Archive for : Januar, 2016

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Von fliegenden Karpfen

Das Drama vom todkranken Flüchtling in Berlin? Ausgedacht. Der Skandal um das vergewaltigte dreizehnjährige Teenagermädchen? Erfunden. Sensations-, Lügen- und Horrorgeschichten verfolgen uns nahezu täglich. Gerüchte und Halbwahrheiten haben Konjunktur. Es ist allzu menschlich, in Krisenzeiten Gerüchten Glauben zu schenken. Sie helfen uns, den Überblick zu wahren und wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Viele fühlen sich derzeit einfach überfordert. Gerüchte hingegen bedienen Instinkte, sind von verführerischer Einfachheit. Tatsächliche oder diffuse Ängste werden geschürt. Diese alte Sehnsucht nach Gewissheiten, festen Grenzen und stabilen Feindbildern beschleunigt Gerüchte. Ganz von allein. Wer Zweifel äußert, stört. So kann munter behauptet werden ohne Belege zu bringen. Facebook oder Twitter funktionieren wie flott entflammbare Brandbeschleuniger. Zum Löschen bleibt kaum noch Zeit.

Diese Verbindung von Drama und Dreistigkeit, von Anonymität und Desinformation produziert im Internet einen brisanten Mix. Ein Facebook-Eintrag reicht. Die Republik steht Stunden Kopf. Die Zauberlehrlinge der neuen sozialen Medien sind ratlos. Deshalb bitteschön ein Moment innehalten: Gerüchte sind so alt wie die Menschheit. Wir folgen ihnen gerne, wenn sie das eigene Weltbild bestätigen. Das war schon immer so. Nur verbreiten sich Postings, Fakes und Shitstorms heute in Echtzeit. Überall. Jederzeit abrufbar.

 

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„Das Gerücht“. A.P. Weber. 1943.

 

Als der Grafiker A.P. Weber das Thema Gerücht zu Papier brachte, ließ er ein Schlangenmonster mit ungezählten Augen und Ohren durch eine graue Großstadtwelt gleiten. Aus allen Fensterlöchern erhält dieses Fabelwesen der Falschheit frische Nahrung. Nichts scheint dieses Gespenst stoppen zu können. Webers Zeichnung stammt aus dem Kriegs-Jahr 1943. Für den Dichter Arno Schmidt war Webers Darstellung des Gerüchts „die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci“.

Auch der Arzt und Soziologe Gustave Le Bon warnte in seinem Standardwerk Die Psychologie der Massen vor der verführerischen Kraft von Gerüchten. Der Franzose erklärte 1895 über die Leichtgläubigkeit des modernen Menschen. „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, ihr Opfer.“

 

Gelobt sei der Zweifel! Das gilt natürlich auch für diese Seite.

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Als der Blaue Reiter fiel

Das kranke Europa kann nur durch den Kampf geläutert werden. Dieser Krieg werde der grausame aber notwendige Durchgang zu einem neuen Europa sein. Das schrieb der Künstler Franz Marc zu Beginn des I. Weltkrieges. Der berühmte Maler und Mitbegründer des Künstlerbundes „Blauer Reiter“ zog freiwillig den Waffenrock über und diente als Leutnant der Landwehr. Franz Marc war einer von vielen Intellektuellen jener Zeit, die den Krieg als „positive Instanz“ verstanden wissen wollten.

Der gebürtige Münchner Marc hatte 1911 den Künstlerbund „Blauer Reiter“ aus der Taufe gehoben – gemeinsam mit Wassily Kandinsky, August Macke und Paul Klee. Ihnen gelang ein atemberaubender Aufbruch in die Moderne. Intensive Farben, expressionistische Leidenschaft und ungezügeltes Temperament. Franz Marc erklärte: „In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als Wilde. Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

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Franz Marc. (1880-1916). Vor Kriegsausbruch forderte er: „Die gefürchteten Waffen der Wilden sind ihre neuen Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

 

1914 tauschte Franz Marc Pinsel und Worte gegen Karabiner und Stahlhelm. Der Maler zog keineswegs mit Hurra-Patriotismus in die Schlacht jedoch mit Überzeugung. In seinen „Briefen aus dem Feld“ schrieb er an Ehefrau Maria. „Nun bin ich ein guter Soldat. Sorge dich nicht, ich komme schon durch.“ Als Leutnant des 1. Bayrischen Feldartillerieregiments notierte er 1915: „Wir leben in einer harten Zeit. Hart sind unsere Gedanken. Alles muss noch härter werden.“

