Wo geht´s zur Karriereleiter?

Eines Tages war sie einfach weg. Die Karriereleiter an der Investitionsbank Berlin. Ein Kunstwerk, fünfzehn Meter hoch, ein fulminantes Statement. Mehrere Aktenkofferträger hangeln sich nach oben, während sie kraftvoll nach unten treten. Sie haben nur ein Ziel: Ganz oben zu sein. Koste es, was es wolle. Da traute sich jemand etwas. Der Künstler, der frech, fröhlich und für alle sichtbar seine Sicht vom Kampf der Ellenbogen inszenierte. Die Bank als Auftraggeber, die großzügig Narrenfreiheit gewährte. Kunst am Bau. Nicht verspielt oder lammfromm, nein klar, provokativ und mit einem Schuss Selbstironie. Seit ein paar Jahren herrscht wieder Leere. Über Nacht war das Werk verschwunden.

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Karriereleiter (2007). Das Original wurde demontiert und ist an einem unbekannten Ort eingelagert.

 

„Die Leiter ist auf dem Schrottplatz gelandet“, sagt Peter Lenk in seinem Atelier in Bodman am Bodensee. „Kaum zu glauben. Die Skulptur wurde einfach demontiert, sollte verschrottet werden. Das war ein Akt von Kunstbarbarei.“ Bildhauer Lenk ist noch heute wütend. „Der Künstler wurde nicht gefragt. Dem neuen Chef der Bank hat die Auftragskunst seines Vorgängers nicht gefallen. Er fühlte sich auf den Schlips getreten. Also weg damit. Wie bei den Nazis.“ Lenk, der Rebell vom Bodensee, schäumt. „Die Karriereleiter konnte vor dem Verschrotten gerettet werden. Aber wo mein Werk heute ist, darf ich nicht öffentlich sagen. Es ist mir gerichtlich verboten worden.“

Das Ende einer Karriereleiter. Wie sinnfällig. So manche Karriere im echten Bankerleben ist wohl ähnlich abrupt beendet worden. Da gefällt einem neuen Chef die ganze Richtung nicht und schon landet der Treppensteiger auf dem Trümmerfeld der Illusionen. Bildhauer Lenk redet ohne Punkt und Komma. „Banker geht es nur noch um Profit und Provision. Faire Beratung zählt nicht. Alles Betrüger.“ Der große, hagere Endsechziger mit beeindruckendem Schnurrbart schimpft nun über korrupte Politiker, die vor Banken und Konzernen niederknien. Er redet genauso kompromisslos wie er seine Arbeiten präsentiert. Direkt, schnörkellos, ohne Angst vor Obrigkeit und Mächtigen. Der gebürtige Nürnberger nimmt kein Blatt vor den Mund.

 

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„Europa“ umlagert und ausgepresst. Radolfzell. (Detail, 2013)

 

In seiner Heimat am Bodensee sind seine Arbeiten allesamt vergnüglich-satirische Kommentare zur Lage der Welt. Längst sind seine überlebensgroßen Figuren nicht nur berühmt-berüchtigt sondern überaus beliebt. In Konstanz thront am Hafen „Imperia“, zehn Meter hoch und höchst verführerisch. In ihren Händen jongliert die Muse Fürst und Bischof, zu Zwergen geschrumpft. In Radolfzell wird die üppige Dame „Europa“ von Lobbyisten und Zockern ausgeplündert. Da hilft ihr auch der Walkürenhelm nichts. Lenk schreibt: „Europas Staaten werden gemolken von einer technokratischen Elite, die weder die Phantasie von Zeus noch die Sinnlichkeit einer Europa hat.“

Und selbst Großdichter Martin Walser blieb von Lenks kreativen Schaffen nicht unbeeindruckt. Auf der Promenade in Überlingen fand er sich als „Eiskunstläufer zu Pferde“ wieder. Walser verlangte nach Inaugenscheinnahme die sofortige Verhüllung dieses „unverzeihlichen“ Denkmals. Es blieb ein frommer Wunsch.

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Im Garten des Ateliers in Bodman (Bodensee) steht noch eine Variante der Karriereleiter.

Nur bei Berliner Bankern beißt sich Lenk weiter die Zähne aus. Seine „Karriereleiter“ ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Tja. Doch am Bodensee, im Garten seines Bodmaner Ateliers, kann die kleine Schwester der Berliner Leiter bewundert werden. Stolz und unzensiert ragt sie in den blauen Himmel hinauf, während Lenk sich vom Hofe macht. „Muss jetzt schaffe. Hab keine Zeit mehr zum Schwätze…“ Das war´s und weg ist er.

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