Unter jedem deutschen Dach – ein großes gemeinsames Ach

Das Streithaus steht mitten im Dorf. Es ist ein einfaches märkisches Büdnerhaus mit zwei Eingängen, zwei Gärten und zwei Geschichten. Im kleineren Teil lebt seit langem eine alteingesessene Familie mit drei Kindern. Die linke Hälfte, der weitaus größere Teil verfiel in den letzten Jahren. Dann begannen plötzlich die Handwerker einzuziehen, rissen Wände ein, deckten das Dach neu und putzten das Haus so schön heraus, dass es kaum wiederzuerkennen war.

Das neue Anwesen mit großzügiger Terrasse, Swimming Pool und Buchenhecken könnte jeden „Schöner Wohnen“- Wettbewerb bestehen. Landlust für Großstädter. Die perfekte Idylle. Hier erfreuen edle Ziersträucher, teurer Rollrasen und eine Bank aus Teakholz das Auge. Weder stören Gartenzwerge, Plastikrehe noch Hühner wie im Nachbargarten das ländliche Ambiente.

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Das Fest kann beginnen. Die Landlust lockt. Berliner Träume im Brandenburgischen.

Pfingsten 2015 sollte die große Einweihung gefeiert werden. Der Sekt war kalt gestellt, der Grill in Positur gestellt. Es kam alles anders. Wenige Tage vor dem Fest tauchte das Bauamt auf und versiegelte die neue Hälfte. Der stolze Neubesitzer wurde ausgesperrt. Nicht einmal seinen Autoschlüssel durfte er aus dem Haus holen, heißt es im Dorf. Die spektakuläre Schließung markiert den Höhepunkt einer monatelangen Auseinandersetzung zweier Nachbarn, die unter einem Dach leben, sich aber auf den Tod nicht ausstehen können.

Der Investor habe Bauvorschriften und Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten, so die amtliche Begründung. In der Breite sei das Haus angeblich zwei Zentimeter zu lang geworden. Der prominente Berliner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wolle,  sei vom ersten Tag an mit seinem Nachbarn in Hader und Streit geraten, konstatiert die Lokalpresse. Es sollen sogar die Fäuste geflogen sein, wegen eines mobilen Klohäuschens vor der Tür. Auf jeden Fall folgten Anzeigen und Razzien.

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Der brandenburgische Vorgarten. Gartenzwerge, Jägerzaun und Satellitenschüssel.

 

Die Streithähne haben sich nichts geschenkt. Dorf gegen Stadt. Arm gegen Reich. Ost gegen West. Kein Klischee, das nicht passen würde. Jetzt steht im gemeinsamen Garten eine fast drei Meter hohe Mauer. Nun schlägt die Stunde der Anwälte. Das Ende ist offen. „Das Haus ist schön, der Mensch nicht“, sagt ein Nachbar von gegenüber und schüttelt den Kopf. So geht es zu bei einer ordentlichen brandenburgischen Provinzposse. Was für wunderbare Aussichten für das künftige Zusammenleben unter einem gemeinsamen Dach.

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