Babylon Berlin – Uwe

„Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste.“ Dieser Satz ist gut hundert Jahre alt. Der Schriftsteller und Chronist Alfred Kerr notierte ihn 1896 und schilderte in einer Mischung aus Faszination und Entsetzen, wie sich die neue Hauptstadt häutete. Heute steht an den Häuserwänden: „Leute kauft Deckel! Die Welt ist bald im Eimer.“

Der nachfolgende Text stammt aus dem September 2017.

 

Uwe. Standort: Berlin-Charlottenburg. Herkunft: Brandenburg.

 

„95% der Obdachlosen sind an ihrem Schicksal selbst schuld“ erklärt Uwe. Der Mann mit dem Rauschebart sitzt im Schneidersitz vor der S-Bahnstation, solange Tageslicht ist. Er könnte jederzeit bei einem Karl Marx-Casting mitmachen. Uwe hat fast alles hinter und nur wenig noch vor sich. Jobverlust, Spielsucht, Scheidung, Schulden, Alkohol, Einsamkeit, Obdachlosigkeit. Uwe lebt von 430 Euro Grundsicherung. Den Rest zum Überleben erbettelt er sich. „Wenn es kalt ist, geben die Leute mehr. Besonders Frauen.“ Uwe zieht an seiner Pfeife. „Ich habe Landwirt gelernt.“ Jetzt hat er Probleme mit dem Herzen. Es flattert. „Meine Pumpe will nicht mehr so“.

 

 

Was sich in letzter Zeit geändert habe? „Die Zeiten sind härter geworden. Die Leute fragen mich, ob ich Deutscher bin, bevor sie etwas geben. Das ist neu.“ Uwe hat noch eine winzige Wohnung. Die will er nicht verlieren. „Heute schimpfen alle auf Merkel. Sie muss weg. Ich will den Bayern. Den Horst.“ Uwe meint den Seehofer von der CSU. Mit den Pegida-Leuten will er aber nichts zu tun haben. Da seien zu viele Braune dabei. Er hebt seine Stimme: „Damit eines klar ist: Ich bin Deutscher, kein Faschist.“

 

Gesehen in Lübeck. 2017.

 

Eine Frau steckt ihm ein Schoko-Croissant zu. Sie lächelt Uwe an. „Sollst auch was Süßes haben. In diesen harten Zeiten.“ Uwe streicht sich durch den Bart. Schnurrt zufrieden. Sie hastet weiter. Manchmal gibt es Momente, die das Leben lebenswert machen. Tja, sagt sein Blick. So sieht es aus, mein Leben. Das können sich die meisten überhaupt nicht vorstellen. „Tapfer bleiben. Haltung bewahren“, murmelt Uwe. „Ohne Gegenwehr hören die Schweinereien nie auf.“ Er hält inne. „Die Welt ist unfair. Was kann ich noch tun?“ Sein Fragezeichen verliert sich im Straßenlärm. Uwe zieht an seiner Pfeife. Sie ist längst aus.

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Fortsetzung folgt.

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