Ins Offene!

Was für Zeiten! Das Weltenende nah? Der Dichter Hölderlin rief einmal in Zeiten großer Not: „Komm! Ins Offene, Freund.“ Der Gang aufs Land sei allemal besser als in der privaten Nische zu verfaulen oder im Clinch mit einer kaputten Welt zu verglühen. Stadtflucht und Landlust sind ein Wesensmerkmal der modernen, entwurzelten Gesellschaft. Gerade in Zeiten von Terror, Gewalt und Globalisierung suchen immer mehr Menschen einen sicheren Rückzugsort. Fort aus den Städten, hinaus aufs Land – zu Ackerbau und Viehzucht, Piepmätzen und Blumenkohl.

 

Jeder zweite Deutsche träumt vom Landleben – ohne Termine, Handyklingeln und Hektik.

 

Seit langem verbreitet sich diese Landlust-Schwärmerei. Die Biomärkte sind rappelvoll, Kirchen dagegen leer. Die Sehnsucht nach Landleben ist zu einer Art-Ersatzreligion geworden. Bioprodukte haben zugleich viel mit sozialer Abgrenzung zu tun. Damit kann sich der moderne Mensch selbst optimieren. Früher war die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, heute arbeiten beispielsweise gerade noch drei Prozent der Brandenburger in der Landwirtschaft. In den frühen Neunzigern waren es noch knapp sieben Prozent. Die früheren Agrargebiete sind längst ein Land ohne Landwirte, ein Bauernland ohne Bauern geworden.

 

Wer kann noch Roggen von Gerste unterscheiden?

 

Landschaft und Natur werden auf die Rolle puren Freizeitvergnügens reduziert. Auslaufgebiete für Großstadtmüde. Ansiedlungsflächen für Golfplätze und Wellness-Center. Kinder wissen heute viel über Klimawandel und CO2, können aber Roggen nicht von Gerste unterscheiden. Wer könnte heute im Freien eine Woche überleben? Nur die wenigsten. Viele haben es lieber wärmer und bequemer. Aber natürlich mit Smartphone und W-Lan. Wer das Landleben nicht mehr kennt, erkennt auch nicht mehr, welche Gefahren der Natur aus menschlichem Handeln drohen. Wie wir in atemberaubend kurzer Zeit das, was die Erde in Millionen Jahren produziert hat, verbrauchen.

 

Eine ganze Branche bedient den Traum vom einfachen Landleben.

 

Was nun? Paradise Now. Den Garten Eden sofort! Wie einst Hölderlin und Hegel hofften die 68er auf einen grundlegenden Wandel. Diese Generationen tauschten wie die 89er ihre Hoffnung auf eine erneuerte Gesellschaft mit der nachfolgenden tiefen Enttäuschung. Von den großen Utopien blieb bei vielen nur die kleine Landflucht. Erst die Toskana, dann die Uckermark. Andere kamen nur bis zur Parzelle in der nächsten Laubenkolonie. Übrigens für Heimat gibt es im Französischen keine Übersetzung. Genauso wenig wie für das deutsche Wort Schadenfreude. Bestimmte Dinge müssen wir schon selbst regeln.

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