Letzte Ruhe

Ein Sonntagmorgen im August. Heinz werkelt im Hof des kleinen Anwesens. Ein einfaches Büdnerhaus im Brandenburgischen. Hinterm Schuppen ein paar Hühner, auf der Wiese einige Ziegen. Ich rufe ihm zu und frage, wie es der Frau Mutter gehe. Missmutig nähert sich der Anfang Sechzigjährige. „Sie ist tot.“ – Wie, frage ich ahnungslos nach. Heinz knurrt: „Ja, lieste keine Zeitung?!“

Dann erzählt er, seine Mutter sei im Dezember letzten Jahres hier im Haus verstorben. Er habe sie bis zum Schluss gepflegt. „Das Herz wollte nicht mehr. Ein Vierteljahr war sie im Krankenhaus. Dialyse und all der Quatsch. Sie wollte nicht mehr. Nur noch nach Hause.“ Heinz fixiert mich. Dann geht sein Blick ins Leere. „Nach Steinwehrsruh, nach Hause wollte sie immer noch einmal hin. Aber wie denn? Wir haben doch kein Geld!“

 

Louis Busman 1997

 

In So viel Anfang war nie beschreibe ich die einfache Landfrau Marie. Mutter von acht Kindern. Ein Flüchtlingskind. Mit 15 Jahren vertrieben aus ihrer Heimat. Ihr Zuhause war rund zweihundert Kilometer weiter östlich. 1945 musste sie mit nichts als einem guten Willen komplett neu anfangen. Geblieben waren ihr ein Bündel mit wenigen Habseligkeiten und ein Sack voller Erinnerungen. Ich traf Marie im August 2010 in ihrer kargen Küchenstube. Im Buch heißt es:

 

„Die Küchenuhr tickt. Marie Herres wirkt müde und erschöpft, aber eines will sie doch noch loswerden. Das Leben habe es nicht gut mit ihr gemeint. Vielleicht sei sie nicht die beste Melkerin gewesen, aber sie habe acht Kinder großgezogen. Ihr Mann konnte einen Hof nicht führen, sei ein Totalausfall gewesen. Ständig litt er an Krankheiten, trank, verlor ein Bein und starb früh. Marie Herres atmet tief durch. Über sechzig Jahre sei sie nun hier und fühle sich doch so fremd.

 Ich will es kaum glauben. So ein Dorf hat eigene ungeschriebene Gesetze. Wer hier neu anfängt, lernt sie eines Tages kennen. Meist ist das sehr schmerzhaft. Einheimisch wirst du vielleicht in der zweiten oder dritten Generation, meint Marie Herres. Am Ende antwortet sie kurz und knapp: „Ich bin nicht freiwillig hier. Wir hatten ein so schönes Haus in Steinwehrsruh. Dort ist mein Zuhause. Dort will ich begraben werden.“

 

Maries letzte Reise.

 

Marie liegt nun auf dem Friedhof gleich nebenan. Dort hat sie ihre letzte Ruhe gefunden, neben ihrem Mann. Obwohl sie viel lieber in ihrer Heimat begraben sein wollte. Sohn Heinz verschränkt die Arme. „Nun ist es eben so!“ Wie es ihm gehe, frage ich noch. Er brummt, von „der Euro-Rente“ könne er nicht leben. „Lausig. Kannste Vergessen!“ Grundsicherung. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben. Seinen 45er hat er noch. „Den lass ich mir nicht nehmen. Der ist versteckt, dass er nicht geklaut wird.“ Es ist sein Moped-Kleinwagen, mit dem er nicht schneller als 45 Km/h fahren kann. Was wird, will ich wissen. „Mist. Was soll das Ganze noch?“ Heinz zuckt mit den Achseln. Dann zieht er sich zurück über den Hof in sein kleines Haus.

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