Archive for : Mai, 2016

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Frischer Wind

Am Anfang war eine Idee. Aus Wind Kapital schlagen und Energie ziehen. Wahnsinn. Und heute? Wird aus Wind nur noch Rendite gemacht. Eine todsichere Sache. Die Landschaft wird zugespargelt. Der Steuerbürger zahlt´s. Wie Hecken aneinandergereiht säumen Windparkanlagen nord- und ostdeutsche Autobahnen, zerschneiden Flur, Haine, Wälder und Dörfer. Die modernen Windmühlen werden in die Provinz getragen, an die Ränder der Metropolen. Hier heißt das Wirtschaftsförderung und so baut man Windräder, soweit das Auge reicht. Sie stehen wie eine Fata Morgana in der Landschaft, befeuert von Zuschussmitteln und Steuersubventionen.

Besonders im Osten der Republik. Es ist das El Dorado der Windenergie-Lobby. Bis heute hoffen viele mit Kinderaugen auf die neuen Mühlen in Monstergröße. Investoren, Anleger, Geschäftemacher und Bauern machen Wind. Um jeden Preis. Bis zu 215 Meter sind sie hoch. Höher als der Kölner Dom. Kathedralen der Energiewende. Dabei sind strukturschwache Regionen wie die Prignitz oder die Uckermark längst zugestellt. Biszu 40.000 Euro bringt die Pacht im Jahr, wenn man sich eines dieser Räder auf seinen Acker stellen lässt.

Inzwischen werden sogar Wälder abgeholzt. Selbst das Kloster Heiligengrabe bei Wittstock überlegt. „Wir müssen wirtschaftlich sein. Wir wollen überleben“, hatte die Äbtissin die Aktion verteidigt. Und wenn alle Windräder morgen in die Luft flögen? Da lachen die Einheimischen beim Bier. Wäre doch schön, wenn es so kommen könnte, dann wären wir die Dinger los. Und den Streit in den Familien, am Stammtisch und in den Dörfern, wie viele Windparks noch gepflanzt werden sollen. So ist der Lauf der Dinge.

 

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Der Windbaum der französischen Firma New Wind. Ein Modell. Quelle: New Wind.

 

Eine Lösung aber ist in Sicht. Der Windbaum. Kein Witz! Der Windbaum ist klein, kompakt, passt in jeden Garten. Statt gigantischer Windräder soll diese Neuerfindung die Energiewende effizient und ästhetisch vorantreiben. Die französische Firma NewWind hat eine solche Mini-Kompaktanlage in Form eines Baumes entwickelt.

Dieser sogenannte Tree Vent ist mit 72 Mini-Turbinen bestückt. Sie sehen aus wie Blätter. Vom ästhetischen Design und der geringen Lautstärke erhoffen sich die Erfinder eine bessere Akzeptanz von Windkraftanlagen. Der erste Prototyp wurde vor einem Jahr mitten in Paris auf dem Place de la Concorde getestet. In Deutschland steht ein Versuchsbaum vor einem Bochumer Einkaufszentrum.

 

 

Das Fachorgan „Der Ingenieur“ schreibt anerkennend: „Die neuen Windbäume sind mit einer Höhe von elf Metern und einer Breite von acht Metern Durchmesser deutlich kleiner als herkömmliche Windkraftanlagen. Da sie die Höhe und das Aussehen eines Baumes haben, können sie sich nach den Vorstellungen des Herstellers mühelos ins städtische Bild einfügen ohne negativ aufzufallen.“

 

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Schöne neue Zukunft mit Windbaum? In Gerlingen soll der neue Exot des Strom-aus-Windmachens jetzt ausprobiert werden. Quelle: Stuttgarter Zeitung.

 

Dieser Windbaum ist natürlich kein Baum im biologischen Sinn. Er ist eine technische Neuentwicklung, produziert den Jahresstrombedarf für eine Familie und bleibt erst einmal ein belächelter Exot. Aber haben nicht Außenseiter die Welt vorangebracht? Bevor das ganze Land weiter mit Windanlagen zugepflastert wird. Wäre doch mal ein ganz neuer frischer Ansatz? Der nächste französische Wunderbaum soll übrigens im schwäbischen Gerlingen aufgestellt werden.

