Der Himmel über Potsdam

Die Tischgesellschaft ist erschöpft, müde, ratlos. Schweigen. Alles vorbei? Alles vergeblich? In der Mitte des Tisches stiert eine Frau im gelben Kleid ins Leere. Sie markiert den Mittelpunkt wie einst Jesus bei Michelangelos Abendmahl. Abend über Potsdam heißt das Ölgemälde. Eine Momentaufnahme über den Dächern der Stadt. Festgehalten im Herbst-Winter 1929/30 für die Ewigkeit. Der Himmel über Potsdam ist grau. Bedrohlich. Ein spätes Sommergewitter zieht auf.

Die Berliner Malerin Lotte Laserstein transportierte im September 1929 eine lange Holztafel mit einer Pferdekutsche nach Potsdam. Um einen provisorischen Tisch versammelte sie Freunde. Schauplatz eine Dachterrasse in der Gregor-Mendelstraße. Am Horizont sind Nikolaikirche und die noch unzerstörte Garnisonkirche über Preußens Heimstatt zu erkennen. Die Freunde schweigen sich an, schauen sich nicht an, als hätten sie sich nichts mehr zu sagen. Kein Wort. Kein Lächeln, nichts. Auf dem Tisch ein paar Früchte und Brot. Zu ihren Füßen döst ein Hund. In Wartestellung ein paar Weinflaschen.

 

Abend über Potsdam. 1929/1930. Seit 2010 wieder im Besitz der Nationalgalerie Berlin.

 

Während Lotte in ihrem Atelier akribisch Monat für Monat an ihrer melancholischen Balkongesellschaft arbeitet, verändert sich das Land. Die Nazis erringen ihre ersten Wahlerfolge. Wut, Hass und Fanatismus werden salonfähig. Straßenkämpfe, Arbeitslosigkeit und Not nisten sich im Alltag ein. Die vielgepriesene bürgerliche Moral löst sich scheibchenweise auf. Angst, Abschottung und Ignoranz ziehen auf. Überall. Auch in Potsdam.

 

Lotte Laserstein. (1898-1993) Vergessen, verdrängt, wiederentdeckt.

 

Lotte Laserstein setzt dem aufziehenden Unheil ein künstlerisches Denkmal. Abend über Potsdam verkörpert Ratlosigkeit, Ohnmacht und das beredte Schweigen der Mehrheit. Lotte ist Berliner Jüdin. Sie kann 1937 nach Schweden flüchten. Ihr Bild, das sie „Meine Freunde“ nennt, nimmt sie mit. Sie wird nie mehr in ihre Heimat zurückkehren. 1993 stirbt Lotte Laserstein. 2010 kehrt das Potsdam-Porträt nach Deutschland zurück. Die Berliner Nationalgalerie hatte das vergessene Meisterwerk angekauft. Zurzeit ist es im Depot gelagert. Leider.

 

Schloss Babelsberg. Architekt: Carl Friedrich Schinkel. Jetzt wieder eröffnet. Preußens Glanz und Gloria blüht wieder auf.

 

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater versucht sich in einer Theaterfassung am Abend über Potsdam. Eine verdienstvolle Wiederentdeckung, auch wenn die Kritiken bislang eher zwiespältig sind. Wichtiger wäre jedoch, das visionäre Bild von Lotte Laserstein endlich wieder der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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