Stadt von morgen

Neu in Berlin? Auf Wohnungssuche? Viel Spaß. Der Traum von einer neuen Bleibe: Schwierig bis unbezahlbar. Eine Drei-Zimmer-Wohnung im Berliner Zentrum liegt bei 2.000 Euro. Busfahrer, Polizisten und Krankenschwestern sind ohne Chance. Ein WG-Zimmer für 650 Euro. Nur etwas für den Nachwuchs der Besserverdienenden. Wer ändert das? – Wir, versprechen die Parteien, dann wird´s besser.

 

Kontraste. Alt -neu. Günstig – abgehoben.

 

Wenn Wohnen oder Kaufen in den Innenstädten zum Luxus wird. Dann ist Zeit über Alternativen nachzudenken. Wir blättern in Schriften und Archiven, finden diesen Aufruf:

„Vorspruch. Unsere Städte sind für eine frühere Zeit und die damals gültigen Lebensbedingungen der Menschen gebaut. Mit der fortschreitenden Entwicklung unserer „technischen Welt“ stimmen unsere Städte dabei immer weniger überein, sie funktionieren nicht mehr.

Wir erleben es täglich: Das Leben des einzelnen, das Dasein der Familie und der Gemeinschaft aller Bürger sind in dem nicht mehr passenden Stadt-Gehäuse in Unordnung geraten. Um das Leben in der Stadt wieder in Ordnung zu bringen, müssen wir daher heute die Stadt von morgen planen.“

 

Die Traumwohnung für „unter“ 200 Euro/Monat. Gesehen in Berlin-Charlottenburg

 

Was tun, fragen die unbekannten Autoren. „Unsere öffentlichen und privaten Mittel müssen nach einer Rangfolge verteilt werden, in der die Aufwendungen für Umgestaltung und Erneuerung unserer Städte an bevorzugter Stelle stehen. Wer Städte von morgen bauen will, muss die Nutzung ihres Bodens bestimmen können. Hierzu müssen neue Begriffe und neue gesetzliche Ermächtigungen geschaffen werden, deren Kernpunkt das Verfügungsrecht über den Boden ist.

 

Interbau-Broschüre von 1957 – wie soll die Stadt von Morgen aussehen?

 

Boden darf keine Ware sein, deren Verfügung im Belieben des Eigentümers liegt. Boden ist die Grundlage unserer Ernährung und unseres Bauens. Keine Angst vor Planung! Sie bedeutet nicht Planwirtschaft, sondern ist eine unentbehrliche Hilfe, um im engen Raum Freiheit und gesunde Lebensbedingungen für alle zu sichern.“ Am Ende heißt es: „Ob das geschieht, liegt auch in deiner Hand. Der Bauherr Deiner Stadt bist Du!“

 

Gebaute Utopie. Das Hansaviertel. Das Flagschiff – die Akademie der Künste. 1960.

 

Wer hat dieses Programm verfasst? Weltfremde Spinner, Jusos oder 68er-Altkader? Keineswegs. Diese Ideen sind genau sechzig Jahre alt. Entwickelt von Architekten und Stadtplanern für die Interbau 1957. Die ungenannten Verfasser suchten West-Berliner Antworten auf Krieg und Teilung, Wohnungsnot und SED-Propaganda. Es war die Utopie von einer besseren Gesellschaft auf Basis einer sozialen Marktwirtschaft. Im untergegangenen alten Hansaviertel wurde dieser Traum Realität. Mit allen Vorzügen und Fehlern der Moderne. Das Hansaviertel wird in diesen Tagen sechzig Jahre alt. Sein Versprechen ist aktueller denn je.

 

„Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel“. Inschrift an einem Berliner Mietshaus der 50er Jahre.

 

Alle Zitate aus der Broschüre „Die Stadt von morgen“ von 1957.

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