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Du schaffst das

Traumberuf Schauspieler. Vor dem großen Auftritt stehen die kleinen, fiesen, lästigen Aufnahmeprüfungen. Garantiert sind schlaflose Nächte, weiche Knie, feuchte Hände und Lampenfieber bis zum Anschlag. Wenn es beim Vorspiel vor einer Kommission um alles oder nichts geht. „Hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend“, hat Rainer Maria Rilke einmal dahinfabuliert. Doch vor der strengen Jury zählt nur eines: der Beste sein, Beifall erhalten und angenommen werden. Ein Lotteriespiel, wenn auf zehn freie Plätze 687 Bewerber kommen.

Die Prüfung. Diese bemerkenswerte Langzeitbeobachtung von Till Harms hat übliche Wege verlassen und die Optik neu justiert. Nicht die aufgeregten Prüflinge stehen im Mittelpunkt wie bei Andres Veiels „Die Spielwütigen“. Der neue Doku-Film beobachtet den spannungsgeladenen Prozess aus der Perspektive einer Auswahljury. Drei Jahre lang hat der Filmemacher Prüfer und Dozenten an der Staatlichen Schauspielschule in Hamburg beobachtet und begleitet. Herausgekommen ist eine Nahaufnahme, die überrascht und berührt.

 

 

Die neun Prüfer präsentieren sich weder als Halbgötter noch in Dieter Bohlen-Manier. Die ambitionierten Kandidaten werden nicht abgewatscht, vorgeführt oder gedemütigt. Von Eitelkeit und Zynismus keine Spur. Im Gegenteil: Leidenschaftlich und bis zur Erschöpfung ringen die Jurymitglieder um ihre Auswahl der „richtigen“ und talentiertesten Kandidaten. In manchen Szenen wirken die mächtigen Prüfer fast ratlos und verunsichert. Ihre internen Debatten sind voller Spannung, Dramatik und manchmal auch unfreiwilliger Komik.

220 Stunden Material hat Regisseur Harms in Hannover eingefangen. Die knapp einhundert Minuten der Kinofassung zeigen: Unter den Schauspielaspiranten überzeugen Frauen weitaus mehr als ihre männliche Mitbewerber. Auch wenn in der Jury eher die alten Knaben den Ton angeben. Am Ende des Prüfungsmarathons aber sind alle zermashed. Ausgebrannt, aber glücklich. Die ausgewählten Schauspielprüflinge wie die erschöpften Prüfer. Der Zuschauer darf sich freuen. Er weiß nun, wie es hinter den Kulissen aussieht, wenn die Türen zur Auswahlkommission verschlossen werden. Aber Hand aufs Herz: Wollen wir das wirklich alles wissen?

 

Die Prüfung von Till Harms. Ab dem 19. Mai in den Kinos.

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Petite Fleur

Mina. Eine kleine Blume. Zart. Rosig. Unbekümmert. Hilfsbedürftig. Niedlich. Neu auf dieser Welt. Ein zerbrechliches Geschöpf. Die Augen geschlossen. Sanft heben sich die Nasenflügel. Der Mund leicht geöffnet. Ein kleines Menschenkind. Eines von über sieben Milliarden auf dieser Erde. Und doch ein Wunder der Natur. Immer wieder, immer anders und doch so herrlich einzigartig.

Mina wird in einer Stadt aufwachsen mit Häusern, die bis in den Himmel ragen. Mit Straßen, Plätzen, Überführungen, Bürotürmen, Einkaufszentren und Tunneln, in denen es von früh bis spät wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Die kleine Biene Mina ist eine Prinzessin, die in Hongkong das Licht der Welt in Form einer LED-Lampe erblickt hat. Ihre winzigen Fußabdrücke hat sie bereits nach wenigen Minuten Menschsein hinterlassen. Einmal rechts, einmal links. Zack – auf die Registrierungskarte. Mina wurde gemessen und gewogen und an die glücklichen Eltern zurückgegeben.

 

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La Petite Fleur. Ein kleines Wunder.

Die Kette des Lebens hat sich um ein Glied verlängert. Gewiss, das ist höchstens ein Wimpernschlag in der Erdengeschichte. Aber einer, der mich berührt. Mina ist unsere erste Enkelin. Ich bin nun offiziell Großvater, Opa und wieder Kinderwagenberechtigt. Wenn auch nur für Stunden und als Aushilfskraft. Auf in die ferne große Stadt am anderen Ende der Welt.