Sein enger Malerfreund August Macke starb bereits wenigen Wochen nach Kriegsausbruch im Alter von 27 Jahren. Doch es verging ein weiteres Jahr, bis das Gemetzel an den Fronten die Position Franz Marc entscheidend veränderte. In einem späteren Brief an Lisbeth Macke, die Witwe seines Freundes August, schrieb er desillusioniert, der Krieg sei der „gemeinste Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“.

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Franz Marc. „Blaues Pferd.“ 1911

Franz Marc kämpfte in Frankreich an der Front. 1916 wurde er in die „Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands“ aufgenommen. Damit konnte er vom Kriegsdienst befreit werden. An seinem letzten Einsatztag vor der Rückkehr fiel er während eines Erkundungsritts kurz vor Verdun. Zwei Granatsplitter trafen ihn tödlich. Das war am 4. März 1916 – fast genau vor hundert Jahren.

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Franz Marc. „Tierschicksale“. 1913.

 

„Als der blaue Reiter gefallen war“, klagte die Autorin Else Lasker-Schüler, „griffen unsere Hände sich wie Ringe – küssten uns wie Brüder auf den Mund. (…) Seine tiefgekränkte Gottheit, ist erloschen in dem Bilde: Tierschicksale.“ Franz Marcs Gemälde aus dem Jahre 1913 wurde unfreiwillig zu seinem Vermächtnis. Tierschicksale nahm den Weltenbrand auf apokalyptische Weise ein Jahr vorweg. Als das Bild später durch Feuer beschädigt wurde, restaurierte Paul Klee das Werk seines toten Freundes. Es wirkt wie eine unheilvolle Vorahnung vom Untergang Europas. Der Maler als Prophet. Tierschicksale ist im Kunstmuseum Basel zu sehen.

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Fünf schnelle Tipps für einen Bestseller

Es ist verdammt früh. Kurz nach der sechsten Stunde. Ein Feiertag. Wir haben es eilig. Der Taxifahrer dirigiert mich zum Flughafen. Im Radio murmelt der Deutschlandfunk die neuesten Nachrichten. Der Chauffeur ist Anfang sechzig, vom Dialekt her ein wachechter Berliner. Er will reden. Sogleich beginnt er mit einer Geschichte vom Flohmarkt an dem wir gerade vorbeikommen. Dort bauen die Ersten ihre Stände auf.

Er erzählt: „Ich kaufe dort Bücher für fünfzig Cent das Stück. Ist es ausgelesen, gebe ich das Buch an meine Tochter weiter. Sie sammelt alles und verramscht jeweils drei Gebrauchte für einen Euro. Macht manchmal bis zu fünfundzwanzig Euro am Tag. Echt! Lesen bildet“, lächelt er, „und meine Familie hat einen kleinen Nebenerwerb. Die Enkelin, sie ist zehn, hilft begeistert mit.“

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Der Traum vom Bestseller. Foto: BR1

Ein lesender Taxifahrer. Und ein Büchernarr. So etwas gibt es noch? Kaum zu glauben. Einer, der hungrig nach neuem Lesestoff ist. Nach Geschichten, die bis in die Tiefen des Ozeans und in die Himmelswelten der Götter vorstoßen. Der Mann kommt in Fahrt: „Ich lese morgens zwischen sechs und acht Uhr früh. Wenn ich auf Kundschaft warte. Solange die Augen noch mitmachen. Mein Lieblingsautor ist James Hadley Chase. Kennen Sie den?“

Was das Erfolgsrezept für ein gutes Buch sei, frage ich. Seine Antwort: „Je dicker ein Werk desto dünner die Geschichte. Eine starke Story muss spannend sein und auf den Punkt kommen.“ Außerdem funktioniere eine gute Geschichte stets nach dem gleichem Strickmuster:

 

Mann sucht Frau

Mann findet Frau

Mann gerät in Gefahr.

Frau rettet Mann.

Happy End.

