Über den Wolken

Weihnachtsfeier der Ehrenamtlichen in einem Berliner Krankenhaus. Es gibt Kekse, Glühwein und gemütliches Beisammensein. Die meisten in der Runde gehören zur Generation der Baby-Boomer. Geboren in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Kinder des Wirtschaftswunders. Am Ende wird ein Text verteilt, dann gesungen. Es ist ein altes Lied von Reinhard Mey. Es heißt: „Ich denk`, es war ein gutes Jahr.“ Ein Raunen geht durch die Runde. Zustimmung. Freude. Alle singen mit. Der Liedermacher ist hier bekannt und beliebt.

 

Reinhard Mey. 1974 schrieb er „Über den Wolken“.

 

                                         „Ich denk`, es war ein gutes Jahr.“

Du kommst, den Arm um mich zu legen,

Streichst mit den Fingern durch mein Haar:

„Denk` dran, den Holzscheit nachzulegen …

Ich glaub` , es war ein gutes Jahr.“

 

Der „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“-Erfinder gilt als großer Romantiker, als „Rückzugslyriker“ und der nette, ideale Schwiegersohn. Er wurde vom Zeitgeist oft belächelt und heftig unterschätzt. Reinhard Mey will ja niemand weh tun, hieß es. Ein großer Irrtum. Reinhard Mey wollte, dass zugehört wird. Anfangs zog er mit Hannes Wader durch kleine Clubs und gastierte auf Liedermachertreffen, wie dem berühmten Folkfestival auf der Burg Waldeck Mitte der sechziger Jahre.

Er entdeckte den französischen Chanson, nannte sich zweitweise Frédéric Mey. Folgerichtig erzielte er seine ersten Erfolge in Frankreich. In Deutschland stand er lange unter Schlagerverdacht. Das hielt ihn nicht auf. Über 500 Lieder hat er geschrieben, 27 Alben veröffentlicht. Klassiker sind seine Songs „Ich wollte wie Orpheus singen“ – „Ich bin Klempner von Beruf“ – „Ankomme Freitag den Dreizehnten“.

 

 

Nun ist Reinhard Mey 75 geworden. Kaum zu glauben, so frisch und zeitlos klingen seine Lieder. Als einer der wenigen gelingt es ihm nach wie vor über Schichten und Generationen hinweg Zuhörer zu erreichen. Eine seltene Gabe im Zeitalter der hemmungslosen Selbstoptimierung. Und so singen der Chefarzt, die Sekretärin und der Pastor fröhlich mit, um mit Reinhard Mey die Weihnachtsfeier zu beenden. Wo? In Berlin-Wilmersdorf, dort, wo Reinhard Mey, der Bürgersohn einmal geboren wurde. Der leise Liedermacher, der so viel zu sagen hat. Ein Beispiel aus dem Jahre 1996 – Sei Wachsam.

 

 

Im Februar 2018 geht Reinhard Mey wieder auf Tournee.

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