 

Mina ist ein Maienkind. Deshalb widme ich ihr ein Frühlingsgedicht von Heinrich Heine. Dem alten genialen Lästermaul vom Rhein. Aber auch dieser Zyniker und scharfzüngige Obrigkeitsspötter konnte in manchen Momenten so wunderbar sentimental sein. Momente, wie sie die Geburt einer kleinen neuen Menschenhoffnung bedeuten. Heine für Mina.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

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Haben Sie eine Geschichte?

Theodor Fontane schrieb seinen ersten Roman im zarten Alter von sechzig Jahren. Kein Wunder, dass er vielen mehr oder weniger begabten Menschen des Wortes als Vorbild dient. Frei nach dem Motto: Wartet ab, wenn ich auch mal die Sechzig voll habe. Dann geht´s zur Sache. Ein Bestseller nach dem anderen. Im Alter meißelte der märkische Meister Fontane Sätze wie diese in die Literaturgeschichte: „Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht.“

Keine Lust am Leben. Nur Pflicht. Preußischer geht´s nimmer. So ist es im Stechlin. Pflichterfüllung ist alles. Disziplin. Gehorsam. Kerzengerade mumifiziert bis der Staub von den Schulterstücken rieselt. Unverrückbar. Da wird es auf Dauer sterbenslangweilig. Haben Sie eine Geschichte? Eine bessere? Voller Leichtigkeit. In einer fröhlichen Abfolge von Anfang, Irrungen, Wirrungen und überraschendem Ende. Gewürzt mit Witz und Esprit? Garniert mit Bruchstücken, Entwürfen und Versuchsanordnungen. Wie heißt es doch bei Max Frisch? „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“ Sollte es nicht klappen, spendet Meister Fontane einmal mehr verlässlich Trost. Denn morgen kommt ein anderer Tag. Ganz sicher.

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Sind wir nicht alle auf Wanderschaft? 400 mal hat der Künstler Ottmar Hörl den märkischen Großdichter in seiner Geburtsstadt Neuruppin aufgestellt. So sinniert Fontane durch die Lande.

 

Trost

Tröste dich, die Stunden eilen,

Und was dich drücken mag,

Auch das Schlimmste kann nicht weilen,

Und es kommt ein anderer Tag.

In dem ew`gen Kommen, Schwinden,

Wie der Schmerz liegt auch das Glück,

Und auch heitere Bilder finden

Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens

Zählest du der Stunden Schlag,

Wechsel ist das Los des Lebens,

Und – es kommt ein anderer Tag.

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Der Bass-Gott in der Eckkneipe – Marcus Miller

Die Schlange reicht bis weit auf die Straße. Die Karte kostet regulär fünfzig Euro. Die im Regen vor der Tür Wartenden hoffen auf ein Ticket. Für den doppelten Preis. Egal. Nur dabei sein! Statt Pop-Sülze und Kaufhaus-Jazz wird gleich einer der ganz Großen den Bass zelebrieren: Marcus Miller. Jedes Plätzchen im Berliner A-Trane ist schon Stunden vor Beginn besetzt. Starbariton Thomas Quasthoff hat sich eine Nische in der Ecke ergattert, Trompeter Till Brönner direkt bei ihm. Die Luft im Club steht. Ein Fan aus Warschau ist verzückt: „Ich habe ihn in Darmstadt, Lugano und Danzig gesehen. Da groovte er vor zwanzigtausend Besuchern. Und heute hier in diesem winzigen Club. Unglaublich. Er ist ein Gott.“

Dann kommt der Mann aus Brooklyn, der diskret im Hintergrund auf vielen hundert Studioalben Superstars wie Mariah Carey, Elton John, Bryan Ferry, Aretha Franklin, Al Jarreau, Frank Sinatra den Bass gespielt hat. Wie ein Vulkan legt er auf seinem Fender Jazz Bass los: knackig, schnörkellos und äußerst präzise! Miller schließt die Augen, streichelt, peitscht und treibt seinen Bass unermüdlich an. Der 56-jährige hält sie mal wie eine Pump Gun, dann umarmt er sie wie seine Geliebte. Der „Erfinder“ des Slapbass-Stils kürt  sein Instrument zum Solo-Star. Auf der Bühne ist er Herz und Hirn, die Musiker könnten seine Söhne sein.

