Haus verjüngen oder auf einen erfahrenen Maestro setzen, der nicht mehr so viel ändern will.

Seit 1882 bestimmen die Musiker selbst, wer für sie der Beste ist. Das ist weltweit einmalig. Anfangs spielten die Philharmoniker in Gartenlokalen, während das Publikum zeitgleich speiste und zechte. Der junge Richard Strauss wurde wieder abgesetzt, weil er zu wenig Publikum zog und zu hohe Gagen verlangte. Manche Maestros galten als autoritär und herrisch, so Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan. Andere wie Claudio Abbado wollten für alle da sein.

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Der Reife. Mariss Jansons. 72 Jahre. Leiter des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks in München.

Wer beerbt den Briten Sir Simon Rattle? Wie wird das Orchester im Internetzeitalter geführt? In Zeiten, in denen Event, Elite und optimale Vermarktung jederzeit angesagt sind. In der abgeklärte Coolness alles und Musikvermittlung nur noch lästig ist.  Wer ergattert diesen verfluchten Traumjob, den alle haben wollen? Wir sind gespannt.

dpatopbilder Intendant Martin Hoffmann (l-r), Medienvorstand Stanley Dodds, die Orchestersprecher der Berliner Philharmoniker, Peter Riegelbauer und Ulrich Knörzer und Medienvorstand Olaf Maninger verkünden am Abend des 11.05.2015 in Berlin nach einer elfstündigen Sitzung der Orchesterversammlung vor der Jesus-Christus Kirche in Dahlem, dass sich die Musiker der Berliner Philharmoniker auf keinen neuen Chefdirigenten einigen konnten. Foto: Maurizio Gambarini/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Berlin. 11. Mai. 22.10 Uhr. Ein ratloser Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker nach elf Stunden erfolgloser Kandidatensuche. Bleibt nur noch das Stück: Scheitern als Chance.

Letzter Stand: Nach elf Stunden Dauerklausur stieg am 11. Mai kein weißer Rauch auf. Nicht einmal ein Wölkchen. Keiner von den rund 30 Kandidaten habe restlos überzeugt, hieß es. Kurzum: Niemand war dem Orchester gut genug. Wie geht es jetzt weiter? Man wolle sich ein Jahr Zeit lassen und dann entscheiden. Bei solch langfristigen Planungen wird die Wahl ein Fall für Maestro Mehdorn. Ein Mann mit Macher-Qualitäten, so Scherzbolde in Foren, der das Herum-Dirigieren liebt und alle ihm anvertrauten ambitionierten Projekte zuverlässig in den Ruin treibt.

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Vom „Berliner Unwillen“

In wenigen Wochen feiert das neue Berliner Schloss offiziell Richtfest. Humboldtforum soll das 600-Millionen-Projekt ideologisch-unverdächtig heißen. Ab Mitte 2019 soll der Neo-Preußen-Palast eingeweiht werden. Auf leisen Sohlen schleicht die politische Elite um den kolossalen Neubau. Es heißt: Bloß keine schlafenden Hunde wecken. Nur in keine Fettnäpfchen stolpern. Vor allem: kein finanzielles und organisatorisches Desaster wie beim Hauptstadtflughafen produzieren. Nur kein: Berlin kann alles – außer Prestigebauten.

Der stille Ehrgeiz der Macher gilt der besten Adresse Berlins. Schlossplatz 1. Einige Jahrzehnte lang hieß der zentrale Ort der Stadt Marx-Engels-Platz. Was auffällt: Planer und Verantwortliche drängt es weder in Talkshows noch zu offenen Bekenntnissen in den Nachrichten. Das Schloss soll möglichst geräuschlos auf die Bühne der Republik gebracht werden. Getreu der Devise: Die Zukunft im Sinn – die Vergangenheit als Vorbild.

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Berliner Schloss im Rohbau. Richtfest ist Mitte Juni 2015.

Der Schlossplatz war jedoch schon immer ein heiß umkämpftes und umstrittenes Gelände. Prunkbauten waren hier noch nie willkommen. Zudem: Keiner der Hohenzollern fühlte sich jemals im Stadtschloss wohl oder auch nur annähernd glücklich. Die Hausherren verflüchtigten sich lieber auf ihre Liegenschaften in Charlottenburg, Rheinsberg oder ganz besonders Sanssouci.

 

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So sieht das „Humboldtforum“ nach den Vorstellungen der Planer aus. Geplante Einweihung: ab Mitte 2019.

Schon im 15. Jahrhundert beim allerersten Schlossbau zeigten die widerspenstigen Berliner, was sie von den Plänen des damals regierenden Kurfürsten Friedrich II hielten. Nichts! Als der brandenburgische Markgraf, im Volksmund nur „Eisenzahn“ genannt, sein Prestigeprojekt durchdrückte, wurde der Bauplatz 1448 sogleich mit Spreewasser geflutet. Aufgebrachte Berliner verhafteten außerdem den Hofrichter Balthasar Hake und vernichteten alle Unterlagen.

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Kurfürst Friedrich II. Der „Eiserne“ oder auch „Eisenzahn“ genannt.

 

Das Schloss wurde um einige Jahre verzögert, konnte aber letztlich nicht verhindert werden. Die Proteste der aufmüpfigen Bürger gingen als „Berliner Unwille“ in die Geschichtsbücher ein. Friedrich II, jener besagte Eisenzahn, erhielt sein Schloss am heutigen Platze. Das Schloss machte den hartherzigen Markgraf bei seinen Untertanen zu keinem Zeitpunkt beliebter. Aber diese Geschichte ist über fünfhundert Jahre alt. Und längst vergessen.

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„Palast der Republik“. 1990 geschlossen. Der DDR-Prunkbau musste Anfang des 21. Jahrhunderts weichen, wegen Asbest, wie es offiziell hieß.