Der neue Mensch

„Revolutionär“. Die Russische Revolution wird hundert Jahre alt. „Das Alte, Morsche, Dekadente ist zerstört, das Neue wird gewagt.“ So viel Aufbruch war nie. In kürzester Zeit entluden sich in der Kunst ungeahnte Kräfte, Konzepte und Konstruktionen. An der Schwelle vom untergehenden Zarenreich zur neuen sozialistischen Gesellschaft war in Russland alles möglich. Eine hochproduktive kurze Zeitphase bis die stalinistische Kulturpolitik Ende der zwanziger Jahre alle Blütenträume einebnete und erstickte.

 

Boris. Grigorjew. Paar, Dieb und Prostituierte. 1917

 

Die Kunstsammlung Chemnitz zeigt aus diesem Anlass derzeit rund vierhundert Leihgaben aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov. Die Werke von 110 Künstlern umfassen Gemälden, Zeichnungen und Grafiken. Hinzu kommen Architekturmodelle, Vorarbeiten für Theaterdekorationen, Entwürfe für Bucheinbände, Plakate oder Porzellan. Die Auswahl erstreckt sich auf die Jahre 1907 bis 1930, also die Zeit vor, während und nach der Oktober-Revolution vom Herbst 1917.

 

Kasimir Malewitsch. Bauer beim Wassertragen. 1920

 

„Zwischen 1905 und 1920 erschütterten Revolutionen, Krieg und Bürgerkrieg das alte Zarenreich“, heißt es im Chemnitzer Ausstellungskatalog. Eine ganze junge Künstlergeneration wagte „einen ästhetischen und visionären Aufbruch, der Vorbote und treibende Kraft kommender Veränderungen war und diese begleitete. In keinem anderen europäischen Land verband die Avantgarde so unmittelbar Kunst und soziales Engagement.“

 

„Sozialistischer Realismus“ der dreißiger Jahre.

Dieser spannende Aufbruch in die Moderne begeistert. Mut, Größe und Tatkraft bestimmten diese kurze Epoche, als der Kunst freie Flügel wuchsen. Ein schmaler Horizont, bis Funktionäre die Zügel wieder anzogen und den Kunstbetrieb regelten. Bald wurden die Avantgardisten angefeindet, abgehängt und ins Exil abgedrängt.

 

Kunst als Waffe. Ein typisches Werk aus der Stalin-Ära.

 

Wer blieb, musste sich anpassen oder wurde verboten und verfolgt. In den dreißiger Jahren etablierte sich das Prinzip Kunst als Waffe. Nicht mehr die eigene Kreativität bestimmte das Handeln, sondern Auftragskunst setzte sich durch, dominiert von der Partei. Propaganda-Kunst, die auch heutzutage allerorten wieder Konjunktur hat. Ob vom Markt oder von Mächtigen bestimmt.

„Revolutionär. Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“. Kunstsammlungen Chemnitz. Bis zum 12. März 2017

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