Der Blick des Nachbarn

In der Vergangenheit war die Zukunft auch schon mal besser. Bunter. Vielversprechender. Das kann erfahren, wer bereit ist, unvoreingenommen über den Gartenzaun zu schauen. Zum Beispiel nach Prag oder auch nach Bratislava. Tschechische und slowakische Fotografen schätzen die Momente, die das Leben ausmachen. Meist in Schwarz-Weiß. Als lieferten sie die Bilder für Milan Kunderas unübertroffenen Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. So entstehen Bilder in einem steten Wechsel aus Lebenslust und Melancholie. Motto: Wer mit dem Tod über das Leben verhandelt, der muss stark sein.

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Jan Zatorsky. Grenzübergang Röszke-Horgos. September 2015

Eine neue Ausstellung im Tschechischen Zentrum in der Berliner Wilhelmstraße zeigt eine Auswahl der besten Aufnahmen der letzten zwanzig Jahre aus dem Land der Schwejks und Vaclav Havels. Dabei ist das Tschechische Zentrum selbst eine Reise wert. Dieser Bau aus den späten siebziger Jahren im Stile des Brutalismus verkündete in seiner kantigen Formensprache ungebremste Zukunftseuphorie, gegossen in Stahl und Beton. Ein sozialistischer Zeitgeist-Klotz, der seinesgleichen sucht.

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Filip Singer. Kiew. Ukraine. Winter 2013. Fotografie des Jahres 2013.

Die Aufnahmen seien ohne staatliche Einflussnahme und völlig unabhängig ausgewählt worden, heißt es. Keine Propaganda oder Marketingaktion der Regierung wird versprochen. Tatsächlich fügen sich die Bilder wie Puzzlestücke zu einer eindrucksvollen Chronik unseres Nachbarlandes zusammen. Die Fotos erinnern an die großen Überschwemmungen um die Jahrtausendwende, an Prager Proteste gegen Globalisierung oder die dramatischen Stunden während der Flüchtlingskrise im vergangenen Sommer 2015. Die Kunst der Fotografen gibt nicht nur das Sichtbare wieder, sondern macht Dinge erst sichtbar. Es zählt der zweite Blick.

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Jarolsav Kucera. Proteste gegen Globalisierung. Prag. 2000.

Die Ausstellung „Best of Czech Press Photo“ ist den ganzen Sommer über bis zum 2. September 2016 in der Galerie TZB im Tschechischen Zentrum in Berlin-Mitte (Wilhelmstraße 44) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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