Die Schönheit der Lüge

Ohne Lüge geht nichts. Nicht in der Politik, in der Familie, im Alltag. Lügen ist der wirksamste Schutz, wenn es eng wird. Familien und Partnerschaften wären dem Untergang geweiht, gäbe es keine Lüge. Das gilt genauso für Beruf, Politik oder Staaten. Eine Welt ohne Lügen gibt es nicht. Dumm nur: Eine Welt, in der die Lüge hoffähig ist, müsste genauso untergehen. Es wäre gleichfalls die Hölle auf Erden.

René Margritte hat dieses Spannungsfeld fasziniert. Der belgische Maler gilt als Meister des Surrealismus. Wahrheit und Lüge sind für ihn Materialien. Was ist Realität? Was sind Illusionen? Niemand weiß es. Es ist immer das, was wir am Ende glauben wollen. Die Welt als Bild unserer Vorstellung. Margritte bewegte sich genau auf dieser dünnen Erkenntnislinie wie ein Hochseilartist ohne Netz und doppelten Boden. Margritte malt: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?

 

René Margritte. 1898-1967.

 

Die Kunst der Täuschung. Die Schönheit der Illusionen. Das ist die Methode Magritte. Er verstand sich nicht als Künst­ler. Er wollte als denken­der Mensch seine Fragen ans Leben stellen. Seine Ideen setzte er in Male­rei um. Schon Picasso sagte: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“

Wahrheit ist das, was der Einzelne dafür hält oder was gerade der Meinung der Machthaber oder der Mehrheit entspricht. „Es gibt genauso wenig eine hundertprozentige Wahrheit wie einen hundertprozentigen Alkohol“, notierte Sigmund Freud an den Schriftsteller Stefan Zweig. Wenn es im Leben kritisch wird, steht der Selbsterhaltungstrieb über dem Wahrheitsgebot. Obwohl jeder weiß, dass Wahrheit das Wertvollste ist, was es zwischen Menschen gibt.

 

 

Was ist Schein? Was ist Sein? Antworten von  René Magritte. Der Verrat der Bilder. Die Ausstellung  in der Frankfurter Kunsthalle Schirn – noch bis zum 5. Juni 2017.

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