 

Er setzt eine winzige Pause. Dann sagt er: „Das Ganze funktioniert natürlich genauso umgekehrt. Frau sucht Mann. Und-so-weiter.“ Er bremst. 18 Euro 20. Er setzt mich am Terminal ab. Ach, ruft er noch hinterher: „Die Jungen rennen zu viel. Erst die Alten kennen die Wege. Lassen Sie sich Zeit! Nur mit dieser Einstellung werden sie Hundert.“ Die Tür fliegt zu. Der Mann drückt auf die Tube. Ab zum Warteplatz. Dann will er lesen. Ein gutes Buch.

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Der alte Mann und die neue Literatur

Es ist kalt. Die Straßen sind voller Schnee, Eis und Matsch. Kein Mensch treibt sich freiwillig herum. Besuch bei einem alten Herrn. Ein Büchermensch alten Schlages, der sein Leben lang an die Wirkung des Wortes geglaubt hat. Sein Name: Achim Roscher. Gründungsmitglied eines kleinen Literaturmagazins über das der Mantel des Vergessens geworfen wurde. Das ist schade. Denn die „Neue Deutsche Literatur“ – abgekürzt NDL – hat viel zu erzählen.

Es wird  in seiner kleinen Neubauwohnung am Rande Berlins ein lehrreicher Winternachmittag. Der gebürtige Sachse ist ein kluger Erzähler, voller Anekdoten und Geschichten. Ein lebendes Lexikon. Der 83-jährige berichtet aus über fünf Jahrzehnten deutsch-deutscher Literaturgeschichte.

Es geht um die ganz Großen, die Gescheiterten und die schönen Beine der Sekretärin, die den jungen Marcel Reich-Ranicki fast um den Verstand gebracht hätte. Reich-Ranicki lobte Ende der fünfziger Jahre die „Formgestaltung der modernen Möbel“, die ihm in der engen Redaktionsstube unterm Dach der Französischen Straße in Ost-Berlin ungewöhnlich reizvolle Einblicke verschaffte.

 

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Ein Stück vergessene Literaturgeschichte. Hier eine Ausgabe aus dem Jahre 1966. Mit Autoren wie Walter Ulbricht und Martin Walser.

In der NDL schrieben ein knappes halbes Jahrhundert lang Autoren von Rang und Namen. Die ganz Großen und die Unbekannten. Nobelpreisträger und Debütanten. Einzige Bedingung: Die Texte mussten neu sein. Unveröffentlichte Prosa, Essays und Gedichte erblickten in der Monatszeitschrift das Licht der Welt. „Kein Heft, worin nicht irgend etwas Lehrreiches, Reizvolles, zum Nachdenken Anregendes sich mir dargeboten hätte.“ So wohlwollend urteilte Thomas Mann im April 1955.

Zentralbild-TBD/Sturm-Wittig 15.5.1955 Schillerehrung vom 8.-15. Mai 1955 in Weimar 14. Mai 1955 Beim Festakt im Deutschen Nationaltheater in Weimar hielt Thomas Mann die Festansprache. Der Dichter wurde Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher überreichte Thomas Mann die Ehrenurkunde. UBz: Die Anwesenden, besonders seine Tochter, gratulieren Thomas Mann zu der Würde eines Ehrenmitglieds der Akademie der Künste. [links hinter Th. Mann: Viktor Klemperer]

Nobelpreisträger Thomas Mann (Mitte) am 14. Mai 1955 in Weimar. Kurz vor seinem Tode besuchte er die DDR.

Achim Roscher berichtet von aufgeregten Debatten, Eitelkeit und zäher Zensur. Natürlich habe die Literatur in der DDR stets unter staatlicher Gängelung gelitten. Aber die Freiheit des eigenen Gedankens habe sich immer wieder „zwischen den Zeilen“ durchsetzen können. Im »Real­sozialis­mus« wie später auch im »Realkapitalismus« sei viel abverlangt worden. Ja, es waren enge Grenzen, gibt er zu, an manchen scheiterten Autoren und Redaktion. Stets mit besten Absichten, betont er.

