Hoch hinaus

„Solang ich klettern kann, solange ich Bücher schreiben kann, so lange bin ich jung.“ Zum Schluss wurden die Berge zu hoch. Die Knochen zu müde. Nur der Verstand blieb wach, fand keine Ruhe. Heiner Geißler. In einem seiner letzten Interviews vom Sommer erklärte er: „Die einzige Angst, die berechtigt ist, ist die vor dem Tod. Von hundert Leuten sterben hundert.“ Das Tröstliche: Sein Vermächtnis bleibt unsterblich. Wage zu denken. Nutze dein Leben. Gehe deinen eigenen Weg.

Heiner Geißler durfte ich in den letzten Jahren näher kennenlernen. Es war ein Vergnügen ihn zu treffen. Er öffnete Türen, ließ Gedanken zu, auch wenn er manche für unausgereift hielt. Er selbst wurde im Alter immer kompromissloser und unbeugsamer. Nur ein Beispiel: In einem kurzen Kulturbeitrag für aspekte forderte er die sofortige Sprengung der Siegessäule in Berlin. Warum? Das Monument stehe wie kein anderes für preußischen Militarismus, antwortete der gebürtige Schwabe trocken. Wir schafften es mit diesem Vorschlag auf Seite eins des Boulevards. BILD schäumte. „Geißler dreht durch“, hieß es.

 

Heiner Geißler. 2016 auf der Frankfurter Buchmesse.

 

Hatte sich Helmut Kohls einstiger Scharfmacher vom Saulus zum Paulus gewandelt? Einst attackierte er die Sozis als „fünfte Kolonne Moskaus“ und die Grünen brandmarkte er als Vertreter „eines Pazifismus, der Auschwitz erst ermöglicht“ habe. Nach seinem Sturz als CDU-Generalsekretär 1989 ging der bekennende Katholik und Jesuit eigene Wege. Alle Versuche eines Comebacks hintertrieb Kohl. Geißler suchte und fand nach Umwegen aber die Rolle seines Lebens. Als Mahner, Quer-Denker und radikaler Utopist. Er träumte den Traum einer besseren Gesellschaft.

 

Mit Heiner Geißler auf dem Blauen Sofa.

 

Geißler warnte vor der „Renaissance des Nationalismus“, das zu einem „architektonisch eher mittelmäßigen Hohenzollernschloss“ geführt habe. 2012 fragte er: „In welchem Geisteszustand befindet sich eigentlich die Verwaltung und Regierung von Berlin, die im Herzen ihrer Stadt das dümmste Monument der Republik anstandslos akzeptiert, nämlich die Siegessäule mit eingelassenen Kanonenrohren aus denen die Preußen auf deutsche Landsleute und Franzosen geschossen hatten, und die Hindenburgplätze, ja sogar Dscherschinski-Straßen für angemessen hält, es aber ablehnt, auch nur eine Nebenstraße nach dem von rechtsextremen Nationalisten ermordeten ersten Reichsfinanzministers Matthias Erzberger zu benennen.“

 

Siegessäule in Berlin. Weil er sie nicht sprengen konnte, nutzte er „das hässliche Moument“ als Trainingsstätte.

 

In seinem lesenswerten Buch „Sapere audere – Wage zu denken“ geißelte er die „Schande des Kapitalismus“. Er verurteilte „Spekulation mit Grundnahrungsmittel“ und forderte eine Transaktionssteuer. Damit schaffte er es in Talkshows, blieb im politischen Tagesgeschäft jedoch chancenlos. Heiner Geißler suchte stets die Herausforderung. Augenzwinkernd erzählte er mir noch über die Siegessäule, die er eigentlich sprengen wollte. „Da dies zeitnah nicht umzusetzen war, beschloss ich das Monument als Trainingsstätte zu nutzen. Für zehn Groschen alle Stufen rauf und wieder runter. Ein ideales Fitness-Programm.“ Dann lächelte er und schlug vor, die Zeit für einen guten Tropfen „Gleisweiler Hölle“ zu nutzen. Sein geliebter Wein aus dem eigenen pfälzischen Anbau.

 

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