Marcus Miller im Juli 2015 beim North Sea Jazz Festival:

 

„Als ich die ersten Songs geschrieben habe, waren die Jungs noch Babys“, sagt der UNO-Sonderbotschafter des Jazz. „Ach, sie waren noch gar nicht auf der Welt. Die Eltern haben sich bestimmt noch gestritten, ob sie wirklich Nachwuchs wollen.“ An diesem Abend ist der heimliche Star der junge Trompeter Maurice Bishop. Ein begnadeter Musiker, tänzelnd, abwechslungsreich, ein verschmitzter Faxenmacher. Seine Soli konkurrieren mit Millers Bass, laut, drängend, fordernd, pulsierend, wild, ungestüm.

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Marcus Miller in Berlin. Foto: Nick Becker

Die Marcus Miller Band ist wie ein Kraftwerk auf Hochtouren, kurz bevor alle Kessel explodieren. Das Sextett produziert Hochspannung. Es ist der Sound der Großstadt. Brooklyn in Berlin. Messerscharfe Soli auf Trompete, Sax und Gitarre. Es sind Duelle der anderen Art. Die Bläser spielen mal leichtfüßig, mal forciert. Dann halten sie die Luft an, blasen sich die Seele aus dem Leib. Marcus Miller antwortet und genießt diesen Abend. Über allem schwebt Miles Davis. Wenn es eine Botschaft an diesem Abend gibt, dann diese: Der Jazz lebt. Der kleine Club tobt, fordert Zugaben. Draußen vor der Tür hat es aufgehört zu regnen.

 

Am 14. Juli 2016 ist Marcus Miller wieder einmal in Europa. Gemeinsam mit Carlos Santana tritt er beim diesjährigen legendären Jazzfest in Montreux auf.

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Wer Angst vor dem Schwarzen Mann?

Im Schützenverein Eberswalde war er wer. Den alljährlichen Höhepunkt, das „Vogelschießen“ auf eine Schwanzfeder, verpasste er nie. Gert Schramm gehörte stets zu den Favoriten. Treffsicher, gradlinig, ohne großen Firlefanz. So wurde er der erste farbige Schützenkönig von Brandenburg. Mitten im Land des Roten Adlers. Jetzt ist er abgetreten. Der Verlag Aufbau teilte mit, Schramm sei vor einigen Tagen im Alter von 87 Jahren verstorben.

An die Oder, Deutschlands östlichstem Punkt, hatte sich Gert Schramm die letzten Jahre zurückgezogen. Mit Hund Moritz, den er liebte, und einer Hautfarbe, die er nicht ablegen konnte. Das war sein Schicksal: er fühlte sich wie alle anderen und blieb doch die große Ausnahme. Das Licht der Welt erblickt er 1928 in Erfurt. Sein Vater ist ein farbiger Amerikaner auf Montage, seine Mutter stammt aus Thüringen. Schon als Kind drangsalieren ihn die Nazis. Bereits mit 13 Jahren, wird der „Negermischling“, wie es amtlich heißt, „sonderbehandelt“, um möglichen schädlichen Einfluss auf Altersgenossen zu verhindern.

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Gert Schramm. Er besuchte gerne Schulklassen, erzählte, wie es damals war. Foto: Zeitzeugen-Projekte.de

Die Gestapo interniert Gert im Jahre 1943. Ein Jahr später stecken ihn die Nazis ins Konzentrationslager. Block 42. Mit fünfzehn Jahren ist er der erste und einzige deutsche Schwarze in Buchenwald. Sie tätowieren ihm die Häftlingsnummer 49489 ein. „Mein Vater kam bereits 1941 nach Auschwitz, gilt als verschollen“, erzählte Schramm später, „meine Mutter musste in den Arbeitsdienst.“ Gert überlebte, weil ihn der Blockälteste vor der SS und der Zwangsarbeit im Steinbruch versteckte. Das vergass er nie und sagte es laut und deutlich. „Das waren die Kommunisten, die mich gerettet haben. Sonst wäre ich nicht mehr hier.“

Im April 45 befreien die Amerikaner den Jungen. Deutschland ist ruiniert. Aber es beginnt eine neue Zeit. Gert Schramm will eigentlich Autoschlosser werden. Zunächst arbeitet er für die Amerikaner, dann für die Sowjets – jeweils in den Effektenkammern der beiden Armeen. Der entlassene KZ-Häftling glaubt an den Sozialismus, sein Projekt heißt DDR. Er schuftet bei der Wismut im Erzgebirge als Kumpel unter Tage. Gert buddelt Uran aus – für die Besatzungsmacht aus der Sowjetunion. Sechs Tage die Woche – unter schwersten körperlichen Bedingungen.