Prominente Autoren veröffentlichten ausgesprochen gerne. Bert Brecht, Christa Wolf oder Günter Grass und Martin Walser. So entwickelte sich das Heft zu einem stillen aber genauen Kompass deutscher Trennungs- und Vereinigungsgeschichten. Nach 554 Ausgaben wurde das Blatt Anfang 2004 eingestellt. Aus finanziellen Gründen. Die Auflage war dramatisch gesunken. Achim Roscher hat dieses vergessene Stück neuer deutscher Literatur akribisch und kenntnisreich wieder wachgeküsst.

 

In einem Nachruf hieß es:

„Die von der Wand genommene Uhr

hinterläßt

im Raum eine Lücke

obwohl

die Zeit als solche geht weiter.“

 

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Nach 554 Ausgaben war Schluss. Auflagenschwund. Zu wenige Leser, entschied Verleger Bernd Lunkewitz.

Irgendwann sitzen wir in seinem Arbeitszimmer in völliger Dunkelheit. Ich sehe Achim Roscher nicht mehr. Er erscheint mir nur noch als schemenhafte Gestalt wie aus einer anderen Welt. Roscher schaltet kein Licht ein, redet einfach weiter. Aber kommt es am Ende nicht doch viel mehr aufs Zuhören an?

 

Hier das Buch: Achim Roscher. In den Heften und zwischen den Zeilen. Edition Schwarzdruck 2015.

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So viel Anfang ist immer

Die aktuelle Weltlage ist derzeit nichts für zartbesaitete Gemüter. Syrien, Saudi-Arabien, die Flüchtlingskrise. Köln, Pegida und Straßenschlachten. Feste Fundamente und alte Gewissheiten wanken, die Gesellschaft ist gespalten. Scheinbar sichere Antworten greifen zu kurz. Wie damit umgehen? In den Sozialwissenschaften findet sich für verunsicherte Zeitgenossen ein Zauberwort: Resilienz.

Wie bitte – Resilienz? Der Begriff entstammt dem lateinischen Verb resiliere und bedeutet so viel wie zurückspringen oder abprallen. Als Substantiv kann es daher großzügig mit Widerstandskraft übersetzt werden. Wie sagte einst der Schweizer Schriftsteller Max Frisch? „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

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Foto: Ian Prince

 

Welche Krisen machen eine Gesellschaft widerstandsfähig? Andersrum: Welche Erschütterungen und Enttäuschungen lassen Menschen verzweifeln oder resignieren? Es kommt auf viele Faktoren an, sagen Forscher. Soziale und emotionale Intelligenz spielt ebenso eine Rolle wie familiäre und kulturelle Prägungen. Weniger bedeutsam ist der Einfluss von Vermögen und Besitz. Geld entscheidet am Ende nicht darüber, ob ein Mensch aus sich heraus widerstandsfähig oder anfällig ist. Resilienz ist keine Frage des Bankkontos.

Aufschlussreich ist: Widerstandsfähige Menschen entwickeln in schwierigen Situationen die Fähigkeit über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Sie vertrauen nicht auf Glück, Zufall oder falsche Propheten. Sie nehmen die Dinge selbst in die Hand. Und sie ergreifen Möglichkeiten, wenn sie sich bieten. Resilienz bedeutet, ein realistisches Bild von den eigenen Fähigkeiten zu haben.

 

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Auf eine Armlänge Abstand…

Alle reden über das neue Maß, das Abstand halten soll. Eine Armlänge. Sie soll Frauen in Deutschland schützen. Vor Anmache, Fremden, Machos und ausländischen Männerhorden. Das Netz läuft in diesen Tagen randvoll mit Empörung, Hass und Untergangsszenarien. Die Wutwelle rollt. Es scheint, als stünde die Apokalypse unmittelbar bevor. Von Auswandern und Bürgerkrieg ist die Rede, vom Ausverkauf der deutschen Kultur, kurz: Das Land geht unter, wenn nicht endlich etwas passiert.

Aber was muss geschehen? Was ist zu tun? Den Stahlhelm aufsetzen und den nationalen Notstand ausrufen, unsere Bahnhöfe mit Bürgerwehren und Bundeswehr besetzen, an Frauen Pfefferspray verteilen und Karatekurse verordnen? Vielleicht sollten wir vorher noch ein paar Sekunden Zeit in Nachdenken investieren. Erste – politisch unkorrekte – Antworten entwickelten die Blogger von Buzz. Sie präsentieren zehn Ideen, wie die Armlänge-Abstand-Vorschläge der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker in die Praxis ungesetzt werden könnten.

