Der Bass-Gott in der Eckkneipe – Marcus Miller

Die Schlange reicht bis weit auf die Straße. Die Karte kostet regulär fünfzig Euro. Die im Regen vor der Tür Wartenden hoffen auf ein Ticket. Für den doppelten Preis. Egal. Nur dabei sein! Statt Pop-Sülze und Kaufhaus-Jazz wird gleich einer der ganz Großen den Bass zelebrieren: Marcus Miller. Jedes Plätzchen im Berliner A-Trane ist schon Stunden vor Beginn besetzt. Starbariton Thomas Quasthoff hat sich eine Nische in der Ecke ergattert, Trompeter Till Brönner direkt bei ihm. Die Luft im Club steht. Ein Fan aus Warschau ist verzückt: „Ich habe ihn in Darmstadt, Lugano und Danzig gesehen. Da groovte er vor zwanzigtausend Besuchern. Und heute hier in diesem winzigen Club. Unglaublich. Er ist ein Gott.“

Dann kommt der Mann aus Brooklyn, der diskret im Hintergrund auf vielen hundert Studioalben Superstars wie Mariah Carey, Elton John, Bryan Ferry, Aretha Franklin, Al Jarreau, Frank Sinatra den Bass gespielt hat. Wie ein Vulkan legt er auf seinem Fender Jazz Bass los: knackig, schnörkellos und äußerst präzise! Miller schließt die Augen, streichelt, peitscht und treibt seinen Bass unermüdlich an. Der 56-jährige hält sie mal wie eine Pump Gun, dann umarmt er sie wie seine Geliebte. Der „Erfinder“ des Slapbass-Stils kürt  sein Instrument zum Solo-Star. Auf der Bühne ist er Herz und Hirn, die Musiker könnten seine Söhne sein.

Marcus Miller im Juli 2015 beim North Sea Jazz Festival:

 

„Als ich die ersten Songs geschrieben habe, waren die Jungs noch Babys“, sagt der UNO-Sonderbotschafter des Jazz. „Ach, sie waren noch gar nicht auf der Welt. Die Eltern haben sich bestimmt noch gestritten, ob sie wirklich Nachwuchs wollen.“ An diesem Abend ist der heimliche Star der junge Trompeter Maurice Bishop. Ein begnadeter Musiker, tänzelnd, abwechslungsreich, ein verschmitzter Faxenmacher. Seine Soli konkurrieren mit Millers Bass, laut, drängend, fordernd, pulsierend, wild, ungestüm.

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Marcus Miller in Berlin. Foto: Nick Becker

Die Marcus Miller Band ist wie ein Kraftwerk auf Hochtouren, kurz bevor alle Kessel explodieren. Das Sextett produziert Hochspannung. Es ist der Sound der Großstadt. Brooklyn in Berlin. Messerscharfe Soli auf Trompete, Sax und Gitarre. Es sind Duelle der anderen Art. Die Bläser spielen mal leichtfüßig, mal forciert. Dann halten sie die Luft an, blasen sich die Seele aus dem Leib. Marcus Miller antwortet und genießt diesen Abend. Über allem schwebt Miles Davis. Wenn es eine Botschaft an diesem Abend gibt, dann diese: Der Jazz lebt. Der kleine Club tobt, fordert Zugaben. Draußen vor der Tür hat es aufgehört zu regnen.

 

Am 14. Juli 2016 ist Marcus Miller wieder einmal in Europa. Gemeinsam mit Carlos Santana tritt er beim diesjährigen legendären Jazzfest in Montreux auf.

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