Alle meschugge?

Paul Levite ist eine total verkrachte Existenz. Er war Vertreter, Callcenter-Verticker und Drücker für Finanzmodelle. Aber er hat ein unnachahmliches Talent: er kann Menschen besoffen reden. Ein Pfund, mit dem er wuchern will. Denn er hat die Nase „von denen da oben“ gestrichen voll. Er will alles fürs Volk ändern, Karriere machen. So schließt er sich der aufstrebenden rechtspopulistischen Bewegung an. Levite legt einen kometenhaften Aufstieg bis ins Kanzleramt hin.

 

Da will er rein. Ins Kanzleramt. Der Führer der Rechtspopulisten Paul Levite. Ein jüdischer Provinzpolitiker aus Hessen.

 

Ein Märchen? Eine Seifenoper? Realsatire, reif für die Heute-Show? Ja und doch viel mehr. Die Geschichte von Paul ist einfach meschugge. Sie geht so: Der neue Kanzler ist ein jüdischer Bub aus Offenbach. Talent, Ehrgeiz und unbedingter Machtwille katapultieren ihn an die Spitze der neuen Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei (DNMP). Die Populisten koalieren nach einer gewonnenen Bundestagswahl 2019 mit den Linken, genannt – Die Deutschen Realsozialisten (DDR). Gemeinsam jagen die Wutbürger die alte verhasste Elite der Großen Koalition aus dem Amt.

Ausgedacht hat sich diesen Plot Rafael Seligmann. Er ist Politikwissenschaftler und Publizist. Ein Berufs- oder Quotenjude sei er nicht, sagt er gleich. Er beschäftige sich als Autor, Historiker und Chefredakteur mit der Gegenwart. Das treibe ihn um. Natürlich ist die Geschichte vom Aufstieg des jüdischen Kleinbürgers Levite eine bittere Satire auf den heutigen Politbetrieb. Aber undenkbar? Seligmann winkt ab. Vergessen werde, dass Marine Le Pen in Frankreich 34 Prozent der Stimmen erhalten habe. In seinem Roman hätten es die Rechtspopulisten gerade mal auf 27% geschafft. Seligmann: „Die Wirklichkeit ist immer radikaler als das, was die menschliche Fantasie sich ausdenken kann.“

 

Rafael Seligmann. Autor, Historiker, Chefredakteur: „Die Realität überholt längst jede Satire“

 

So führt der ehrgeizige Levite die Rechtspopulisten in den Kampf mit Flüchtlingsströmen und gegen die NATO. Er trommelt für patriotische Gesinnung und deutsche Werte. In seiner Regierungserklärung redet er sich in einen wahren Rausch. Er schafft den Soli ab. (Beifall) Er wettert gegen Islamisten. “Die Scharia mag in Iran Geltung besitzen. In Deutschland greift ausschließlich deutsches Recht.“ Der Beifall explodiert. Er setzt den entscheidenden Punkt: „Wer als Ausländer gegen deutsches Recht verstößt, wird unnachsichtig ausgewiesen werden.“

Das Volk jubelt. Levite ist fest davon überzeugt, dass Menschen privat wie politisch unbelehrbar sind. Macht ist für ihn Lebenssinn. Seine einzige Schwäche ist typisch für einen Machtmenschen wie ihn. Eitelkeit gewinnt allzu schnell über instinktive Vorsicht. Lebensfremd? Von wegen. Seligmann ist eine bitterböse Satire gelungen. Politik ist für Seligmann kein Streichelzoo. Politik ist viel mehr routinierte Heuchelei. In hellen Momenten kann Politik vielleicht „die Kunst des Möglichen“ sein. Bismarck lässt grüßen.

 

Sind alle meschugge? Alltag oder Satire?

 

Sind alle meschugge? Vielleicht, lächelt Seligmann. Übersetzt aus dem Hebräischen bedeutet meschugge leicht verrückt. Warum also nicht? Ein Jude als Kanzler. Dieser redet sich nach oben und besiegt den Antisemitismus mit den Mitteln von Stammtisch und Antiislam-Parolen. Ist das die deutsche Zukunftsvision in Zeiten von Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan?

 

Rafael Seligmann. Deutsch. Meschugge. Transit, 2017.

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