 

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Vorschlag Nummer 9. Die „offensive“ Variante der Selbstverteidigung. Quelle: giphy.com

 

Das Problem weglächeln? Verbietet sich. Ein ironischer Seufzer erleichtert, aber reicht nicht mehr. Zu viel hat sich aufgestaut, zu viel wurde verdrängt, verheimlicht und viel zu lange unter den Teppich gekehrt. In welchem Land wollen wir leben? Das ist die entscheidende Frage. In einem Land, in dem das Gesetz der Straße gilt?

Die Kölner Horror-Nacht muss aufrütteln. Deutschland braucht, was es bisher nicht hat, einen Plan. Mit realistischen Einwanderungsgrenzen und echter Integration. Hinzu kommt eine einfache Tatsache: Wer sich nicht an die Regeln hält, hat in unserem Land nichts zu suchen. Eine klare Haltung ist nötig, um die übergroße Mehrheit der friedlichen Zufluchtssuchenden zu schützen. Durchwursteln geht nicht mehr.

Eine Armlänge Abstand wird bei Erkältungen empfohlen, heißt es, um Ansteckung zu vermeiden. Das macht Sinn. Ob im Fall Köln diese Abstandsregel vor einer um sich greifenden Paranoia hilft, hängt vom Immunsystem ab. Wenn die Abwehrkräfte intakt sind, ist vieles möglich. Dann könnten Grundrechte aus dieser so miesen Nacht gestärkt hervorgehen. Und Frauen müssten sich nicht mehr als Freiwild fühlen.

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Ach, Europa

Ach, das sind dreißigstellige Kontonummern und kleinkarierte Gurken-Verordnungen. Ein bürokratisches Monster, überreguliert und handlungsunfähig. Ein Riese, dem die Kräfte schwinden. Für Vordenker Hans Magnus Enzensberger steht schon länger fest: Das „Brüssel-Europa“ wird am Eigensinn der Nationen scheitern. Behält er am Ende Recht? Zerbricht das EU-Europa an Gleichgültigkeit oder gar an Gewalt?

Längst ist der alte Kontinent im Dauer-Krisenmodus. Die Briten stimmen in diesem Jahr über einen möglichen EU-Austritt ab. Ungarn und Polen überbieten sich an nationalen Aufwallungen und schotten sich weiter ab. Im Süden stöhnen Italiener und Spanier über Schulden und Wirtschaftskrise, kämpfen Griechen trotz drei milliardenschwerer Rettungspakete ums Überleben. Im Norden schließen die Dänen Grenzen und wollen immer mehr Finnen den Euro abschaffen. Und alle – von Helsinki bis Lampedusa stöhnen über Flüchtlinge. Aufnehmen soll sie – wenn überhaupt – nur der Nachbar.

Droht ein böses Erwachen? Schreitet Geschichte nicht mehr in mühsamen aber unumkehrbaren Schritten voran – einer besseren Zukunft entgegen? Scheitert das Projekt der Vereinigten Staaten von Europa an Vorurteilen und nationalen Egoismen? Ist der alles entscheidende Wille zu Ausgleich und Kompromiss verloren gegangen? Folgt man den vielen Kassandra-Rufern in Politik und Medien, könnte man es fast glauben.

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Erich Kästner. (1899 – 1974). Der Text über den Ameisenhaufen Europa entstand 1957. Er hieß: „Als ich ein kleiner Junge war.“

 

Gegen Apathie und geistigen Durchfall hilft ein kurzer Blick in alte Texte, die plötzlich brennend aktuell werden. Erich Kästner schrieb über den I. Weltkrieg vor hundert Jahren: „Der Tod setzte den Helm auf. Der Krieg griff zur Fackel. Die apokalyptischen Reiter holten ihre Pferde aus dem Stall. Und das Schicksal trat mit dem Stiefel in den Ameisenhaufen Europa.“ Kästner und viele andere träumten auf den Schlachtfeldern den Traum eines geeinten und friedlichen Europas. Erst nach dem II. Weltkrieg wurde dieser Wunsch Wirklichkeit. Und heute?

 

Es gibt einiges zu tun in diesem neuen Jahr.