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Gert Schramm. Als ihm einmal ein Skinhead entgegentrat und rief: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“ Da hielt er entgegen: „Ich auch, du Hornochse!“

Ein entbehrungsreiches Leben. Dennoch: Gert Schramm ist zuversichtlich. Er gründet eine Familie und die Gewerkschaft schickt ihn als Delegierten in die Hauptstadt. In Ost-Berlin erlebt er als Augenzeuge die Junitage 1953 mit Streiks, Unruhen, Schüssen und Panzern. Nur drei Jahre später schliesst sich Schramm dem grossen Flüchtlingsstrom gen Westen an. Er versucht sein Glück in Essen – wieder als Bergmann. Diesmal baut er Steinkohle ab. Die Arbeit ist nicht leichter, aber die Schramms können sich im Wirtschaftswunderland-West mehr leisten und kaufen. Und so bemerken sie kaum, dass die nahe Heimat, aus der sie kommen, unerreichbar fern wird.

Mauerbau 1961. Der Kalte Krieg zeigt mitten durch Deutschland sein wahres Gesicht. Doch das Heimweh ist stärker als Mauern. Die Schramm´s wollen in ihre alte Heimat zurück. 1964 trifft die Bergarbeiter-Familie aus Essen in der DDR ein. Die Stasi bleibt misstrauisch. Wochenlang werden Gert und seine Frau in einem Auffanglager interniert und auf Herz und Nieren überprüft. Familie Schramm verschlägt es schließlich nach Eberswalde. Gert findet Arbeit im Verkehrskombinat.

In den bleiernen achtziger Jahren der DDR fühlt er sich mit Mitte fünfzig zu jung für´s Nichtstun. Er besitzt einen Wolga und schmiedet einen Plan: eine private Taxi-Lizenz. Gert Schramm wird Unternehmer und fährt so in die neue Zeit. Von der Plan- in die Marktwirtschaft, vom Wolga zum Mercedes, von der DDR in die Bundesrepublik. Typisch Schramm! Er wird zweiter Präsident der Taxi-Innung Berlin-Brandenburg, doch in den neunziger Jahren im neuen Einheits-Deutschland ändert sich noch mehr: das Klima wird rauer, eine dunkle Hautfarbe zur Gefahr. In seiner Heimatstadt Eberswalde wird nach der Wende der dunkelhäutige Amadeo Antonio einfach tot geprügelt.

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Gert Schramm am ehemaligen Bahnhof von Buchenwald. Foto: Barbara Hartmann. München.

 

Aber einer wie Gert Schramm lässt sich nicht einschüchtern. Er ist stolz ein Deutscher zu sein, betont er und sagt es jedem, der es hören will oder auch nicht. Am wohlsten fühlt er sich im Kreise seiner Kameraden. Ob im Schützenverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ob als ehrenamtlicher Arbeitsrichter oder viel gefragter Zeitzeuge in Schulen. Gert Schramm ist immer für andere da. Für sein unermüdliches Engagement erhält er im April 2014 das Bundesverdienstkreuz.

„Aufgeben ist nicht“, sagte er einmal zu mir und lächelte vielsagend. Vor einigen Jahren erschien im Berliner Aufbau-Verlag seine Geschichte. Der Titel? Er passt zu ihm. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Mein Leben in Deutschland“. Das Buch ist vergriffen. Eine neue Auflage gibt es nicht mehr. Aber vielleicht ist sein Lebenswerk noch im Antiquariat zu erhalten. Lesenswert ist seine Geschichte auf alle Fälle und so spannend wie das ganze Leben von Gert Schramm. Überlebender von Buchenwald und Schützenkönig in Eberswalde.