Babylon Berlin – Ciprian

Berlin wächst. Jeder Jahr um die Größe einer deutschen Provinzstadt wie Pinneberg oder Pirmasens. Dabei scheint in der Hauptstadt – außer der großen Klappe – nichts so richtig zu funktionieren. Verstopfte Straßen, unbezahlbare Wohnungen, überforderte Behörden, kaputte Schulen, gigantische Großprojekte, die nicht fertig werden wollen. Der Flughafen BER ist bereits über zweitausend Tage im Rückstand. Nur noch Optimisten glauben an eine Eröffnung vor 2021. Berlin erlebt in diesen Tagen eine zweite Gründerzeit. Die 3.6 Millionen-Metropole ist ein nervöser Moloch – und doch wollen alle hin. Was sich geändert hat? – Täglich sehe ich in den Straßen Berlins  an fast jeder Ecke, auf Plätzen, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

***

„Guten Morgen!“ Der Mann sitzt auf einer Decke, grüßt freundlich, wünscht einen guten Tag. Er lächelt auf seinem Stammplatz in der Passage am Savignyplatz. Einer der vielen Bettler der Hauptstadt. Die Menschen eilen an ihm vorbei, zur S-Bahn. Ich bleibe stehen, entschließe mich endlich einmal zu fragen, wie er heißt. Wie oft habe ich ihn schon gesehen, ab und zu einen Groschen in seine Tasse geworfen, um dann weiter zu hasten. Gefragt hatte ich ihn noch nie. Der Mann schaut hoch. „Ciprian!“ – Mmh. Wie?  – „Ciprian. Schöner Name. Kommt in meiner Heimat häufig vor“, sagt der Mann auf der Decke.

 

Ciprian. Berlin-Savignyplatz. Herkunft: Rumänien.

 

Heimat? Wo das für ihn sei, frage ich: „Rumänien.“ Jeden Morgen ist er da wie der Bäcker. Oder der Kiosk nebenan mit seinem BILD-Aufsteller und den dicken Schlagzeilen. Ciprian hat wache Augen, die Hand bereit zum Gruß. Meistens trägt er eine Pudelmütze und einen grünen dicken Parka, auch im Sommer. In seiner Hand eine klappernde Tasse aus Blech. Sein Arbeitsgerät. Vor ihm huschen Menschen zur Arbeit, neben ihm liegt eine Krücke, hinter ihm befindet sich ein katalanisches Delikatessengeschäft. Dessen Jalousien sind schon länger geschlossen. Das Konzept hat wohl nicht funktioniert.

Ciprian ist Anfang dreißig. „31!“. Er zeigt mir mit seinen Fingern eine drei, dann eine eins. An manchen Tagen sieht er viel älter aus. Das Leben hat sich in sein Gesicht gegraben. Der freundliche Mann vom Savignyplatz erzählt mir mit Händen und Füßen von Pitescht. Ich verstehe ihn nicht. Ich google den Namen später. Es muss wohl Pitesti sein. Eine Provinzstadt mitten in der Walachei. 160.000 Einwohner. Ciprian schaut mich an. „Drei Stunden von Bukarest. Kennst Du Bukarest – Hauptstadt?“ Was ihn nach Berlin verschlagen hat, will er nicht sagen. Er winkt ab. Was zählt, dass er jetzt hier sei. Ciprian ist EU-Bürger. Wie ich. Und doch trennen uns Welten. Zum Abschied lächelt er – wie jeden Morgen und wünscht einen „Guten Tag!“

 

Berlin-Mitte. Mühlenstraße 50. Rückseite der „East Side Gallery“. Hotspot für Touristen.

 

Fortsetzung folgt.

 

Wer in der Winterzeit nachts helfen will, aber nicht weiß, wie Menschen in Notlagen vor Erfrierung geschützt werden können: Der Kältebus der Berliner Stadtmission ist von 21 – 03 Uhr unter der Nummer 0178 523 5838 zu erreichen.

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