Lieber Luther

Am Anfang waren viele Worte – auf Deutsch. Die Bibel. Und dann?  Aufbruch. Reformation. Religionskriege. Staatsdoktrin. Im Gepäck: Deutsche Tugenden wie Arbeit, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit. Deutschland wurde so protestantisch geprägt wie kaum ein anderes Land der Erde. Und heute? Lutherland ist abgebrannt. Es gibt kaum eine Region in der Welt, die so vollumfänglich säkularisiert – sprich: entkirchlicht – wurde wie Luthers Heimat zwischen Eisenach und Wittenberg. Kirche, was war das noch?

Dennoch hat dieser aufbrausende gottesfürchtige Bibel-Mann aus Eisleben, der an Hexen glaubte, die deutsche DNA geprägt wie kein anderer. Bis heute. Die Deutschen sind fleißig, sparsam und obrigkeitsgläubig. Sie sparen wie die Weltmeister, kaufen keine Aktien, sind Überstunden-Rekordhalter, verfügen über das dichteste soziale Netz und lesen nach wie vor am längsten und intensivsten Bücher. Wenn auch nicht mehr Luthers Bibelübersetzung.

 

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Martin Luthers großes Werk. Die Heilige Schrift auf Deutsch.

 

88% der Deutschen geben an, gerne zu arbeiten. Da ist er der Luther, der postulierte, Arbeit sei keine Strafe sondern sinnerfülltes Tun. Aus Beruf machte er Berufung, aus Musik eine Mission. Sein Verdienst: Protestanten haben ein höheres Bildungsniveau als Katholiken und am Ende des Tages im Durchschnitt auch mehr in der Tasche. Zufall? Nein, sagen Luther-Forscher. Die Gemeinwohlorientierung habe er ins deutsche Gen hineingeimpft. Ob in der Rolle eines Dieners des Herrn oder des Fürsten, das spielt längst keine Rolle mehr. Heute ist es der Betrieb, die Bürgerinitiative oder einfach „die Sache“, für die sich die liebe Seele aufopfert.

 

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Wittenberg an der Elbe. Die 500-Jahr-Feiern sollen nächstes Jahr „Mut machen: Anders zu sein. Mut zu motivieren und zu inspirieren. Sich zu erneuern. Sich infrage zu stellen.“

 

Die angesehensten Berufe sind daher in Deutschland seit vielen Jahren keineswegs Ärzte, Manager oder Ingenieure, sondern in dieser Reihenfolge: Feuerwehrmann, Altenpfleger und Krankenschwester. Auf Platz 6 folgt der Müllmann, übrigens mit großem Abstand vor Wissenschaftlern, Politikern oder Journalisten. Luther hat das Aufopfern und Dienen einer Sache übrigens genauso salonfähig gemacht wie den Antisemitismus.

Nächstes Jahr möchte die Evangelische Kirche 500 Jahre Luther ganz groß feiern. Manche träumen von einer zweiten Reformation. Dazu mobilisiert die EKD im Atheisten- Eintopf- und Besorgte-Bürger-Land alle Kräfte. „Ich und Luther 2017 – Am Anfang war das Wort“ lautet die Parole. Ob neue Seelen in den Kasten springen oder gewonnen werden können, steht auf einem anderen Blatt. Diese Geschichte ist noch nicht geschrieben. Der Ausgang völlig offen.

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