Stadt der Zwerge

Wer genauer hinschaut, kann sie überall entdecken. 300 kleine Zwerge bereichern das Zentrum von Wroclaw. Mal versteckt, mal offen, jedoch stets aus Bronze. Musiker-Zwerge, Feuerwehrzwerge, deutsche und polnische Gartenzwerge: gemeinsam vereint, beim Feiern des Mauerfalls. Wo? In Breslau, der Stadt der Zwerge. Zudem für drei Monate noch Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, die heiter stimmt, trotz der traurigen Geschichte.

 

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In Breslau lebt Europa. Bis Ende des Jahres ist die polnische Großstadt noch amtliche Kulturhauptstadt Europas.

 

Eine polnische Stadt als offizielle Kulturmetropole Europas. Geht das denn? Die Breslauer müssen nicht lange überlegen. Sie fühlen sich allein durch die Frage geradezu beleidigt. Im Gegensatz zu Warschaus Eliten und den Menschen auf dem flachen Land, wo die EU verdammt und verteufelt wird, steht das junge Breslau für Europa. Jeder vierte Bewohner der traditionsreichen niederschlesischen Metropole ist Student. Die Stadt lebt, feiert, ist modern und kreativ, gibt sich wie Berlin. Arm aber sexy. Die polnische Variante.

Jenseits des offiziellen Kulturprogramms mit Literatur, Klassik, Jazz und Happenings aller Art gibt es auf jedem Schritt eine Stadt zu entdecken, die widersprüchlicher nicht sein kann – im besten Sinne. Prächtig restaurierte Barockhäuser, preußischer Gründerzeitpathos,  Klassiker der Moderne, Werkbundsiedlungen und heutige Investorenarchitektur konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Ein faszinierender Mix der Epochen und Stilrichtungen auf engstem Raum.

 

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Klassiker der Moderne. Das Kaufhaus Petersdorff. Architekt: Erich Mendelsohn. 1927-28.

 

Das alte Breslau ging 1945 mit dem fanatischen NS-Gauleiter Erich Hanke in Schutt und Asche unter. Die Innenstadt war zu 85% zerstört. Die Bevölkerung wurde komplett ausgetauscht. So entstand zunächst das sozialistische Wroclaw mit stalinistischen Bauten, nach 1989 das heutige Breslau mit Konzerthäusern, Unibauten der Extraklasse aber auch unvermeidlichen Shoppingmalls.

 

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Wer ganz genau hinschaut, entdeckt nicht nur Satellitenschüssel. Sondern auch Jugendstil-Ornamente aus dem Jahre 1904. Gesehen in der Ohlauer Vorstadt.

 

Die Geschichte mit den Zwergen hat einen historischen Hintergrund. Mitte der achtziger Jahre – in den bleiernen Jahren des dahinsiechenden Realsozialismus – forderten junge Künstler die Staatsmacht heraus. Mit einfachen aber wirkungsvollen Graffitis. Sie sprühten kleine Strichmännchen-Zwerge an die Wand. Mit Witz und Zipfelmützchen machten sich die Gnome über die Oberen lustig. Gegen so viel Ironie und Bissigkeit war der Staatsapparat hilflos. Heute sind die bronzenen Zwerge ein dankbarer Anziehungspunkt für Touristen, aber auch satirischer Kommentar zur aktuellen Weltenlage.

 

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Ohlauer Vorstadt gleich gegenüber. Das moderne Breslau. Projekt: Angel City.

 

Kein Zweifel. In Breslau/Wroclaw lebt Europa. Noch bis Jahresende ist die 600.000 Einwohnerstadt Europäische Kulturhauptstadt. Und ein Wochenende allemal wert.

 

2 comments

  • Renate Cornu

    Guten Tag

    Ich finde diese Gartenzwerge super und wuerde gerne wissen wo man diese kaufen kann?

    Vielen Dank im voraus und mfg

    Renate

    • CLaepple

      Liebe Renate,
      die Zwerge waren die heimlichen Stars 2016, als Breslau/Wroclaw europäische Kulturhauptstadt war. Dort gab es sie in Souvernirshops.
      Vielleicht sind sie auch im Netz zu finden.
      Viel Erfolg!

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