Magische Momente

Eine Koreanerin in Europa. Eine von vielen. Fleißig, wohlerzogen, unscheinbar. Ihr Name: Youn Sun Nah. Die junge Frau soll in Paris französische Literatur studieren. Das wünschen sich die Eltern. Die Tochter aus Seoul pariert und parliert los. Doch vielmehr als die Sprache fasziniert sie das Leben und besonders europäische Musik. Savoir vivre. Nun will sie Klassischen Gesang studieren. Beethoven Chopin und Schubert, gerne auch Brel und Piaf. Der Dozent rät ab. Sie sei zu alt. Sie könne es ja mit Jazz und Chanson versuchen. Ein Glücksfall. Denn die 25-jährige Youn Sun Nah erobert eine Neue Welt – die des Jazz. Unbekümmert, konsequent und voller Energie. Eine Kostprobe aus Havanna 2017.

 

 

Youn Sun Nah ist ein Stimmwunder und längst eine atemberaubende Jazz-Interpretin. Die Sängerin ist in einer koreanischen Musikerfamilie aufgewachsen, die das Schicksal ihres Landes teilt. Der Vater, ein Dirigent, ist in Nordkorea geboren. In Seoul wird sie in neunziger Jahren gefragt, ob sie bei einem Casting für ein Musical mitmachen möchte. Worum es geht, fragt Youn. Um die Linie 1. – Nie gehört! Der weltberühmte Berlin-Klassiker aus dem frisch vereinten Deutschland soll im geteilten Korea zum ersten Mal auf die Bühne gebracht werden. Youn setzt sich als singende Göre durch, erhält die Chance und nutzt sie. Viele Jahre brilliert sie als koreanische Stimme des Berliner Grips-Theaters und rattert mit der Linie 1 in höchsten Tönen durch den Untergrund.

 

 

Mit dem schwedischen Gitarristen Ulf Wakenius entwickelt sie in den Nullerjahren ihren eigenen Stil. Klassiker des Chansons und des Pops interpretiert sie neu – auf ihre Youn Sun Nah-Art. Frech, frisch und frei von falschen Allüren. Die bescheidene Künstlerin wandelt traumwandlerisch sicher zwischen Genres, Kulturen und Kontinenten. Sie legt innerhalb weniger Jahre mehrere Alben vor, in der sie zu einer der Größen des Jazz reift.

 

 

Auf der Bühne ist sie in ihrem Element. Mittlerweile tourt sie mit einer neuen Band aus den USA. Ihr Titel Momento Magico ist live ein Ereignis der Extraklasse. Ohne Pathos, aber mit viel Präzision, Witz und Tempo. Die Kritik überschlägt sich. Die mittlerweile 47-jährige Echo-Preisträgerin gehöre „zu den besten Sängerinnen unserer Zeit“. Im persönlichen Gespräch wirkt sie immer noch wie eine junge Studentin. Still, höflich, zurückhaltend. Wie ein zerbrechliches Wesen, das seinen Platz auf der Welt noch sucht. Doch sobald sie die Bühne betritt und die Band den Groove vorgibt, dann strafft sich der kleine Körper der Youn Sun Nah und sie wird eine ganz Große. Wie einst Edith Piaf in Paris.

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