Sehnsucht nach der arschlochfreien Zone

Berlin leuchtet. Doch nur das Landleben verspricht Erfüllung. Viele gestresste Kopfarbeiter der Großstadt suchen in Brandenburg ihr Seelenheil. Es ist die ungestillte Sehnsucht nach dem einfachen, natürlichen Leben. Nach einer arschlochfreien Zone, so Max Moor, allseits präsenter TV-Moderator und märkischer Vorzeige-Aussteiger. Leitfigur vieler Schreiber, Sänger, Tänzer, Performer, Dokumentarmacher, Diskussionsingenieure, Lecture-Virtuosen, Postdramatisten und Gender-Aktivisten. Sie wollen offline gehen im Märker-Land. Im Land mit der geringsten Internet-Dichte. Das Netz ist hier noch analog.

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Hinaus aufs Land. Los von Berlin. „Frei. Natürlich. Naturgemäß.“ Ohne Titel. Am Motzener See 1926.

 

Die Sehnsüchtigen möchten die Freiheit des Landes genießen, aber bloß nicht zum Landei mutieren. So verwandeln Berlin-Aussteiger ihr Leben in eine Doppelexistenz. Sie eint ihr Blick für das Besondere und der Wille, sich neben dem Job in Büros oder Banken handwerklich aktiv zu werden. So werden Herrenhäuser, verfallene Vierseithöfe oder ramponierte Gutshäuser umgebaut. Uckermark, Prignitz und Oderbruch sind Regionen voller Lehrer, Staatssekretäre oder Schriftstellerinnen, die mit der Schubkarre Ställe ausmisten und alte Scheunen in architektonische Gesamtkunstwerke verwandeln.

Meistens bleibt die Sehnsucht das, was sie ist. Sie soll sich nicht erfüllen. Während einheimische Brandenburger vom weltweiten Netzanschluss träumen, beackern Stadtmüde ihre Phantasien vom Ausstieg. Authentisch ist ihr Lieblingswort. Die Zugereisten geben Kühen Namen und funktionieren Schweineställe in Konzertsäle um. Die Zweitwohnsitzler entwickeln einen ausgeprägten Hang zur Romantik.

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„Die Schönheit“. Eine der vielen Postillen aus der Lebensreform-Bewegung. In Werder bei Berlin funktionierte Karl Vanselow (1876-1959) seine Villa in einen „Garten der Schönheit“ im.

 

Es ist der Rausch in der Askese, eine sehr preußische Devise. Durch Geduld, Hingabe und Disziplin erschließen sich „wahre“ Schönheit und Fülle des Lebens. Beruhigend ist, dass sich die öden, sperrigen Dörfer einer Liebe auf den ersten Blick eher verweigern. Das Sperrige ist der beste Schutz der Märker. Andererseits: Ohne diesen Boom der Kunsthöfe oder Kulturscheunen versänken viele Dörfer in malerischer aber elender Eintönigkeit.

Die Raus aufs Land-Bewegung ist nicht neu. Schon Ende des 19. Jahrhunderts träumten Großstadtmenschen Aussteigerträume. Mehr über Landlust-Utopien im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. „Einfach. Natürlich. Leben. – Lebensreform in Brandenburg 1890 – 1938.“ Bis 22. November 2015.

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