Schweine verboten

Wir scheiben das Jahr 2016. Der neue doppeltrotgrüne Senat hat ein Vorzeigeprojekt. Berlins Prachtstraße Unter den Linden soll wieder ein Bummel-Boulevard werden. Autofrei auf knapp anderthalb Kilometern. Eine Flaniermeile wie zu Fontanes Zeiten. Schon Kaiser Wilhelm II. erklärte vor gut einhundert Jahren: „Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung“.

Apropos Verkehr wie zu Kaisers Zeiten. Auch Pferdedroschken sollen künftig verboten werden. Was die Touristen lieben, sei reine Tierquälerei, erklären die Verantwortlichen von SPD, Linkspartei und Grünen. Obwohl es künftig keine stinkenden, lärmenden Automobile mehr auf den Linden geben soll. Spätestens 2019. Das ist der große Plan. Rechtzeitig zur Fertigstellung des neuen Schlosses, genannt Humboldt-Forum. Dann kann der Berlin-Besucher lärm- und abgasfrei von der Schlossbrücke bis zum Brandenburger Tor promenieren. So das Versprechen.

 

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Sackgasse Brandenburger Tor. Die Linden sollen ab 2019 autofrei werden.

 

Unverzüglich regt sich in Berlin heftiger Widerspruch gegen solche Pläne. Das sei „Unsinn“ stöhnen Stadtplaner, „einer Großstadt unwürdig“, die Linden würden nur „mit drittklassigen Stadtmöbeln und Aufstellern zugemüllt werden“. Völliger Quatsch meckern Vertreter der Autoclubs. Die Innenstadt ersticke im Stau. Doch Berlin soll nun gleichfalls autofrei werden wie der Times Square in New York oder das Seine-Ufer in Paris.

Die Linden existiert nun gut vierhundert Jahre. 1573 befahl Kurfürst Johann Georg einen Reitweg anzulegen. Es dauerte fast ein Jahrhundert bis 1706 mit dem Zeughaus das erste größere Gebäude fertiggestellt wurde. Dessen innerer Ausbau dauerte weitere 36 Jahre. Gleich darauf – 1707 – erließ Friedrich I. ein Gesetz, nach dem jeder Linden-Anwohner Hausschweine nur noch im Stall halten durfte. Der Grund: Schweine wühlten mit Hochgenuss den Boden der Linden auf.

 

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Unter den Linden 1691.

 

Der Kaiser verabschiedete 1880 ein spezielles Lindenstatut. Die Höhe der Bauwerke wurde auf 22 Meter begrenzt, die Straßenbreite mit 60 Meter festgelegt und die Mindestanzahl der Linden mit exakt 297 vorgeschrieben. Für Fußgänger gab es eine öffentlich heiß diskutierte Kleiderordnung. Soll es nun heute wieder so Biedermeier gemütlich werden wie auf alten Stichen? Die Damen mit Hüten und Herren im Gehrock? Heute kaum vorstellbar.

 

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Unter den Linden um 1900.

 

1905 fuhren die ersten motorisierten Omnibusse die Flaniermeile entlang. Dann eroberte das Auto die Straße. Die Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße verwandelte sich zum chaotischsten Knotenpunkt Berlins. Die Verkehrspolizisten tauschten die Trillerpfeife gegen Trompeten aus.

 

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Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße. Anfang 1900. Trompeten statt Trillerpfeifen.

 

In den letzten hundert Jahren erlebten die Linden Glanz, Gloria, Großmannssucht und alle Gräuel deutscher Geschichte. Siegesparaden, Bomben, Zerstörung, Teilung. Durch die Mauer wurden die Linden verkehrsberuhigt und zur „repräsentativsten Sackgasse der Welt“. Seit der Wende streiten sich nun Planer und Politiker über die Zukunft des Verkehrs. Erst wurde das Brandenburger Tor für Autos geöffnet, dann wieder geschlossen. Seit Jahren wird eine U-Bahn in den märkischen Sand gebuddelt. Das Datum der Fertigstellung ist gegenwärtig so unklar wie das des legendären Berliner Flughafen. Manche Dinge dauern in Berlin halt länger.

 

ADN-ZB/Donath Berlin 1946 Auch in der Straße Unter den Linden wurden sogenannte Trümmerbahnen eingesetzt, die den Schutt zerstörter Häuser abfahren. Im Hintergrund das Brandenburger Tor.

Unter den Linden 1946. Als die Stadt ein Schutthaufen war. Trümmerbahn.

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