Verordnete Trauer?

„Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Björn Höcke, beurlaubter Geschichtslehrer, Vordenker und Lautsprecher der AfD erhielt johlenden Beifall in Dresden, der deutschen Hauptstadt der Wutbürger. Was folgt? Die Schande Holocaust-Mahnmal abreißen? Planieren, um genau dort die „Altvorderen, die bekannten, weltbewegenden Philosophen“ und „Musiker“ aufzustellen? Schiller und Beethoven?

Höcke attackierte den Zeitgeist eines „brutal besiegten Volkes“ wenige Tage vor dem 75. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Dort fand die bürokratische Absegnung der Endlösung für elf Millionen europäische Juden statt. Fünfzehn hohe Vertreter von SS und Regierung unter Leitung von Reinhard Heydrich (Chef des Reichsicherheitshauptamts) trafen sich in der luxuriösen Villa zum Frühstück. Sie unterzeichneten ein Protokoll. Danach trank die Herrenrunde französischen Cognac.

 

Protokoll der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942: „Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“.

 

Der Lehrer für Geschichte Björn Höcke weiter: „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß` Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ Am Berliner Wannsee frieren in einem aufgestellten Zelt vor der historischen Villa, heute ein Gedenkstätte, derweil rund 200 Gäste bei der Erinnerungsstunde. Die Redner, allesamt hochrangige Vertreter des Staates, klagen die damalige „moralische Bankrotterklärung“ an. Bundestagspräsident Lammert betont besorgt, der Antisemitismus sei nicht ausgerottet, das Thema keineswegs erledigt.

 

Auschwitz-Birkenau.

 

Verordnete Trauer? Verschenkte Zeit? Rituale der „dämlichen Bewältigungspolitik“? Dann ergreift Otto Dov Kulka das Wort. Ein kleiner, alter Mann, fast Mitte achtzig, hellwache Augen. Er verbrachte fast zwei Jahre seiner Kindheit in Auschwitz. Da war er zehn Jahre alt. Er berichtet von einem älteren Mann, Imre hieß er, der den Kindern „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter beibrachte. Kulka, heute Professor für Geschichte in Jerusalem, beginnt die Ode zu summen. Erst leise, dann immer deutlicher: „Freude schöner Götterfunken…“

 

 

„…Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Imre begleitete die Kleinen vom Kinderblock auf der Mundharmonika. Schiller und Beethoven, die altvorderen Dichter und Denker in Sichtweite der rauchenden Krematorien. War es Protest? Das Beharren auf jenen unveräußerlichen Werten, die gerade in den Flammen verrauchten? Oder „ein Akt von extremem Sarkasmus“? Professor Kulka schaut fragend in die Runde. Eine Antwort gibt er nicht.

 

Otto Dov Kulka. Jahrgang 1933. The Hebrew University of Jerusalem.

 

Vor einigen Jahren veröffentlichte der Auschwitz-Überlebende Otto Dov Kulka sein Lebenswerk. Es heißt Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft. In einem Interview wurde er gefragt, ob Menschen aus der Geschichte lernen würden. Kulkas Antwort: „Wir dürfen nicht aufhören, Erklärungen zu finden für den Verlauf der Geschichte, denn so etwas wie die Vernichtung der Juden kann wieder passieren.“

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